Fritz Bauer und eine mehr als okkupatorische Ehrung

Am 13. Mai 2016 wurde in Frankfurt ein Denkmal für Fritz Bauer eingeweiht. Berühmt wurde Fritz Bauer in den 60er Jahren, als er als Frankfurter Generalstaatsanwalt die Auschwitzprozesse gegen ehemalige Angehörige und Führer der SS-Wachmannschaft leitete. Er machte sich damals viele Feinde, nicht nur unter den ehemaligen Anhängern und Sympathisanten des „Dritten Reiches“ – was nicht anders zu erwarten war. Was Fritz Bauer verständlicherweise besonders treffen musste, war die Tatsache, dass er nicht einmal den eigenen Behörden trauen konnte – weder denen, die er anwies noch denen, der er unterstand. Die Weigerung, mit dem Generalstaatsanwalt zu kooperieren war behördenübergreifend: Das reichte von der Polizei, über die Geheimdienste, bis hin zum Innenministerium und zum Bundeskanzleramt.

Denkmal-fuer-Fritz-Bauer-2016

Diese deprimierende Erfahrung fasste Fritz Bauer nüchtern so zusammen: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland.“

Wie weit dieses Feindesland reichte, zeichnete der ausgezeichnete Polit-Krimi „Die Akte General“ nach. Als klar war, dass der Generalstaatsanwalt nicht nur den Prozess gegen KZ-Wärter führen wollte, sondern auch beim Auffinden von Adolf Eichmann beteiligt war, machte sich der nationalsozialistische Untergrund der „Stunde Null“ auf seine Weise bemerkbar: Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND, ein Sammelbecken von ehemaligen Nazis und Gestapo-Mitgliedern, platzierte in der Umgebung von Fritz Bauer einen Spitzel, der das Ziel hatte, sowohl kompromittierendes Material über Fritz Bauer zu sammeln (auch, was seine Homosexualität anbelangte), als auch den Stand der Fahndung nach Adolf Eichmann in Erfahrung zu bringen, um so gegebenenfalls den „Kameraden“ Adolf Eichmann zu warnen. Zu den größten Feinden von Fritz Bauer zählte auch der Chef des Bundeskanzleramtes, Hans Globke. Auch und gerade er hatte massives Interesse daran, dass die „Entnazifizierung“ ein systemischer Reinfall wurde. Hans Globke gehörte zur Führungselite im Dritten Reich und schaffte es dort bis zum Ministerialrat im Reichsinnenministerium. Er bewies sich in zahlreichen Positionen als glühender Faschist und Antisemit.

Die Absicht von Fritz Bauer, Globke wegen seiner NS-Vergangenheit anzuklagen, gab er auf. Das hatte am allerwenigsten mit den Fakten zu tun.

Seine Hilfe beim Auffinden von Eichmann war hingegen erfolgreich.

Eine Große Koalition des Verschweigens

Die von Fritz Bauer angestrengten Auschwitzprozesse durchbrachen eine unsichtbare „rote Linie“: Die Legende von einem deutschen Faschismus, an dem nur der ‚Führer’ (und ein paar Getreue) schuld ist, damit sich all diejenigen, die ihm zuriefen und ergeben dienten, als Opfer der Verblendung und Verführung unter die wirklichen Opfer des deutschen Faschismus mischen konnten.

Dieses gesellschaftlich und politisch breit aufgestellte Gefühl, in Ruhe gelassen zu werden, mit dem, was man begeistert unterstützt oder aus Angst hat geschehen lassen, hatte auch eine parteiübergreifende Basis. So versteckten sich ganz viele ehemalige NSDAP-Mitglieder und Repräsentanten des ›Dritten Reiches‹ in der neu gegründeten FDP. Schließlich konnte man ihr keine Kontinuität zum deutschen Faschismus vorwerfen, denn es gab sie vor dem „Dritten Reich“ noch nicht. Also ein idealer, unverdächtiger Ort, um ungehindert weiter Karriere zu machen.

Aber auch dort, wo Fritz Bauer seit Jahrzehnten politisch beheimatet war, in der SPD, konnten Nazis bestens überleben. Sie fanden nicht nur Unterschlupf, sie gelangten auch in führende Positionen. Wie das für einen Fritz Bauer auszuhalten war, der 1933 aufgrund seiner politischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland floh, ist wahrscheinlich kaum in Worte zu fassen.

All das weiß man, müsste man wissen und in Erinnerung rufen, wenn man Fritz Bauer ehren und gerecht werden will. Auch die Frankfurter Rundschau, die einen zweiseitigen Artikel (Ein Eisberg auf der Zeil, Pfingsten 2016) über die Einweihung dieses Gedenksteines publiziert hat, weiß darum.

Drei Jahre zuvor publizierte sie einen ausgezeichneten Artikel mit dem Titel: Die Flakhelfer am Kabinettstisch. (FR vom 22.6.2013). Dieser schildert sehr eindringlich die parteiübergreifenden Verzögerungstaktiken, um zu verhindern, dass die im Berlin Document Center/BDC gelagerten NSDAP-Akten an deutsche Stellen übergeben werden. Den Grund, diese Übergabe jahrzehntelang zu torpedieren, führt die FR recht detailliert aus:

„Die im BDC verwahrte Mitgliederkartei der NSDAP gab fast 50 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes vertraute Namen preis, darunter drei Bundespräsidenten – Walter Scheel (FDP), Karl Carstens (CDU) und Heinrich Lübke (CDU), den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages Richard Stücklen (CSU), die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide FDP), Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (SPD) und Liselotte Funcke (FDP), Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD), den ehemaligen Fraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Alfred Dregger und viele mehr.“ Und mit Blick auf die SPD ergänzt die Zeitung bitter: „Man gewann den Eindruck, das Land sei in seinen frühen Jahren von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern regiert worden. Der Eindruck täuschte nicht. Allein in der Regierung Willy Brandts saßen zwölf ehemalige Nationalsozialisten.“ (s.o.)

Der Eisberg ragt bis in die Gegenwart

Nun wird Fritz Bauer, 48 Jahre nach seinem Tod, mit einem Gedenkstein geehrt, mit viel politischem Personal: Der Generalstaatsanwalt Helmut Fünfsinn ist so präsent wie der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), der Präsident des Oberlandesgerichts Roman Poseck, der ehemalige Direktor des Fritz-Bauer-Instituts Raphael Gross oder der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Peter Feldmann (SPD).

Auf dem Gedenkstein hat man ein Zitat von Fritz Bauer verewigt:

Sie müssen wissen, es gibt einen Eisberg und wir sehen einen kleinen Teil und den größeren sehen wir nicht.

Man weiß nicht, ob man sich über die Skrupellosigkeit oder Unverfrorenheit mehr ärgern soll, mit der sich die illustren „Verehrer“ von Fritz Bauer um diese Einsicht scharen.

Wäre es nicht 48 Jahre nach dem Tod Fritz Bauers an der Zeit, den größeren Teil des Eisberges sichtbar zu machen?

Warum verlieren die „Verehrer“ von Fritz Bauer kein Wort darüber, dass zur selben Zeit, als dieser die Auschwitzprozesse leitete, Tausende ehemalige Nazis vom Bundesnachrichtendienst/BND in „stay-behind“-Terrorgruppen reorganisiert und bewaffnet wurden, für deren Existenz und deren Tun bis heute niemand die politische und juristische Verantwortung übernimmt?

Fritz Bauer starb 1968 „desillusioniert“. So einer der Verehrer, der augenblickliche Oberbürgermeister in Frankfurt, Peter Feldmann (SPD), anlässlich der Einweihung des Gedenksteines.

Warum fragt heute niemand, wer dazu beitragen hatte, dass Fritz Bauer „desillusioniert“ starb? War sein Tod nicht eine ausreichende und wirksame Warnung an alle „Staatsdiener“, nicht denselben Weg zu gehen? Und wer sorgt bis heute dafür, dass es nicht einen Staatsanwalt gibt, der dem politischen und widerständischen Weg von Fritz Bauer folgt, um die Aufklärung der NSU-Terror- und Mordserie tatsächlich zu betreiben?

Fritz Bauer hat das Recht und die Pflicht zum Widerstand, „zum persönlichen Nein gegenüber staatlichen Verbrechen“ betont und gelebt.

Für diesen Satz, für diese Haltung fehlen nicht nur Staatsanwälte.

Wolf Wetzel

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf?, Unrast Verlag 2015, 3.Auflage

 Eine leicht gekürzte Fassung findet sich in der Tageszeitung Junge Welt vom 20.5.2016:

Fritz Bauers Vermächtnis

 

 

 

 

 

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