Zwischen ‚blindem‘ und ‚tiefem‘ Staat – Wo fängt der Staat an, wo hört der NSU auf?

»Ungereimtheiten, Widersprüche und Rätsel begleiten viele Affären. Und wenn man Skandale durchs Mikroskop betrachtet, wächst gewöhnlich das Grauen. Aber ein solches Staatsversagen wie im Fall der Zwickauer Terrorzelle ist schon eine Rarität. Dafür muss es Gründe geben: Versagen von Amts wegen, enorme Schlamperei – oder doch eine Kumpanei einiger Staatsdiener mit einer Mörderbande?« (Chaostheorie, Süddeutsche Zeitung vom 5.7.2012)

Der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz/BfV und des Thüringer Verfassungsschutzes haben ihr Amt bereits aufgeben. Ihnen folgte der Chef des Verfassungsschutzamtes in Sachsen. Ein Dominoeffekt wird befürchtet, ein Systemabsturz droht. Jetzt heißt es als Regierung und Opposition zusammenhalten, als Verdunkler und Aufklärer wieder zusammenrücken, um gemeinsam das erschütterte Vertrauen in den Verfassungsschutz in einer Blitzheilung wiederherzustellen.

Aktualisierte Fassung vom 14.7.2012


Vor neun Monaten erfuhren wir, dass die zwei toten Männer im Campingwagen nicht nur routinierte Bankräuber, sondern vor allem Mitglieder einer neonazistischen Terrorgruppe namens ›NSU‹ waren, von deren Existenz keine staatliche Stelle etwas gewusst haben will.
Herrschte über ein Jahrzehnt Ahnungslosigkeit, so wurden wir in der Folgezeit mit einer Flut von Medienberichten konfrontiert, die Fakten, Indizien, Auszüge aus bislang geheim gehaltenen Akten an die Oberfläche spülten, über die alle Verfolgungsbehörden, von Polizeidienststellen, über Landesämter des Verfassungsschutzes, bis hin zu Bundesbehörden (BfV, BKA, GBA) den Teppich des Schweigens ausbreiteten.


Alle großen Medien beteiligten sich an dieser Aufklärungsarbeit, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung. Die BILD-Zeitung interviewte einen SOKO-Chef, der der offiziellen Version von den tödlichen Ereignissen am 4. November 2011 deutlich widersprach, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau zitierten aus geheim gehaltenen Unterlagen, die der offiziellen Version, man habe keine ›heiße Spur‹ zu den NSU-Mitgliedern gehabt, eklatant widersprachen. Auch einige Fernsehsender beteiligten sich mit eigenen Recherchen daran, wie die ZDF-Dokumentation, die die Eltern von Uwe Böhnhardt ausführlich interviewte und die massive Behinderung der Aufklärung des Mordes 2006 in Kassel durch den damaligen hessischen Innenminister Bouffier belegen konnte.
Nun scheint sich der Wind in vielerlei Hinsicht zu drehen: Zum einen gibt es jetzt doch Verantwortliche für den Umstand, dass einer der bestausgerüsteten Gewaltmonopole in Europa über zehn Jahre keine Ahnung von den abgetauchten Mitgliedern des Thüringer Heimatschutzes/THS gehabt haben will, obwohl dieser von so vielen V-Männern durchsetzt war, dass man heute mit dem Zählen nicht nachkommt. Aktuell mussten der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz/BfV und des Thüringer Verfassungsschutzes ihr Amt aufgeben. Ihnen folgte der Chef des Verfassungsschutzamtes in Sachsen.

Ein Dominoeffekt wird befürchtet, ein Systemabsturz. Denn die These, es handele sich bei alledem um Versäumnisse, Pannen und persönliche Unzulänglichkeiten lässt sich kaum noch halten.

Die Gefahr, dass man aus diesem organisierten Versagen eben nicht die Stärkung jener Geheimdienste ableiten kann, sondern ihre Auflösung, bringt nun Aufklärungs- und Verdunklungswillen wieder zusammen. Soweit will es niemand kommen lassen, bei allem Bedürfnis nach Quote und Auflagesteigerung. Jetzt heißt es als Regierung und Opposition zusammenhalten, und das erschütterte Vertrauen in den Verfassungsschutz in einer Blitzheilung wiederherstellen.

Die umbrella man-Theorie – der Rettungsschirm der Aufklärer?

Auch medial wird das Ruder herumgerissen. In der Politsendung ›Panorama‹ vom 5.7.2012 kommt ausführlich das Ehepaar Temme zu Wort. Im Zentrum steht die Rolle des hessischen Ex-Verfassungsschutzmannes Andreas Temme, der zur selben Zeit in jenem Internet-Café in Kassel war, als der türkische Besitzer hingerichtet wurde. Lässt man die Bilder und Worte auf sich wirken, hat man nur eines: Mitleid mit einem Verfassungsschutzmann, der seinen Job verloren hat, mit seiner Ehefrau, die alles mit ertragen musste und dennoch und jetzt erst recht zu ihm hält. Am Ende dieses Beitrages ist das Opfer nicht der türkische Internet-Besitzer, sondern Andreas Temme, der all dem wehrlos ausgeliefert ist.
Gemeinsames Fazit der Panorama-Redakteure und des Ehepaares Temme: am falschen Ort, zur falschen Zeit! An allem anderen sind die Medien schuld.

Am selben Tag überrascht auch die Süddeutsche Zeitung mit einem ganzseitigen Artikel: »Chaostheorie – Gibt es in Deutschland einen ›Tiefen Staat‹ – also eine Zusammenarbeit von Behörden und Rechtsextremisten?«
Der Titel liegt noch ganz auf der kritischen Linie der Redaktion und macht neugierig. Was dann jedoch folgt, ist eine ganzseitige Selbstidiotisierung, auf scheinbar hohem Niveau. Man lässt die Story im Jahr 1963 beginnen, als John F. Kennedy ermordet wurde. In der Elm Street in Dallas, wo das Attentat geschah, wurde ein Mann unter einem Regenschirm gesehen, der einzige an diesem recht warmen, himmelblauen Tag. Angeblich ranken sich um diesen ›umbrella man‹ zahlreiche Geschichten, bis heute: »Eine der vielen bis heute umlaufenden Verschwörungstheorien besagt, dass Kennedy aus dem Regenschirm heraus erschossen wurde.«
Dann folgt ein großer Zeitsprung und wir landen im Jahr 2012, in Deutschland. Die Redakteure John Goetz, Hans Leyendecker und Tanjev Schultz wollen zwei Wiedergänger ausfindig gemacht haben. Der erste ›umbrella man‹ ist der Leiter der Referatsgruppe 2b im Bundesamt für Verfassungsschutz, der die Vernichtung der Akten über die ›Operation Rennsteig‹ auf sich genommen hat.
Der zweite Wiedergänger ist der bereits erwähnte ehemalige hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme. Was sollen alle drei gemeinsam haben? Bis die Redakteure darauf eine Antwort geben, lassen sie uns Leser noch eine ganze Weile zappeln. Bevor die Auflösung kommt, werden noch einige bekannte Merkwürdigkeiten aufgezählt, die eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit zwischen Behörden und Neonazis begründen könnten.
Welchen Schluss sie daraus ziehen, verrät ganz am Ende der Plot, ein erneuter Zeitensprung in die USA: »Jahre nach dem Attentat in Dallas auf den damals mächtigsten Mann der Welt sagte er (der umbrella man, d.V.) im amerikanischen Kongress aus. Er brachte seinen Schirm mit und erklärte, er habe ihn damals nur als Zeichen des Protests verwendet

Was will uns diese Parabel sagen? Der umbrella man in den USA, der BfV-Referatsleiter und der hessischen Verfassungsschutzmitarbeiter sind Opfer missverständlicher, unglücklicher Umstände! Ganz in diesem Sinne hat der Ex-Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme auch das letzte Wort: »Ich war ganz einfach der falsche Mann am falschen Ort.«

Ganz einfach!?

Ein vielleicht literarisch gekonntes Plädoyer für einen Freispruch, der sich auf jeden Fall mit einem messen lassen kann: mit dem Aufklärungswillen der Verfolgungsbehörden.
Selbstverständlich handelt es sich auch hier um einen reinen Zufall: Der Mitredakteur John Goetz des Artikels in der Süddeutschen Zeitung war auch Mitredakteur bei der erwähnten Panorama-Sendung vom 5.7.2012. (http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2012/nsu151.html)

Haben die Aufklärer Angst vor der eigenen Courage bekommen? Warum kommen sie zu einem Schluss, der ihre eigenen Zweifel ad absurdum führt?
Sind es die Fakten, die sie mit zusammengetragen haben, die sie zu einem solch billigen Ende führen, oder die Angst vor den politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben müssten?

Wer kann im Darkroom (was) sehen?

Man weiß so wenig. Nur eins: Geheimdiensten ist absolut alles zuzutrauen. Es ist ihr Job, zu lügen, zu täuschen und zu tarnen. Manchmal auch zu morden – wer das bestreitet, lebt im Glücksbärchenland.“ Mark Nenecke, Kriminalbiologe, FR vom 17.6.2011

Sich auf das Terrain von Geheimdiensten und Verfolgungsorganen zu begeben, heißt immer, sich in verdunkelten Räumen zurechtzufinden. Das hat nichts mit obskuren Bedürfnissen zu tun, sondern mit dem Gegenstand der Untersuchung. Sowohl Geheimdienste als auch Verfolgungsorgane nehmen für sich in Anspruch, nicht alles preiszugeben, schon gar nicht, ihr Tun vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Als Begründung dienen ›übergeordnete Staatsinteressen‹, zu deren Schutz tatsächliches Wissen und Tun der Geheimhaltung unterliegen.
Einer unter diesen Bedingungen abgegebenen offiziellen Version zu widersprechen, ist folglich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, man könne nur im Trüben fischen. Schließlich könne man in einem beweisfreien Raum keinen Gegenbeweis führen. Diese Schwierigkeit, die nicht die KritikerInnen, sondern die Herren beweisfreier Räume zu verantworten haben, wird schnell und gedankenlos den KritikerInnen selbst angelastet. Genauso schnell wird jede andere Version als die Offizielle als Verschwörungstheorie gebrandmarkt, ganz vehement und laut von jenen, die diesen beweisfreien Raum angelegt haben.
Auch unter linken, staatskritischen Gruppierungen genießen Verschwörungstheorien keinen guten Ruf. Lassen wir alle gängigen Verallgemeinerungen einmal beiseite, gibt es tatsächlich auch innerhalb der Linken Erklärungen, die dem bösen Ruf von Verschwörungstheorien durchaus gerecht werden. Es geht um Erklärungsversuche, die bei besonders schweren Staatsverbrechen so etwas wie eine geheime Kommandozentrale ausmachen, die hinter dem Rücken politisch Gewählter die wirklichen Fäden der Macht in der Hand halten.
Dieser Art der Enthüllung dient dieser Text nicht. Wenn im Folgenden der offiziellen Version über die Mordserie der ›NSU‹ widersprochen wird, dann wird hinter der möglicherweise ganz anderen Version keine geheimnisvolle Macht vermutet.
Die hier geäußerte Befürchtung ist eine ganz andere: Die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, dass das, was bis heute der Geheimhaltung unterliegt, nicht außerhalb bestehender Institutionen, sondern im Schutz bestehender Institutionen passiert ist.

Wie will, wie kann man also einer Darstellung widersprechen, deren Details der ›Geheimhaltung‹ unterliegen? Wie will man ein Ereignis rekonstruieren, wenn alles konstitutive im Verborgenen bleibt, also außerhalb des Rechtsinstituts einer belastbaren Überprüfbarkeit?
In diesen Darkroom einzutreten, heißt also nicht, Gespenster zu sehen, sondern vor allem eines: Plausibel zu begründen, warum staatliche Stellen das Licht ausschalten und genau jene gespenstigen Umstände schaffen, die sie den KritikerInnen unterstellen. Der offiziellen Version zu widersprechen, kann also nicht heißen, es besser zu wissen. Unter diesen Umständen kann dies nur bedeuten, zu belegen, dass eine andere Version der Ereignisse genauso plausibel, möglicherweise viel wahrscheinlicher ist. Dieser Vorgehensweise bedienen sich auch Gerichte und kommen auf diesem Wege zu Urteilen.

Jeder Widerspruch zur offiziellen Version lebt mit dem Problem, dass jede andere Erklärung nur mit den Fakten agieren kann, die an die Öffentlichkeit gelangt sind. Wir sind also auf das angewiesen, was jene, die zehn Jahre nichts gewusst haben wollen, nun preisgeben. Es ist also keinesfalls eine böswillige Behauptung, wenn man festhält, dass die Fakten, die an die Öffentlichkeit dringen, gefiltert sind, dass sie unter dem Vorbehalt zu werten sind, dass es sich um selektive Wahrheiten handelt, um eine Wahrheit, die nicht übergeordnete Staatsinteressen gefährdet.
Das gilt selbst für Untersuchungsausschüsse, die immer wieder damit konfrontiert sind, dass Akten ›unter Verschluss‹ gehalten werden, dass geladene Zeugen nur ›beschränkte Aussagegenehmigungen‹ von Ihren Dienststellen erhalten oder schlicht nicht ›ladungsfähig‹ sind.
Aufgrund dieses selektiven Zugangs zu sogenannten Ermittlungsergebnissen kann eine Kritik nur so vorgehen: Ähnlich einem Gutachter legt man sich alle vorhandenen Fakten ›aus dritter Hand‹ auf den Tisch und ordnet sie verschiedenen Erklärungen zu. Welche Fakten machen die offizielle Version plausibel, welche Fakten stützen eine andere Erklärung. Es kann also nicht Aufgabe einer Kritik sein, zu beweisen, wie es wirklich war. Es kann nur darum gehen, ganz nüchtern darüber zu befinden, was angesichts der vorliegenden Fakten genauso wahrscheinlich ist. Dann, so das Fazit dieser Recherche, wird man zu dem Schluss kommen, dass aufgrund der vorliegenden Fakten jede andere Version wahrscheinlicher ist, als die offizielle.

Auf dem Terrain von Geheimdiensten geht es nicht um die Wahrheit, sondern um das Erlangen der Informationshoheit

Was Politiker und kapitalstarke Unternehmen qua Status und privilegierter Beziehungen machen, hat bei Geheimdiensten ein eigenes Ressort. Nachrichten zu streuen, embedded Journalisten Informationen zuzuspielen (wofür diese sich bei anderer Gelegenheit ›erkenntlich‹ zeigen), Medien zu beeinflussen, ist kein bedauernswerter Auswuchs, sondern das Arbeitsfeld der Abteilungen ›Nachrichtenwesen‹. Geheimdienste pflegen nicht das naive, liberale Bild von der freien Meinungs- und Pressefreiheit. Für sie existiert ein ›Informationskrieg‹, in dem sie – wie auf jedem anderen Schlachtfeld auch – gewinnen müssen, was nichts anderes bedeutet als die ›Informations- und Deutungshoheit‹ zu erlangen bzw. zu bewahren.

Was macht man also mit der Flut der Informationen, die es im Fall der neonazistischen Mordserie der ›NSU‹ gibt? Sie sind widersprüchlich, sie passen nicht zusammen, sie verwirren, sie machen ratlos. Will man der Nachricht Glauben schenken, die eine Zeitung veröffentlicht hat oder dem Dementi, das von staatlichen Stellen oder von (anderen) Medien verbreitet wird?
Im Folgendes geht es darum, nicht den Kopf zu verlieren, sondern die Dementis und die zugrundeliegenden Nachrichten abzugleichen, aneinander zu legen. Manchmal verraten auch Dementis mehr, als sie wollen, grenzen den erhobenen Verdacht eher ein, als dass sie ihn ausräumen.

Der Text der drei Redakteure von der Süddeutschen Zeitung, die man eher dem investigativen Journalismus zuordnet, ist eine gute Vorlage.
Was hat der umbrella man in den USA mit den zwei Wiedergängern in Deutschland gemein?
Ergebnis dieses Beitrages ist jedenfalls, dass der umbrella man in den USA, der Referatsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und der hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme eines verbindet: Sie waren je der falsche Mann, am falschen Ort, zur falschen Zeit.

Beginnen wir mit dem ersten Wiedergänger, mit dem BfV-Referatsleiter: Was hat dieser Mann, der hochrangig zur Bekämpfung des ›Rechtsterrorismus‹ eingesetzt war, mit dem umbrella man gemein? Nichts. Der Referatsleiter hat keinen Regenschirm aufgespannt, der fälschlicherweise für die Mordwaffe gehalten wurde, sondern hat Akten vernichtet, als die Generalbundesanwaltschaft und der Untersuchungsausschuss diese angefordert hatten. Die Handlung des Referatsleiters wurde nicht fälscherlicherweise für bedrohlich gehalten und in ihrer Bedeutung überhöht, sondern als das bezeichnet was sie ist: die vorsätzliche Vernichtung von Beweismaterial in Verbindung mit einer Falschaussage. Was diese drei investigativen Journalisten dazu bewogen hat, ausgerechnet einen Mann, der am richtigen Ort das für ihn (und seine Behörde) richtige getan hat, mit einem ahnungslosen Mann mit Regenschirm zu vergleichen, ist mehr als schleierhaft.

Was es mit dem zweiten Wiedergänger des umbrella man auf sich hat, dem hessischen Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme, ist sicherlich um einiges schwieriger. Dabei greifen die SZ-Autoren auch auf die Panorama-Sendung zurück, in deren Mittelpunkt das Ehepaar Temme stand. Noch einmal kommt Andreas Temme zu Wort: »Ich war das angreifbarste Opfer.« Noch einmal wird betont, dass der Internetbesuch des hessischen Staatsschützers am dem Tag, wo sich der Mord ereignete, eine »Chat-Affäre« war, hinter der »Verschwörungstheoretiker bis heute eine große Staatsaffäre« vermuten.
Abgesehen davon, dass die SZ-Autoren ihren eigenen investigativen Ehrgeiz lächerlich machen, geht es bei den Fragen um die Rolle eines Staatsschützers, der vor und nach dem Internet-Besuch mit (von ihm geführte) Neonazis Kontakt hatte, um etwas anders.
Dass eine Fernsehsendung ausführlich Frau und Herr Temme zu Wort kommen lassen, ist gut und richtig. Bemerkenswert an dieser Sendung ist jedoch, dass die Redakteure an keiner Stelle die Aussagen des Ehepaars Temme mit bisher unbestrittenen Tatsachen konfrontieren! Warum haben sie diese Gelegenheit nicht genutzt? Herr Temme stellte sich in der Sendung als ein Opfer dar, dem seine neofaschistischen ›Jugendsünden‹ nachgetragen werden und sagt dazu lediglich, dass all das lange her sei. Warum haben die Redakteure Herr Temme nicht damit konfrontiert, dass 2006 in seiner Wohnung Auszüge aus ›Mein Kampf‹, Papiere neonazistischer Gruppen und Schriften zum Dritten Reich gefunden wurden?

Herr Temme beschreibt in besagter Sendung seine Seelenqualen, dass er von dem Mord nichts mitbekommen habe, dass er die Schüsse nicht gehört habe und die Mörder nicht hat fliehen gesehen. Warum konfrontieren die Redakteure Herrn Temme nicht mit den Feststellungen aus den Untersuchungsberichten, dass es schier unmöglich ist, an der Theke des Internetcafés zu bezahlen, ohne den ermordeten Internet-Besitzer dahinter liegend zu sehen? Warum fragen sie ihn nicht, wie es möglich ist, 50 Cent auf die Theke zu legen, ohne das Blut des Ermordeten auf der Theke zu sehen?
Warum lassen die Redakteure diese Gelegenheit nutzlos verstreichen, obwohl all das, was einer Ahnungslosigkeit widerspricht, auch den Redakteuren bekannt war?

Das Telefonbuch der NSU – in den Händen der Polizei

Ein weiteres Beispiel dafür, dass mit Aufklärung auch Vertuschung einhergehen kann, sei hier ausgeführt. Vierzehn Jahre wurden wir mit der Version abgespeist, man habe am 26. Januar 1998 bei der Durchsuchung von Garagen in Jena über 1,4 Kilo Sprengstoff und Rohrbomben beschlagnahmt – mehr nicht. Die späteren NSU-Mitglieder konnten in aller Seelenruhe abtauchen. Alles täte allen so leid…
Jetzt präsentiert – wieder einmal die investigative Süddeutsche Zeitung – eine Telefonliste, die gleichfalls in den durchsuchten Garagen gefunden wurde. »Etwa 35 Namen samt Adressen und Telefonnummern waren auf dem Papier festgehalten … Ein ›Who is Who‹ der mutmaßlichen Unterstützer des rechtsextremen Terrortrios ›Nationalsozialistischer Untergrund‹ (NSU) … Vielfach handelt es sich um Personen, die heute beschuldigt werden, Hilfsdienste für Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe geleistet zu haben. So ist der Name von Rolf Wohlleben handschriftlich in das Verzeichnis gekritzelt – der einstige NPD-Funktionär aus Jena sitzt derzeit in Untersuchungshaft, weil er verdächtigt wird, eine Schusswaffe für das Terror-Trio besorgt zu haben.« (SZ vom 13.7.2012).
Der Traum eines jeden Ermittlers. Denn mithilfe dieser Liste ist es ein Kinderspiel, über das neonazistische Umfeld direkt an die NSU-Mitglieder heranzukommen.
Und was macht der Redakteur der Süddeutschen Zeitung daraus? Er gibt die Version der polizeilichen Ermittler wieder: Man habe dieser Telefonliste keine Bedeutung beigemessen, »der Kriminalkommissar, der Anfang 1998 die Liste inspizierte, meinte, die Namen seien ›nicht von Relevanz‹. So landete der Papp-Karton in der Asservatenkammer des LKA; die starke Spur, die von Anfang an nach Sachsen wies, wurde nicht verfolgt.« (SZ vom 13.7.2012).
Dass ein Redakteur auch die Version der Ermittler wiedergibt, ist redlich. Dass er dieser abstrusen Begründung jedoch mit keinem einzigem Satz widerspricht, sondern wieder und wieder die Version kolportiert, das alles sei einem »Nebeneinander von Ermittlern, V-Leuten und Länderbehörden« geschuldet, ist journalistisch mehr als unredlich und wissentlich irreführend!
Warum wurde die Existenz dieser Liste vierzehn Jahre verschwiegen?
Glaubt der Journalist im Ernst, die Ermittler hätten diese Liste inspiziert und nicht erkannt, das sie das Who is Who der Naziszene in der Hand hielten?
Dazu hätte man jede Antifa-Gruppe aus Jena oder Umgebung fragen können, um zu der alles andere als detektivischen Feststellung zu kommen, dass es sich um bekannte Mitglieder des Thüringer Heimatschutzes/THS und um »auffällig viele Mitglieder des Neonazi-Netzwerks ›Blood & Honour‹ handelte.
Und wieder darf man unterstellen, dass der Journalist um diese Absurdität weiß. Denn würde er nur im Ansatz dieser Polizeiversion widersprechen, würde er seinem eigenen Gefälligkeitsjournalismus den Boden entziehen.
Denn gehen wir einmal von der viel naheliegender Version aus, dass die Ermittler sehr wohl wussten, was ihnen in die Hände gefallen war, dann ist der nächste Schlussfolgerung nicht mehr aufzuhalten: Die Verfolgungsbehörden hatten von Anfang an eine geradezu fantastische Sicht auf das neonazistische Umfeld der abgetauchten NSU-Mitglieder und saßen (über abgehörte Telefonate, über Observationen und V-Männer) am Tisch des NSU!
Damit wäre die Legende von den Pannen und persönlichen Unzulänglichkeiten vom Tisch und die Frage stände im Raum: Wer unterstützt(e), wer leistete einer terroristischen Vereinigung über vierzehn Jahre Beihilfe?

Was vor 20 Jahren Verschwörungstheorie war, ist heute eine unbestrittene Tatsache

Dass ein anderer Ablauf der mörderischer Ereignisse wahrscheinlich, wenn nicht gar naheliegender ist, dass die Verfolgungsbehörden die abgetauchten THS-Mitglieder nicht verloren hatten, sondern zahlreiche Kontakte zu ihnen pflegten, beantwortet nicht die viel schwerwiegendere Frage: Wenn es ›ganz anders‹ war … welche politischen Motive, welche staatlichen Interessen stecken dahinter, über zehn Jahre eine neofaschistische Terrorgruppe zu schützen?
Erfahrungsgemäß kann man auf die hier aufgeworfene Fragen in zehn, zwanzig Jahren eine beweiskräftige Antwort geben, wenn Dokumente freigegeben werden, die heute niemand einsehen oder einfordern kann. Also ›unter Verschluss‹ gehaltene Dokumente, die hier nicht Gegenstand sein können.
Wir können nicht in die Zukunft schauen, sehr wohl in die Vergangenheit.

Dass etwas, was auch vor 30 Jahren für blanke Verschwörungstheorie gehalten wurde, tatsächlich so stattfand, möchte ich an einem zurückliegenden Fall erklären. Als es in den 70er und 80er Jahren immer wieder zu neofaschistischen Mord- und Bombenanschlägen in Europa kam (Bombenanschlag in Bologna am 2. August 1982/Anschlag auf das Oktoberfest in München am 26. September 1980), kam der Verdacht auf, dass viele dieser neofaschistischen Anschläge im Schutz staatlicher Stellen und Dienste begangen wurden. Hinweise, die bereits damals diese Mutmaßung stützten, wurden jedes Mal von staatlicher Seite als bösartige Verleumdungen und aberwitzige Unterstellungen zurückgewiesen. Es dauerte über 20 Jahre, bis Licht in diese verdunkelten Zusammenhänge drang. Dr. Daniele Ganser, Historiker und Friedensforscher an der Universität Basel, hatte das Glück in Akten Einsicht zu nehmen, die in der Schweiz freigegeben wurden. Er wertete sie aus und kam zu dem Schluss, dass die NATO eine Stand-behind-Armee aus neofaschistischen Gruppen aufgestellt hatte, um diese im Zweifelsfall als faschistische ›Reserve‹ einzusetzen. Im Schutz dieses ›Gladio-Programmes‹ wurden zahlreiche Bombenanschläge ausgeführt, um so das Eingreifen des Staates zu provozieren (›Strategie der Spannung‹) bzw. zu rechtfertigen – und wenn nötig, einen Putsch zu legitimieren.
Als Reaktion auf die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse der ETH Zürich gab das Außenministerium der USA eine umfangreiche Pressemitteilung heraus. Darin wurde die Existenz der Geheimarmeen sowie die zentrale Rolle der NATO und die Beteiligung der CIA indirekt bestätigt: Daniele Ganser: NATO’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO’s Secret Stay-Behind Armies. Cass, London 2005, ISBN 3-8000-3277-5, S. 25.

Wolf Wetzel           11.7.2012

Dieser Text basiert auf einer sechsmonatigen Recherche, die hier nachzulesen ist:
https://wolfwetzel.wordpress.com/2012/01/30/thesen-zur-neonazistischen-mordserie-des-nationalsozialistischen-untergrundes-nsu/

Unter dem Titel: „Was vor 20 Jahren Verschwörungstheorie war, ist heute eine unbestrittene Tatsache“ findet sich dieser Beitrag auch auf dem Online-Portal „NachDenkSeiten“ vom 13.7.2012: http://www.nachdenkseiten.de/?p=13849

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5 Antworten to “Zwischen ‚blindem‘ und ‚tiefem‘ Staat – Wo fängt der Staat an, wo hört der NSU auf?”

  1. dildoldi Says:

    Wieder ein Artikel, dem man nur uneingeschränkt zustimmen kann. Der Grund der Zustimmung liegt darin, daß hier nicht versucht wird, mithilfe irgendwelcher Hypothesen eine wie auch immer passierte Geschichte nachzuerzählen und dabei bestimmten Prämissen zu folgen, sondern daß das gute, alte logische Denken benutzt wird, was bis jetzt jedweder Wahrheit immer noch am nächsten gekommen ist. Ich finde es schon seit dem Tod der beiden „Terror-Uwes“ nämlich sehr merkwürdig, daß grade der Logik so wenig Platz eingeräumt wird.(Bankräuber mit massig Beute, Waffen, Beziehungen begehen Selbstmord nach so vielen Jahren Untergrund, ist das logisch?)
    Außerdem glaube ich, das Staatsfernsehen und diverse staatstragende Medien (SZ,FR,taz u.a.) haben den aktuellen Auftrag, das amtliche Märchen bezügl. der NSU zu stützen und daher werden die zitierten Berichte bestimmt nicht die letzten dieser Art gewesen sein. Dabei halte ich es für unwahrscheinlich, daß irgendwelche konkreten Anweisungen vorliegen, ich bin mir aber sicher, daß die beteiligten Redakteure ein wie auch immer geartetes diesbezügliches „Hintergrundgespräch“ mit wem auch immer geführt haben.
    Daß die gante Wahrheit in diesem Fall jemals ans Licht kommt, bezweifele ich, auch im Falle des Anschlags in Bologna oder des Münchner Oktoberfestattentats liegt ja noch Etliches im Dunkeln, meine Hoffnung besteht darin, daß irgendein frustrierter Geheimdienstler ein paar Akten, Datenträger, was auch immer mitgehen läßt, um seinen Chefs eins auszuwischen. Ich befürchte nur, daß die Chance dafür sehr gering ist…
    MfG

  2. Was mir heute wichtig erscheint #314 - trueten.de - Willkommen in unserem Blog! Says:

    […] mit dem geplanten neuen "Sparpaket" der spanischen Regierung auseinander. Trennungsunschärfe: Zwischen ‘blindem’ und ‘tiefem’ Staat – Wo fängt der Staat an, wo… (Wolf Wetzel, auch bei der "junge Welt") Gottgegeben: Pantoffelpunk meldet: Wir sind Papst! […]

  3. Ben Says:

    Zur Selbstmordthese und anderen Dingen,

    Hallo Wolf,

    vielen Dank für diese sehr interessante Analyse, die durchaus ein paar schlüssige Erklärungen für die Hintergründe anbietet. Ich habe mich dem Thema damals auf eine ganz andere Art und Weise genähert, weil viele dieser Zusammenhänge damals ja noch völlig im unklaren lagen. Ich hatte mich zunächst auf den Ablauf des Banküberfalles in Eisenach konzentriert, weil mir die von Dir erwähnten Unstimmigkeiten, wie bspw. die beiden verschiedenen Polizeiversionen ins Auge fielen. Die Version mit der MP kam übrigens von Michael Menzel, dem Leiter der später nach dem „Selbstmord“ im Caravan benannten Soko „Capron“. Der saß am Tattag als Leiter der Polizeidirektion in Gotha und will dann im Hubschrauber nach Eisenach geflogen sein (ca.35Km), was sich mit Aussagen deckt, dass ein Hubschrauber über Eisenach gesichtet wurde. Ein Vorortzeuge war er aber mit Sicherheit nicht, weshalb mir die ganze MP-Geschichte äußerst unglaubwürdig vorkommt, die ersten Beamten vor Ort haben nichts davon erwähnt. Auch seine sonstigen Erläuterungen, wie etwa, dass man nach einem Fahrzeug gesucht habe, in dem man Fahrräder hätte transportieren können, sind imho erst hinterher zur eigenen Erhöhung fabriziert worden. Was es tatsächlich gab, war einen Zeugen, der am Tattag zwei verdächtige Männer gesehen hatte, die Fahrräder in ein Wohnmobil luden und „mit quietschenden“ Reifen davonfuhren. Aber wann diese Information letztlich überhaupt bei der Polizei landete, ist doch ziemlich fragwürdig, ich würde darauf wetten, dass er das erst nach dem „Selbstmord“ in Stregda meldete.

    Beim vorherigen Bankraub in Arnstadt, hat Menzel zwar durchaus glaubwürdig akribisch ermittelt, aber irgendwo war zu lesen, dass seine These lautete, die Täter müssen vor Ort gewohnt haben. Und ein lustiges Detail am Rande, einer der beiden Täter in Arnstadt soll mit einer Schreckschusspistole bewaffnet gewesen sein. Völlig logisch, zwei Waffennarren mit stattlicher Sammlung und 10 Morden auf dem Buckel, nehmen aber zum Banküberfall lieber eine Schreckschusspistole mit.

    Doch zurück nach Eisenach, die thueringer-allgemeine hat da ja sehr intensiv und mit vielen Details berichtet. Demnach sind die beiden am Vortag, bereits gegen Mittag in Stregda laut Zeuginnenaussage „auf und ab“ gefahren. Einem weiteren Zeugen viel der auffällige Caravan ebenfalls auf. Warum? Völlig klar, winzige Stadtrandsiedlung mit kleinen Häusschen, wo jeder jeden kennt und den Namen des Hundes noch dazu. Die Frage ist, was wollten die beiden dort? Auffallen?
    In Eisenach gibt es einige Industrie/- und Gewerbegebiete, z.B. direkt südlich und westlich von Stregda, oder rund um Opel in Eisenach. Auch böte sich an, sich mit einem Caravan irgendwo rund um die Wartburg hinzustellen, nirgendwo wären sie aufgefallen, aber sie wählten eine Winzsiedlung wo jeder jeden kennt und sich natürlich fragt, hey, wem gehört denn dieser „tolle“ Carvan aus dem Vogtlandkreis?

    Doch dann wird es vom Ablauf her interessant, die beiden fuhren mit dem Caravan zur ehemaligen Großraumdisko MAD, Am Stadtweg 1, großes Gewerbegebiet nur wenige hundert Meter. Schlau gewählt, es gibt mit dem Fahrrad zwei Wege zur vielleicht 250m entfernten Filiale der Sparkasse am Nordplatz, eine durch eine Unterführung vom Autobahnzubringer. Selbst zu Fuß wäre eine Flucht vom Tatort zum Caravan in einer Minute möglich, ohne das ein Auto folgen könnte. 9:30 Überfall, geben wir dem 5 oder 10 Minuten, mit den verstauten Fahrrädern saßen sie spätestens 9:45 wieder im Caravan. Die Polizei in Eisenach sitzt in der Ernst-Thälmannstraße 78, ca. 2,3Km oder 5 Autominuten entfernt. Aber bis sie „ausschwärmen“ und am Tatort sind, der Zeitvorsprung der beiden dürfte knapp 10 Min betragen haben.
    Und jetzt mal eine interessante Karte:
    http://goo.gl/maps/UbYy
    (Der potenzielle Fluchtweg, vorbei an allen Hauptstraßen zur BAB4)

    Wie man leicht erkennt, sie wären innerhalb von 8 Min am Autobahnkreuz Eisenach-West gewesen. Zu dem Zeitpunkt, war die Polizei mit großer Wahrscheinlichkeit noch nichtmal am Tatort. Sie hätten über die AB flüchten können, über die Käffer, oder Herleshausen wieder runter oder bei Großenlupnitz wieder runter, eine fast idiotensichere Flucht.

    Doch was machen die beiden?
    Fahren wieder in die Stadtrandsiedlung Stregda, wenige hundert Meter vom Tatort entfernt und Parken dort. Nun hat die Polizei hinter die These aufgestellt, die beiden wollten dort der Alarmringfahndung entgehen, was bei ihrem Zeitvorsprung völlig überflüssig war, aber selbst in diesem Fall hat die Presse mehrmals auf den „merkwürdigen“ Umstand hingewiesen, dass wenn die beiden doch den Polizeifunk abgehört haben, weshalb sie nicht nach Aufhebung der Ringfahndung 1:30h später, nicht einfach weg gefahren sind. Auch da hätten sich wieder zwei Fluchtwege angeboten, die K3 Richtung Madelungen oder die L1016 nach Neukirchen. Und allen in wenigen hundert Metern Entfernung der BAB4.

    Die Angaben, wann die etwa 10 im Einsatz befindlichen Fahrzeuge den Caravan entdeckten variiert auch stark. Sage und schreibe um eine komplette Stunde. Die frühste Angabe ist 11:30, die späteste 12:30, die häufigst genannte Zeit war „kurz nach 12“. Die Ringfahnung wurde mutmaßlich um 9:45 ausgelöst und entsprechend um 11:15 aufgehoben. So oder so, die beiden hätten auf jeden Fall Zeit gehabt, einfach davonzufahren. Und wären sie ganz schlau gewesen, wären sie einfach bei Wohnmobile Waldheim in der Ringstraße vorbeigefahren und hätten dort in der Nähe geparkt. Da wären sie mit ihrem Wohnmobil wohl kaum aufgefallen. Aber die große Frage lautet, was haben sie in der Zeit von 9:45-12:00 gemacht und warum habe sie die vielfältigen, durchaus sehr guten Möglichkeiten zur Flucht nicht genutzt?

    Doch von diesen Seltsamkeiten gibt es so viele. Sie haben in toto 14 Banken überfallen die ihnen zugeschrieben werden, die 10 Morde mal aussen vor, warum haben sie Caravan ihr Waffenarsenal herumspaziert? Damit der Wagen so voller Spuren ist, dass selbst ein Clouseau die richtigen Schlüsse zieht, falls sie das Fahrzeug mal stehen lassen müssen? Und warum war die Kiste auf den Klarnamen einen Komplizen gemietet, was direkt zu Ihnen geführt hätte? Selbst wenn sie nicht „gestellt“ worden wären, selbst das merkwürdige Verhalten in Stregda und der Zeuge am MAD hätten gereicht, um über einen Routinecheck die Täter zu ermitteln. Arbeiten so Leute, die bei mutmaßlich 24 schweren Verbrechen praktisch keine einzige Spur hinterließen? Entsprechend hatte die Soko Capran auch das gesamte Umfeld von 20 Unterstützern und sonstigen Kontakten innerhalb von wenigen Tagen komplett aufgedeckt.

    Das ist alles nicht nur sehr unwahrscheinlich, unplausibel, unlogisch, es ist schlichtweg bullshit. Und vom eigentlichen Ablauf, dieses Selbstmordes will ich gar nicht anfangen oder von Zeugen, die einen Mann aus dem Caravan flüchten sahen. Aber so wie es „offiziell“ abgelaufen sein soll, kann es imho nicht abgelaufen sein, weil es keinen Sinn ergibt. Eine für mich realistische Variante sähe anders aus. Z.B. ein dritter Mann, die beiden machen den Überfall, Wagen fährt ein paar hundert Meter ins nächste Waldstück (da hat es viele potenzielle Ecken), die beiden werden erschossen, einer in den Mund, der andere ins Gesicht, Wagen fährt wieder zurück nach Stregda, wo er ja schon am Vortag (aus welchen Gründen auch immer) sich auffällig verhielt, dann ein unauffälliger Mechanismus der zeitverzögert oder remote eine Explosion auslöst, Tipp an die Polizei -> und das kam mehrfach in der Presse, dass es einen „Hinweis“ auf einen Caravan gegeben hätte und den Rentner am MAD schließe ich aus, weil der sich bei den quietschenden Reifen erst hinterher einen Reim darauf gemacht haben kann, fertig ist der „saubere“ Abgang.

    Doch zum Wort an der Polizistin Kiesewetter noch ein Wort, denn den Fall fand ich nicht minder seltsam. Es fängt damit an, dass die Kiesewetter an diesem Tag eigentlich dienstfrei hatte und nur für einen erkrankten Kollegen bei der Aktion „sichere City“ eingesprungen ist. Eine Aktion die sich darauf beschränkt mehr Polizeipräsens zu zeigen. Sie und ihr Kollege haben sich zur Mittagszeit dann einen sehr abgelegenen und sehr großen Parkplatz am Necker an der Theresienstraße gesucht. Sie standen direkt neben dem Pumpenhaus. Offensichtlich, sie wollten ungestört Brotzeit machen. Der Parkplatz war zu diesem Zeitpunkt schwach frequenziert, keinerlei Anwohner weit und breit, keiner der Wissen konnte, dass diese Beiden dort Pause machten. Die Täter müssen aller Wahrscheinlichkeit nach um das Pumpenhaus herumgegangen sein und die beiden völlig überrascht haben, zwei aufgesetzte Kopfschüsse, keinerlei Zeugen, außer dem Hören des Knalles.

    Und da wird es schon sehr interessant. Die 9 Morde an den Migranten wurden mit der Ceska50/70 samt Schalldämpfer durchgeführt. Diese Waffe kam hier genausowenig zum Einsatz wie der Schalldämpfer. Es wurden aber zwei verschiedene Hülsen gefunden = zwei Waffen und bei den Migrantenmorden gab es keine Hülsen, weil die Täter immer aus einer Plastiktüte heraus schossen. Warum? Damit eben keine Hülsen anfielen. Jetzt könnte man mal die Preisfrage stellen, wie wahrscheinlich ist es, dass irgendwelche Thüringer-Heimatschutz Nazi-Hobby-Terroristen auf solche Details achten?
    Schnell wurde in den Medien ja nach dem Waffenfund in Zwickau auf eine Verbindung spekuliert, Kiesewetter aus Thürigen, Täter aus Thüringen, aber ich fresse einen Besen, wenn auch nur die Einsatzzentrale in Heilbronn damals wußte, wo die beiden grad ihre Brotzeit essen. Dazu Kiesewetter eben nur eingesprungen. Nein, die beiden waren absolute Zufallsopfer und hier stellt sich mir die Frage, warum zum Teufel sollten die NSU-Freaks plötzlich anfangen wahllos Polizisten zu erschiessen? Und plötzlich mit anderen Waffen, ohne Details wie die Tüte oder Schalldämpfer. Eine Zufallsentdeckung, weil sie grad einen Banküberfall in Heilbronn planten? Auch äußerst unwahrscheinlich, beide Opfer wurden direkt neben dem Wagen gefunden, also angeschlichen, aussteigen und hinrichten.

    Interessanterweise ist kurz vorher in Heilbronn ein veritabler Drogenring aufgeflogen mit 28 Verhaftungen, u.A. wegen Heroin, Kokain, 93 Ermittlungsverfahren, 45 Wohnungsdurchsuchungen. Und wie es der Zufall will, die Kiesewetter wurde vorher laut SWR als Lockvogel zum Heroinkauf eingesetzt. Später kammen dann ja noch die abenteuerlichsten Geschichten ans Licht, wie der Report der DIA, Mevlüt Kar (bekannt durch die Sauerlandgruppe) war angeblich vor Ort, es gab Geschichten über Bargeldeinzahlungen in Millionenhöhe zeitgleich in Heilbronn, also eine Gemengenlage von Geheimdiensten, OK, Terrorismus faschistischer, islamischer oder westlicher Prägung. Ausgerechnet da sollen Mundlos und Böhnhardt reingestolpert sein? Also für mich passt da nix zusammen und ist für mich anhand ihres Profils auch in keinster Weise glaubwürdig. Ein Geheimdienst/OK-Zusammenhang scheint sehr plausibel, die interessante Frage für mich lautet aber eher, wie die NSU später an die P2000 und die Handschellen kam.

    Doch kommen wir zu den Migrantenmorden, ein Puzzlestück hierbei für mich die Ceska, Typ83 50/70, das ist nämlich keine gewöhnliche Pistole, sondern es wurden nur 4 Dutzend hergestellt. Die fragliche stammte nicht aus alten DDR-Beständen, sondern kam über die Schweiz nach Deutschland, Carsten S. soll sie mit Geld vom NPD-Funktionär Wohlleben organisiert haben. Alle beiden wohl die Typen, wo bei jedem alle Alarmglocken á la V-Mann laut läuten. Interessant jedoch, Leyendecker von der SZ fabulierte, dass der sofort aussagebereite nicht-Waffenkenner Carsten S. die Ceska bei einer „Gegenüberstellung“ gut 12 Jahre später sofort erkannt haben soll. Vielleicht, weil ein Schalldämpfer angeschraubt war? Ich bin durchaus ein Waffenkenner, nach 12 Jahren würde ich jedenfalls keine Waffe wiedererkennen, die ich mal kurz von A nach B transportiert habe, ohne direkten Bezug und mich mit der Materie auszukennen. Und woher hatte er sie überhaupt, man weiß es nicht, an dieser spannenden Stelle schweigt Leyendecker. Doch an dieser Ceska krankt vieles, z.B. dass der Schalldämper durch die Hitze in Zwickau verschmolzen war, die Plastikschalen aber ungeschoren.

    Doch es geht noch spannender, eine Waffe exakt gleichen Typs wurde bei einem Mord an einem Geschäftsmann in Bad Hersfeld 1995 benutzt. Auf Pressenachfragen sagte die Polizei auf die Frage, ob es da nicht einen Zusammenhang gäbe (ist ja immerhin eine Exotenwaffe), nein, „eher nicht“. Klar, wenn die Waffe bereits ’95 im Einsatz war, paßt das nicht so recht zur NSU-Legende, da diese Täter zu dem Zeitpunkt noch Teenager waren. Interessanterweise will auch ein „Mehmet“ ja exakt diese Waffe aus der Schweiz der Soko „Bosporus“ angeboten haben: (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-80075315.html)
    Nicht zuletzt bleibt diese oskure Figur des Andreas Temme, in einem FAZ Artikel war von einem Bewegungprofil zu lesen, dass dieser Mann an sechs(!) Tatorten zu fraglichen Zeit war. Wurde später zurückgerudert und den Artikel kann ich auch nicht mehr finden. Der Verdacht, dass dieser Mann mehr als nur einem Mord direkt beteiligt war, liegt auf der Hand.

    Doch um mal zu einem Fazit zu kommen, auch wenn ich mich der Materie aus einem anderen Blickwinkel genähert habe:
    Die Migrantenmorde sind soweit erstmal plausibel, auffällig nur die Professionalität, also nicht nur keine Zeugen, keinerlei Spuren, sondern die Details wie die Hülsen aufzufangen. Das nächste Problem, zeitweise waren da ja zig Sokos mit mehreren hundert Beamten im Einsatz – alle ermitteln in die falsche Richtung? Ich kannte mal einen Kommisar bei der Berliner Mord-Kripo, der Bruder meines besten Freundes, mein Fazit, ein Arschloch, aber ganz sicher kein Idiot. Im Gegenteil, ein sehr guter Analytiker. Kann man tatsächlich >10 Jahre lang, 1000ende von solchen Leuten an der Nase führen, ich halte das ganz salopp für ausgeschlossen. Dann so Details wie ein Ladenbesitzer der in seinem Laden übernachtet hatte, ja, warum hat er das wohl getan? Logischer Schluß, er wurde bedroht und hat lieber sein Leben riskiert, als der Drohung nachzugeben.

    Meine These lautet, dass die gesamte rechtsradikale Szene in Thüringen nicht nur unterwandert wurde im Sinne von V-Leuten, sondern dass „Dienste“ aktiv für die Radikalisierung, Finanzierung und letztlich auch das „Abgleiten“ in den Terrorismus gesorgt haben. Die NSU wurde imho lange Jahre nicht nur gedeckt, sondern auch indirekt aktiv gefördert. Ob sie die Migrantenmorde gegangen haben, ich weiß es nicht, sicher bin ich mir jedoch dabei, dass sie wenn, dabei handfeste Unterstützung jeder Art hatten. Plausibel erscheint es mir, dass sie dabei „an der Hand“ genommen wurden. Bspw. beim ersten Mord nur Zeugen dabei waren und als Lehr/ und als „ab-jetzt-gibt-es-lebenslänglich“ Maßnahme, später waren sie vielleicht eigeninitiativ, aber meine Hand würde ich stand der Beweise bis jetzt nicht für ins Feuer legen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sämtliche Morde von den Diensten begangen wurden und Mundlos und Böhnhardt nur nützliche Idioten waren.

    Bei den Beiden überrascht mich schon extrem, wie diese überhaupt 14 Banküberfälle zustande gebracht haben sollen. In Eisenach hätte man sie imho auch ohne ‚finale furioso‘ im Rahmen der normalen Routine-Arbeit über die Hinweise auf den Mietcaravan und die Klarnamenmiete ermittelt. Ich halte es praktisch für ausgeschlossen, dass die 10 Morde und 14 Banküberfälle begingen ohne jemals ins Raster zu fallen. Von vorne bis hinten paßt jedoch der Mord an Kiesewetter nicht ins Raster und bislang resultiert daraus ja auch der einzig handfeste Beweis für diese Truppe, nämlich die damals geraubten (und benutzen) Waffen. Aber das Ding in Heilbronn halte ich entweder für eine OK oder eine Dienstegeschichte, bei erstem wäre die Waffe über „Mehmet“ an die Dienste gekommen, im zweiten war dieser Umweg nicht mal nötig. Und die verbrannten Tatwaffen dann in Zwickau zu finden, klar.

    Aber selbst die Schlußfolgerung, dass diese beiden Idioten vielleicht nur Werkzeuge waren, bzw. mit den Morden überhaupt nix zu tun hatten, ändern ja nichts an meiner Schlußfolgerung, weil entweder wurden sie an der Hand genommen und waren selbst Täter, oder sie wurden als Deckmäntelchen benutzt, aber in jedem Fall geht diese Mordserie auf das Konto der Geheimdienste in Deutschland. Wer da nun wie tief verstrickt ist, gewußt haben auf jeden Fall ziemlich viele Dienste davon, deshalb ja auch die hektische Schredderei. Ein Staatsskandal von Niveau der Anschläge in Bologna oder ähnlicher Dinge wie Gladio.

  4. madame titimax Says:

    Sagen wir mal es waren die Geheimdienste die gemordet haben oder sie habe die zwei Idioten geschützt und geholfen . Ja , aber warum sollten sie so was tun . Die ermordeten waren doch keine Staatsfeinde die man beseitigen musste . Warum begeht so ein wichtiger Organ eines Staates einer so weit entwickelter Demokratie , So was unglaublich dummes einer Steinzeit Republik ? Nur weil man Türken hasst ? Und warum nur Türken warum nicht auch Araber ?Das glaube ich nicht . Wie gesagt da muss mehr als etliche hundert Beamte beteiligt sein vielleicht habe diese alles nicht ganz gewusst was da passiert im Einzelnen aber in Groben musste doch jeder gesehen haben was da abläuft . Das alle da mitspielen das macht mich bedenklich . Was mir auch noch Sorgen bereitet ist das ein Wetteifern bei der Aufklärung der Mordfälle durch die Polizei -Ermittler , den dümmsten Fahndung zu tätigen zB. in Hamburg wurden zwei mal eine Wahrsagerin gerufen um mit dem ermordeten kontakt aufzunehmen . In einem anderem Bundesland ich glaube in Bayern wurde ein Dönerladen betrieben um so die Mörder zufangen. Im Baden Württenberg wurden kontameniete Wattestäbchen benutzt um Jahre lang ein Phantom herzujagen und und und . Mir kommt es so vor als hätten die Ermittende Behörden eine interne Wette ausgeschrieben für die dümmste oder genialste Fehl-Ermittlung . Aber warum warum das alles ?. Hier kannst du kein Vekehrspolizei mit Geld schmieren damit du keine Punkte in Flenzburg bekommst . Hat den da keiner mal Halt gesagt das mache ich nicht mehr mit war da nur Fr. Kieswetter und hat was ausgesagt und musste Sterben .Ich stimme ja auf alles mit zu was hier geschrieben wird aber das warum das Motiv fällt mir nicht ein . Ok , Nazis hassen und deshalb mirden sie aber wenn das Geheimdienst mordet dann doch nicht wegen des mordens . Die Geheimdienste(GD) müssen letzt endlich den Innenminister rede und antwort stehen ohne der Einwilligung der Innenminster könnte die Gd kleinigkeiten machen aber so etwas musste asuch einigen Minster davon gewusst haben und die gesagt ja mordet mal aber bitte kein Deutsche ? Das kann ich nicht glauben .

  5. wir glauben alles Says:

    Was hat es mit einem Artikel auf „turkishpress.de“ vom 12.12.2009 auf sich? Aus Anlass eines Spiegel-Artikels, dass die Mordserie in Zusammenhang mit Wettschulden zu sehen sein könnte, verweist turkishpress.de auf einen Bericht aus 2007 der türkischen Zeitung „Zaman“. Zaman berichtete in 2007, dass türkische Kripobeamte dem BKA einen Bericht übergeben hätten, demnach die Opfer der Mordserie in Zusammenhang mit einem Drogenkrieg zwischen der PKK und einemFamilienclan aus Diyarbakir zu sehen sind. In dem Bericht würden auch Namen genannt. Bei turkishpress.de ist der Artikel nicht mehr zu finden.

    Fragen: Ist der Artikel auf turkishpress.de erfunden? Oder der Artikel in der „Zaman“. Oder ist der Bericht der türkischen Kripobehörde nur ein Fake? Wo ist dieser Bericht heute? Was steht drin?

    Nächste Frage, ein Zusammenhang wäre sehr weit hergeholt:

    Wieso sichert Merkel beim kürzlich erfolgten Berlinbesuch von Erdogan der Türkei ergebnisoffene Verhandlungen hinsichtlich einer EU-Mitgliedschaft zu? Jahrelang hat sie lediglich eine „privilegierte Partnerschaft“ angeboten. Und nun dieser abrupte Wechsel? Ohne Begründung. Ohne Diskussion in der CDU. Nirgendwo wurde dies in den Medien kommentiert.


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