Neue Enthüllungen im Fall Andrej Holm

von Markus Mohr.

Wenn der Satz noch stimmt: „Es wird ein Lachen sein, das Euch besiegt.“ … dann ist diese  gelungene Glosse ein Beitrag:

„Es war der 8. Oktober 1970. In einer geräumigen Wohnung in der Westberliner Knesebeckstraße gelang der Polizei die Verhaftung von Brigitte Asdonk, Monika Berberich, Irene Goergens, Horst Mahler und Ingrid Schubert. Alle konnten als engagierte AktivistInnen der sich gerade im Aufbau befindlichen Rote Armee Fraktion gelten. Mit dem erfolgreichen Zugriff der Polizei schien diese Form der politischen Organisierung abrupt beendet zu sein.

Doch es kam anders, wie wir heute wissen: Und das könnte vielleicht auch damit zusammenhängen, dass sich Andrej Holm nach der Festnahme der GenossInnen aus der RAF in dieser historischen Sekunde in der Geschichte Deutschlands dafür entschied, an diesem Tag in Leipzig auf die Welt zu kommen.

Über diesen doch sehr genau datierbaren Zusammenhang schweigen sich eigentümlicherweise alle Berliner Zeitungen in ihrer Berichterstattung über die Vita des Genossen Holm aus. Ihre Spekulationen über dessen Biografie fangen immer erst dann an, als er 14 Jahre alt war. Warum? Ist ihnen wohlmöglich das Diktum des Altmeisters der westdeutschen Politologie, Johannes Agnoli, entfallen, der klar herausgearbeitet hatte, dass noch eine jede Biografie mit der Geburt beginnt?

Stadtguerilla und Häuserkampf

Oder muss man annehmen, dass hier eine Art Erschrecken über die Radikalität linker Militanz eine gewisse Vorsicht in der Berichterstattung ratsam erscheinen lässt? Denn wahr ist doch auch, dass sich die RAF zeit ihrer Existenz immer mal wieder zu Fragen des Wohnungsmarktes wie auch von Hausbesetzungen geäußert hat: Schon in ihrer Gründungserklärung vom Mai 1970 riet sie dazu, »die Baader-Befreiungs-Aktion (…) den kinderreichen Familien, den Jungarbeitern und Lehrlingen, den Hauptschülern, den Familien in den Sanierungsgebieten« und noch vielen anderen zu erklären. Und im April 1972 fiel auch der RAF auf, dass sich »die brutalsten Polizeieinsätze (…) gegen die Hausbesetzungen in der Belgiersiedlung in Kassel, wo Frauen und Kinder herausgeprügelt worden sind, gegen die Hausbesetzer in Hannover, die jetzt mit Schadensersatzprozessen fertiggemacht werden« richten, usw.

Andrej Holm wird sich mit Sicherheit seinen Teil schon damals dazu gedacht haben. Es heißt, dass die Stasi-Unterlagenbehörde derzeit darum bemüht ist, die damals dazu gefertigten Malbilder des zwei Jahre alten Andrej aus den in der Wendezeit geschredderten Aktenbeständen zu rekonstruieren.

Mit gefestigtem politischen Standpunkt

Ich bin irgendwann einmal am Ende des 20. Jahrhunderts Andrej Holm auf einem linksradikalen Treffen über den Weg gelaufen, um mich auch mit ihm über die nächsten konkreten Schritte im Kampf für eine bessere Welt auszutauschen. Mir fiel schon damals auf, dass Holms stets kundige Überlegungen wesentlich zu einer kollektivfördernden Atmosphäre beigetragen haben. Mehr noch: Seine Argumentationssicherheit sowie sein hohes politisches Grundwissen in den komplexen Diskussionen nützten uns allen.

Und nun beklagt ausgerechnet der »Tagesspiegel« an dem Lebensweg des Genossen, dass es bei ihm »anders als bei vielen anderen Ostdeutschen (…) nicht zur biografischen Wende« gekommen sein soll, da er »mit dem Zusammenbruch seines Staates (…) Halt im linken Berliner Milieu« gefunden habe. Das stimmt doch nur zu Hälfte! Nicht wir waren es, die Andrej Holm Halt gaben, er war es selbst, der nicht wenigen von uns durch seinen Mut, seine Standhaftigkeit und sein Einfühlungsvermögen, kurz: seinen festigten Autonomen-Standpunkt Halt gegeben hat!

Wohnungsmarkt-Revolution

Nun steht Andrej Holm als Vorsteher in der Senatsverwaltung für Bauen in Berlin vor der großen Herausforderung, auch den »kinderreichen Familien in den Sanierungsgebieten« bezahlbare Wohnungen zu verschaffen. In einem aktuellen Interview beantwortete er die Frage danach, ob durch seine Politik endlich eine »Wohnungsmarkt-Revolution« zu erhoffen sei, wie folgt: »Na, das wäre schön. Die ist ja dringend notwendig, weil wir in der Stadt mit Problemen der Verdrängung und Mangel an preiswerten Wohnungen zu tun haben.« (ND vom 15.12.2016)

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