Die NSU-Mordserie: Was haben Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden zu verbergen?

Zur Ergänzung und Bereicherung ein sehr guter Text von

BürgerInnen beobachten Polizei und Justiz

Die NSU-Mordserie:
Was haben Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden zu verbergen?

Der aktuelle Fall von Rechtsterrorismus

Viele Details haben die staatlichen Ermittlungsbehörden in den vergangenen Monaten „enthüllt“ über die Hintergründe der Nazi-Mordserie und der von den Behörden konstruierten Terror-„zelle“ NSU. Angeblich seien beispielloses Behördenversagen, Pannen und Versäumnisse verantwortlich dafür, dass Nazis dreizehn Jahre mordend durchs Land ziehen konnten.

Diese Verlautbarungen sollte man aber skeptisch zur Kenntnis nehmen, denn setzt man die veröffentlichten Puzzleteile zusammen, ergibt sich eine Vielzahl von offenkundigen Wider­sprüchen, die nahelegen, dass die offizielle Version nicht stimmen kann.


Setzt man die aktuellen Ereignisse in den historischen Rahmen, so erscheint es sogar sehr wahrscheinlich, dass hier nicht aufgeklärt, sondern ganz im Gegenteil, nach Kräften verschleiert wird. Dies soll im Folgenden anhand vieler Quellen konkretisiert werden.

Als erstes verweisen wir auf ein einstündiges Audiointerview mit Bodo Ramelow, MdL der Thüringer Linken. Darin wird das Ausmaß der Vernetzung der angeblichen Terrorzelle in größeren Nazi-Kreisen ebenso deutlich, wie eine tiefe Verstrickung verschiedener staatlicher Akteure, wie z.B. des LKA Thüringen und des Thüringer Verfassungsschutzes. Ramelow kommt hier zum Schluss, dass es sich um ein grandioses Behördenversagen historischen Ausmaßes handelt.
Im Interview wird auch offenbar, dass Ramelow sich scheut, einen sehr naheliegenden Vergleich zu ziehen: Zu den Verstrickungen und Vertuschungen der deutschen Behörden im Zuge des Anschlags auf das Oktoberfest im Jahr 1980 und der inzwischen auch wissenschaftlich untersuchten [1] und belegten europaweit agierenden Geheimarmee, die unter den Bezeichnungen „stay-behind“ bzw. „Gladio“ bekannt wurde und bis zumindest 1990 existierte.

Wolf Wetzel hat sich die Mühe gemacht, viele Teile des aktuellen Puzzles um die NSU-Morde zusammen zu tragen und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Dabei kommt er nüchtern zum Ergebnis, dass es viel wahrscheinlicher ist, dass die NSU von Beginn an unter einem „staatlichen Rettungsschirm“ stand, als dass es sich um ein Versagen der ErmittlerInnen und des Verfassungsschutzes handele:

Dass außerdem gegenüber Generalbundesanwalt Harald Range, der bei den aktuellen Ermittlungen die Federführung innehat, Misstrauen angebracht ist, verdeutlicht eine Pressemitteilung der Grünen-Fraktion im Göttinger Kreistag vom 5.10.2011:

„Range als Generalbundesanwalt ungeeignet
Schon als Göttinger Kreistagsabgeordneter der FDP in den Jahren 1991-1996 hat Harald Range bewiesen, dass er auf dem „rechten Auge unter Kompletterblindung leidet“.
Später, als es um Anfragen zu den rechtsterroristischen Vorkommnissen im Umfeld von Thorsten Heise ging, erstaunte er die parlamentarisch Anfragenden mit vorgespielter Unkenntnis der Situation zum Rechtextremismus. Allerdings waren seine Aktivitäten, wenn es gegen Personen zu arbeiten ging, welche sich gegen Rechtsextremismus und Gewalt engagieren, immer voll auf höchste Aufmerksamkeit hochgefahren.“

Die Rede ist hier von jenem Thorsten Heise, der als „Justizwunder“ gehandelt wird, weil er trotz einer Vielzahl an Bewährungsstrafen – unter anderem wegen schwerer Körperverletzung, Nötigung und Landfriedensbruch – lediglich ein Jahr inhaftiert war und bei dem ein umfangreicher Waffenfund im Jahr 2007 keinerlei Konsequenzen nach sich zog. Jahrelang war Heise im Bundes­vorstand der NPD, außerdem sitzt ist er NPD-Kreistagsabgeordneter in Bad Heiligenstadt.
In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der als erster NSU-Unterstützer verhaftete Thomas Gerlach im Jahr 1999 als Gast auf Thorsten Heises Hochzeit geladen war. Niedersachsens Innenminister Schünemann banalisierte einen Waffenfund bei Heise mit den Worten „Viele Rechtsextreme haben eine hohe Affinität zu Waffen“. Diese Formulierung finden wir nun bei der vermutlich heißesten Spur im Fall NSU wieder. Mehr dazu am Ende dieses Beitrags.

 

 

Der historischer Rahmen

Den staatsterroristischen Komplex stay-behind/Gladio hat der Krimiautor Wolfgang Schorlau zu einem –  fiktiven – Kriminalroman verarbeitet: Das München-Komplott. Zu dem Stoff des Buches ist er gekommen, weil ihn zwei Polizisten in einer Indiskretion auf viele Widersprüche bei den Ermittlungen zum Oktoberfestattentat, auf unterdrückte Zeugenaussagen, auf unter­lassene Ermittlungen und auch auf vernichtete Spuren hingewiesen haben. Sie gewährten ihm eine Nacht Einsicht in die Originalakten. Schorlau recherchierte weiter und stieß unter anderem – sehr erschreckend und ganz real – auf seltsame Todesfälle von ZeugInnen, die zu Lebzeiten unter anderem ausgesagt hatten, dass sich der angebliche Einzeltäter Gundolf Köhler, Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, wenige Minuten vor der Explosion ganz in der Nähe des Anschlags­ortes mit weiteren Personen getroffen hatte. Eines der später vernichteten Beweis­mittel ist ein abgerissener Finger, der keinem Opfer zugeordnet werden konnte. Am Vormittag des Tags des verheerendsten Terrorattentats in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik wurde ein Konvoi der Wehrsportgruppe Hoffmann, der sich in Süddeutschland auf dem Weg in den Nahen Osten befand, von Verfassungs- und Staatsschützern observiert. Später wurden Selbst­bezichtigungen von Wehrsportgruppenmitgliedern bekannt, am Attentat beteiligt gewesen zu sein, so z.B. ein damals nach Beirut emigriertes Wehrsportgruppenmitglied. Schorlau hat auf seiner Internetseite eine sehr fundierte Zusammenstellung von Quellen veröffentlicht.

Weitere Hintergrundartikel und -berichte:

  •  Das Oktoberfestattentat war kein Werk eines Einzeltäters
  •   Telepolis-Interview mit dem Journalisten Tobias von Heymann, der ein Buch über das Oktoberfestattentat veröffentlichte
  •     „Die V-Mann-Problematik hat es damals schon gegeben“
  •   Telepolis-Interview mit dem Anwalt einiger Opfer des Oktoberfestattentats, Werner Dietrich. Er fordert seit fast drei Jahrzehnten eine Wiederaufnahme der Ermittlungen.

    „Im Zuge der rechtsradikalen Mordserie werden in Öffentlichkeit und Politik die „Schlampereien“, die „Pleiten und Pannen“ des Verfassungsschutzes bei der Observierung von Neo-Nazis thematisiert wie auch die generelle Ignoranz der Behörden gegenüber dem rechten Terror und damit verbunden der bizarren Verharmlosung desselben. Tatsächlich wird aber versäumt zu fragen, ob dieser Irrsinn nicht Methode haben könnte. Lassen sich die Taten der Terrorzelle nicht vielleicht einer Strategie der Spannung zuordnen, die während des Kalten Krieges in Europa von westlichen Geheimdiensten im Verbund mit Rechtsradikalen verfolgt wurde? In Deutschland wird damit seit einiger Zeit das Oktoberfest-Attentat in Verbindung gebracht, gleichwohl gilt hier immer noch die These, dass der mit rechtsradikalen Kreisen bestens vernetzte Gundolf Köhler ein Einzeltäter gewesen sei – trotz zahlreicher und eindeutiger Zeugenaussagen und Indizien, die dagegen sprechen, wie auch schwerwiegenden Widersprüchen in der offiziellen Darstellung der Tat. Werner Dietrich, der als Anwalt einiger Oktoberfestopfer vertritt und sich seit Jahren für die Wiederaufnahme der Ermittlungen einsetzt, sieht deutliche Parallelen zum Fall von Zwickau“, schreibt Telepolis in der Einleitung.

  • Reportage des SWR und BR von 2009: Anschlag auf die Republik: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und insbesondere Teil 5 mit Augenzeugenberichten und zu vernichteten Beweisstücken
    Reportage „Die geheimen Armeen der NATO – Operation GLADIO“ von 2009, in der u.a. aufklärende Staatsanwälte, Mitglieder parlamentarischer Untersuchungsausschüsse und Täter zu Wort kommen: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

    In Teil 4 zieht Opferanwalt Werner Dietrich angesichts des Umstands, dass sämtliche Asservate beim BKA und Bayerischen LKA 1997/98 vernichtet wurden das Fazit:  „Das ist mehr als ungewöhnlich, dass das in einem Verfahren, das weder verjährt ist, noch rechtskräftig abgeschlossen ist, die Unterlagen, also sprich die Bombenteile, Leichenteile usw. vernichtet werden. Die Frage ist, welche Interessen dahinterstehen und was damit nicht aufgeklärt werden soll.“
    ARTE-Dokumentation „Gladio – Geheimarmeen in Europa“ von 2010: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6. Im ersten Teil werden die Ursprünge der Organisation am Ende des zweiten Weltkrieges gut beleuchtet und geostrategisch eingeordnet. In Teil 6 fasst die Dokumentation zusammen: „Die für Geheimdienste zuständige Regierungsstelle und damit auch die Regierungschefs aller Parteien von 1953 bis 1990 hatten Kentnis von dieser Geheimstruktur, nicht aber das Parlament.“ Jerzy Montag, grüner MdB und Mitinitiator einer parlamentarischen Anfrage zum Thema, resümiert: „Es ist eine langjährige Geschichte der Vertuschung und Verheimlichung, statt der Öffnung und Erklärung. … Es gab nie das Bedürfnis oder das Interesse der Regierungen oder der Sicherheitskräfte mit dieser Vergangenheit reinen Tisch zu machen.“

Alles nur Pannen? – Parallelen drängen sich auf

Auch im aktuellen Fall NSU verschwinden Beweismittel oder werden vernichtet, wie die Jenaer Rohrbomben [2] oder die auf Weisung des BKA gelöschten Daten [3] des beim als NSU­Unterstützer klassifizierten André E. sichergestellten Handys. Im Jahr 1999 wurde eine Verhaftung des Trios in letzter Minute gestoppt [4]. Das Thüringer Innenministerium verhinderte im Zeitraum 2000 bis 2002 sogar mehrfach die Festnahme [5]. Der Thüringer Verfassungs­schutz hatte Ende der 1990er Jahre mindestens drei V-Leute in der Nähe der drei Nazi­terroristInnen installiert [6]. Im Jahr 2000 werden Mundlos und Böhnhardt mehrfach vom Verfassungschutz Thüringens und Verfassungschutz Sachsens gefilmt, ohne dass das Folgen hatte [7]. Der Thüringer Verfassungsschutz sabotierte Observierungen der Polizei, die sich gegen den wichtigen Nazikader und V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes Tino Brandt (s.u.) richteten [8]. Der Thüringer Verfassungsschutz versucht den Nazimördern 2000 DM via Brandt zur Passbeschaffung zukommen zu lassen [8]. Mundlos wurde es ermöglicht, sich in Sachsen mit einem gefälschten Personalausweise einen echten Reisepass zu beschaffen, angeblich weil es der Thüringer Verfassungsschutz versäumt habe, die sächsischen Meldebehörden zu informieren [9]. Bei einem der Morde des NSU in Kassel ist der wegen seiner rechtsradikalen Ambitionen als „Kleiner Adolf“ bekannte Verfassungsschutz­beamte Andreas Temme anwesend. Temme führte damals in Thüringen einen aktiven Nazi als V-Mann [10]. Wolf Wetzel schreibt in seinem Blog [10], dass zwei sich fundamental widersprechende Aussagen von Polizisten vom Geschehen um den vorgeblichen Selbstmord der beiden Nazis im Campingmobil an die Öffentlichkeit gelangten und stellt naheliegende Fragen:

„Abgesehen von den komplett verschiedenen Tathergängen, wird als Motiv der schwer bewaffneten Neonazis ihre »aussichtslose Lage« angeführt. Was war daran aussichtslos? Wenn irgendjemand über 13 Jahre hinweg im ›Untergrund‹ sicher war, dann war es der Nationalsozialistische Untergrund/NSU! Was war an dieser staatlich lizenzierten Erfolgstory aussichtslos? Woher wussten sie, dass es dieses Mal keine Unterstützung ›von oben‹ geben wird? Warum sollte eine klemmende MP der Grund sein, sich selbst zu erschießen, anstatt alle anderen Waffen zu benutzen? Wie darf man sich das vorstellen: Zuerst schießen die beiden Neonazis mit der MP um sich, dann klemmt diese, Zeit genug, mit der rechten Hand die Kameradin Beate Zschäpe anzurufen, mit der linken den Campingwagen in Brand zu setzen, und nachdem alles ordentlich erledigt wurde, sich selbst umzubringen?
Und wenn der 7. November 2011 ausnahmsweise aussichtslos war: Warum bringen sich Neonazis um, verbrennen gleichzeitig sich und den Campingwagen? Wenn Beate Zschäpe beim Banküberfall nicht dabei war: Wer hat sie informiert, gewarnt? Das In-Brand-Setzen des Campingwagens, das Abbrennen des Basislagers/Hauses in Zwickau macht nur Sinn, wenn jemand nicht an den Tod denkt, sondern an die Zeit danach. An Spuren, die über die Toten hinausweisen könnten. Verräterische Spuren also, um die sich in aller Regel nur Lebende sorgen.“

Noch im Sommer 2011 zündet das Thüringer Innenministerium Nebelkerzen: Anlässlich des Massakers im Juli 2022 in Norwegen redet es die Gefahr von Rechtsterrorismus klein [11]. Bereits vorher konnten sowohl dem noch heute amtierenden Präsidenten des Thüringer Verfassungsschutzes Sippel, als auch dem damaligen Innenminister Köckert Lügen in der Affäre um den wichtigen Nazikader und V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes Tino Brandt (s.u.) nachgewiesen werden [12].

Die Rückkehr der Mumie

Auch der Ex-Wehrsportgruppenführer Hoffmann macht im Zug des NSU-Komplexes wieder Schlagzeilen: Bereits im Oktober 2010 fand eine großangelegte Razzia [13] in Thüringen, Sachen und Bayern statt. Durchsucht wurden damals u.a. das Schützenhaus in Pößneck, das sich damals noch im Besitz von Nazis befand, die Anwesen Hoffmanns [14] und im „Braunen Haus“ [15] in Jena. Heute weiß man, dass in diesem langjährigen Nazi-Treffpunkt die engsten NSU-Unter­stützer ein- und ausgingen.
Eine Pressemeldung [16] über einen Angriff von rund 50 Nazis auf ein Gothic-Konzert in Jena im Jahr 1995 ergibt erst Sinn, wenn sie in Kenntnis der „Strategie der Spannung“ gelesen wird: Eine der zentralen Figuren des Angriffs war der Jenaer Ex-NPD-Landesvizevorsitzende Tino Brandt, Mitgründer des „Thüringer Heimatschutz“, Kontaktperson zum NSU-Trio und unter dem Decknamen „Otto“ einer der wichtigsten und mit insgesamt 200.000 DM bestbezahlten V-Männer des Thüringer Verfassungsschutzes:

Aus heutiger Sicht stellt sich natürlich die Frage, welche Rolle V-Mann „Otto“ damals spielte, vor allem aber: Was wusste der Verfassungsschutz von „Ottos“ Jenaer Auftritt? Hat der Dienst tatsächlich die Jenaer Polizeibehörde, wenn er denn von der geplanten Aktion wusste, nicht informiert? Hätte man Panik und Verletzte tatsächlich in Kauf genommen? „Unvorstellbar, dass der Verfassungsschutz mit rechtsextremen Gewalttätern zusammen arbeitet“, erklärte jetzt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Galt dies auch 1995 in Thüringen?“ schreibt die Thüringer Allgemeine am 16.11. 2011. Übrigens darf auch Brandt, wie Thorsten Heise, den Titel „Justizwunder“ für sich in Anspruch nehmen [17].

Ein handfester Hinweis führt nun vom NSU direkt zum angeblich 1990 in Deutschland aufgelösten stay-behind. Zuerst kurz der historische Hintergrund:

Teil der stay-behind-Strategie war es, geheime Waffenlager anzulegen. Aus diesen Depots wurden offenkundig westdeutsche Nazi-Terroristen, aber auch jene in Südtirol, mit Waffen und Sprengstoff ausgestattet. Obwohl die Ermittler aus Anlass des Oktoberfestattentats einen konkreten Hinweis auf die Existenz dieser Depots erhielten, ist es einem Zufall zu verdanken, dass ein Teil der Depots im Jahr 1981 aufflogen:

„So hatten die Mitglieder der Deutschen Aktionsgruppen Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge einen Tag nach dem Oktoberfestattentat ausgesagt, dass der Rechtsextremist (und Revierförster Heinz Lembke im Landkreis Uelzen, Anm. ) ihnen Waffen, Sprengstoff und Munition angeboten und von umfangreichen Waffendepots erzählt habe. Diesem Hinweis ging die Staatsanwaltschaft jedoch erst nach, als Waldarbeiter ein knappes Jahr später durch Zufall eines der Depots entdeckten. Lembke offenbarte im Untersuchungsgefängnis die Lage seiner 33 illegalen Waffen- und Sprengstoffdepots, deren Entdeckung bei Uelzen in der Lüneburger Heide 1981 ein breites Medienecho fand: Sie enthielten unter anderem automatische Waffen, 13.520 Schuss Munition, 50 Panzerfäuste, 156 kg Sprengstoff und 258 Handgranaten.“ [18]

Nach diesen Funden kündigte der inhaftierte Lembke an, umfangreiche Erklärungen über seine Hintermänner abzugeben. Dazu hatte er aber keine Gelegenheit mehr, „da Lembke am 1. November 1981, einen Tag vor seiner Vernehmung durch einen Staatsanwalt, erhängt in seiner Gefängniszelle aufgefunden wurde“ [18]. Die Stasi der DDR hatte duch eine Vielzahl von Agenten, die sie in den westdeutschen Verfassungsschutz- und Polizeibehörden installiert hatte, umfangreiche Kenntnisse über stay-behind. Aus den Stasi-Akten geht hervor, dass sich einer der Sender, über die stay-behind-Mitglieder kommunizierten, ganz in Nähe Lembkes Försterei befand.

Im Jahr 2008 wurden dann zahlreiche weitere Waffendepots entdeckt. Die beim Kölner Anschlag vom NSU verwendete Bombe glich solchen, die in diesen Depots gefunden wurden:

„Insgesamt stellte man bei der Zwickauer Zelle 20 Schusswaffen sicher. 12 im Haus; acht, darunter eine Maschinenpistole, im Wohnmobil in Eisenach, in dem sich Mundlos und Böhnhardt vorm Zugriff der Polizei erschossen haben sollen. Ohne die Dienstwaffen der beiden Polizisten aus Heilbronn bleibt also die Herkunft von 18 Waffen zu klären. Die Ceska wurde laut Bundesanwaltschaft in der Schweiz gekauft. Eine weitere Spur führt, wenn nicht zu Hoffmann, so doch in den Boden fränkischer Wälder.
Auch die Akten im Fall eines 2008 in Bayreuth bei einem Schusswechsel mit der Polizei getöteten Mannes, der sich als Bombenbauer entpuppte, sind der Bundesanwaltschaft übergeben, sagt der Bayreuther Oberstaatsanwalt Thomas Janovsky. Im Rucksack des Toten fand man verschlüsselte Pläne, an deren Codes sich Ermittler lange die Zähne ausbissen. Schließlich führten die Pläne zu 38 Waffenlagern in Wäldern in Nordbayern, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Österreich. Die Polizei entdeckte Waffen und Eigenbau-Bomben, darunter eine, die jener glich, die in der Kölner Keupstraße gezündet worden war.“ [19]

Im September 2009 verkündeten die Bayerischen Ermittler:

„Als Ergebnis der Ermittlungen steht fest, dass das Handeln von Michael K. weder einen politischen noch ein terroristischen Hintergrund hatte. Vielmehr ist bei Krause eine Affinität zu Waffen festzustellen.“

Schon der Niedersächsische Innenminister Schünemann benutzte die Banalisierung mittels „Affinität“ im Jahr 2007 nach einem Waffenfund bei Thorsten Heise (s.o.). Die Ermittlungen zum umfangreichsten Fund von Waffendepots seit Lembke wurden eingestellt. Ende 2011 erschien der Fall dann allerdings in einem neuem Licht, Generalbundesanwalt Range zog den Fall an sich. Und der tritt genau an dem Punkt der Nachforschungen kräftig auf die Bremse, wo die Spur wirklich heiß wird [20]. Nicht verwunderlich, trat er doch bereits in seiner früheren Laufbahn als notorischer Verharmloser bei Ermittlungen gegen rechte Gewalttäter in Erscheinung (s.o.).

Was hat das alles zu bedeuten?

Wenn man die offensichtlichen Fakten rund um den Fall NSU, aber auch um die weiteren Vorgänge in Thüringen betrachtet, so reiht sich alles ein in die systematische Rechts-Blindheit und tatkräftige Förderung des Rechts-Terrorismus in ganz Europa seit 1945. Man kann erkennen, wie sich Handlungsmuster und Motiv für die enge Verbindung von staatlichen Repressions­organen und Nazimördern damals wie heute decken. Grundlage dieses Phänomens ist das stay-behind-Konzept, dem europaweit viele Hundert zivile Menschen zum Opfer gerfallen sind.
Christopher Simpson, Historiker an der American University in Washington D.C., erklärt das am Ende des vierten Teils der oben verlinkten Dokumentation „Die geheimen Armeen der NATO – Operation GLADIO“ so:

Das Vermächtnis der stay-behind-Armeen ist, dass die zu ihrer Aufstellung erdachten Taktiken immer noch existieren und auch noch heute verwendet werden. Das sind standardisierte Abläufe.

Auch wenn es schwerfällt zu glauben, dass so etwas in einem demokratischen Rechtsstaat möglich sein kann: Der NSU ist der Beweis für die Weiterexistenz von Strukturen, die in dieser Tradition stehen.
Mehr oder weniger große Teile der Bundes- und Landesgeheimdienste (Verfassungsschutz, BND, MAD) waren und sind tief darin verstrickt. Sie sind vom Wesen her demokratiefeindlich und damit nicht reformierbar.

[1] Prof. Daniele Ganser forschte ab 1998 im Rahmen seiner Doktorarbeit im Bereich Zeitgeschichte an der
Universität Basel und an der London School of Economics and Political Science (LSE) in England zum Thema NATO-Geheimarmeen und inszenierter Terrorismus in Europa im Kalten Krieg.
2008 veröffentliche er auf Grundlage seiner Arbeit das Buch „NATO Geheimarmeen in Europa, Inszenierter Terror und   verdeckte Kriegsführung“ – Vierteiliger Videovortrag von Ganser (ca. 30 min)
Von den späten 1960er Jahren bis Mitte der 1980er Jahre starben in ganz Europa mehrere Hundert Menschen und Tausende wurden verletzt bei einer von Gladio geplanten und ausgeführeten Welle terroristischer Anschläge. Die meisten Täter wurden nie ermittelt oder gefasst, ihre Hintermänner blieben weitestgehend im Dunkeln.
[2] Beweismittel gegen Zwickauer Zelle vernichtet, Frankfurter Rundschau vom 23.12.2011
[3] BKA löscht Daten über Zwickauer Zelle, Frankfurter Rundschau vom 11.2.2012
[4] Neonazis sollten bereits 1999 verhaftet werden, Focus Online 18.11.2011
[5] Braune Landschaften in Deutschland, Frankfurter Rundschau vom 8.12.2012
[6] Verfassungsschutz führte drei V-Leute im Umfeld des Terror-Trios, Spiegel online vom 19.11.2011
[7] Terror aus Thüringen (Teil 5): Neonazi-Trio mehrmals gesichtet, Thüringer Allgemeine vom 14.12.11
[8] Fahnder arbeiteten gegeneinander, Frankfurter Rundschau vom 19.12.2011
[9] Behörde stellte falschen Pass für Uwe Mundlos aus, Tagesspiegel vom 24.11.2011
[10] Der staatliche Rettungschirm für die neonazistische Mordserie des ›Nationalsozialistischen Untergrundes‹/NSU, Blog von Wolfgang Wetzel, 30.1.2012
[11] Gefahr von Attentaten in Thüringen eher gering, Thüringer Allgemeine vom 23.07.11
[12] Wikipedia-Eintrag zu Tino Brandt, am Endes ders Abschnitts „Die Enttarnung als Spitzel des Thüringer Verfassungsschutzes im Mai 2001“
[13] Polizei kam Terrorgruppe bereits vor einem Jahr auf die Spur, Thüringer Allgemeine vom 17.11.11
[14] Wehrsportgruppen-Hoffmann im Visier der Ermittler, welt online vom 27.11.2011
[15] Polizeirazzien in rechtsextremer Szene, Thüringer Allgemeine vom 7.10.2010
[16] Ließ der Verfassungsschutz 1995 die Jenaer Polizei auflaufen?, Thüringer Allgemeine vom 16.11.11
[17] 35 erfolglose Ermittlungsverfahren gegen früheren V-Mann, Thüringer Allgemeine vom 16.03.12
[18] Wikipedia-Eintrag zu Heinz Lembke
[19] Vergleichsschüsse entlarven Tatwaffen, Freie Presse vom 24.3.2012
[20] Über allen Wipfeln herrscht Ruh‘, Neues Deutschland vom 17.01.2012

Quelle: http://www.buerger-beobachten-polizei.de/thema-repression/verfassungsschutz-polizeispitzel/74-die-nsu-mordserie

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4 Antworten to “Die NSU-Mordserie: Was haben Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden zu verbergen?”

  1. Andre Petersen Says:

    Die Erkenntnisse die mittlerweile zu Tage gefördert wurden, in ihrer Gesamtheit, lassen einem schon Übelkeit hochkommen. Dass sich die Lage für deutsche staatliche Strukturen (welche anscheinend Mitglieder die NSU angeleitet haben und seeeehr lange über die NSU Bescheid wussten) zuspitzt, ist unübersehbar.

    Außerdem wird man sicherlich die Frage stellen müssen, wenn Teile der deutschen Behörden eingeweiht waren und das über scheinbar sogar längere Zeit, wieso diese es nicht verhindert haben, dass Menschen getötet wurden, Menschen verletzt wurden, Bomben gezündet wurden, Raubüberfälle begangen wurden usw. – Die rechtliche Konsequenz aus diesem „Wegschauen“ dürfte jetzt schon feststehen, ich denke mal dass der Gesamtfall jetzt erst richtig ins Rollen kommt – und ob die drei Clowns der NSU die einzigen sind, ist noch eine ganz andere Frage.

    Tut mir leid, aber dies erinnert mich stark an Gladio-Netzwerke – dachte eigentlich diese Zeiten des staatlichen Terrors unter falscher Flagge (Strategie der Spannung) wären vorbei, es scheint leider nicht so zu sein.


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