Buchvorstellung: WIR WOLLEN ALLES – Häuserkampf Teil I (1970-1985)

Mit einer klitzekleinen Verspätung kommt nun der Band

WIR WOLLEN ALLES – Häuserkampf Teil I (1970-1985),Wolf Wetzel, Band 21,

Bibliothek des Widerstandes, LAIKA- Verlag,

Hamburg 2012,  ISBN: 978-3-942281-05-8

pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2012 heraus.

*wir bitten die Verzögerung zu entschuldigen* wir bitten die Verzögerung zu entschuldigen* wir bitten die Verzögerung zu…

aus dem Inhalt:

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Vorwort
I
Wolf Wetzel    ›68 kann nicht alles gewesen sein
II
Wolf Wetzel    Ton Steine und Scherben – Sturm auf das Polizeipräsidium in Frankfurt 1973
III
Wolf Wetzel    Ho Chi Minh in Offenbach 1973
Tommy Weisbecker Haus/Berlin
IV
Wolf Wetzel    Die Geschichte des ›Blocks‹ ist auch die Geschichte eines Frankfurter Stadtteiles (1971-74)
V
Wolf Wetzel    Über Gewalt, GegenGewalt und Militanz: ›Macht kaputt, was euch kaputt macht‹
VI
Wolf Wetzel    Im Schatten des ›Deutschen Herbst‹ 1976/77
VII
Wolf Wetzel    Die Businessclass kehrt in die Städte zurück

VIII
Wolf Wetzel    Die Besetzung der Siesmayerstrasse in Frankfurt 1980

IX
Wolf Wetzel    Der Schwarze Block – wie aus einem Running Gag eine terroristische Vereinigung wurde

X
AG Grauwacke    Häuserkampf in Berlin-West

XI
Volkart Schönberg    Freiburg: Bewegung in besetzten Häusern
Wolf Wetzel    Der Häuserkampf und der Kommissar
XII
Wolf Wetzel                  Die Revolte in der Schweiz

Mischa Brutschin        Züri brännt                           
Paul Parin                     Brief aus Grönland

XIII
Hanna Brand    Die Kraakerbewegung in Holland
XIV
Chronologie der Häuserkämpfe von 1970-84

aus dem Vorwort:

Der Schwung der 68er Bewegungen war verflogen, die politische Klasse schien sich gefangen zu haben. Doch die Ideen tauchten nur an anderen Stellen auf: Die SchülerInnenbewegung entstand, in den Heimen rebellierten die ›Schwererziehbaren‹, die Jugendzentrumsbewegung kämpfte um selbstverwaltete Räume, Jungarbeiter wollten nicht länger werden, was ihre Väter geworden sind, und viele ›Gastarbeiter‹ hörten auf, stumm zu malochen.
Während dessen boomte die deutsche Wirtschaft. Konzerne, Banken und Versicherungen platzten aus allen Nähten und erwarteten von ihren Parteien, dass sie ihnen in lukrativer, zentraler Lage Platz schafften – koste es, was es wolle. Citynahe Wohngebiete sollten für die Business-Klasse freigeräumt, die dortige Wohnbevölkerung vertrieben werden. Was sang- und klanglos über die Bühne gehen sollte, kulminierte im heftigsten Häuserkampf, den Frankfurt nach 1945 erlebt hat.
1970 wurde im Frankfurter Westend das erste Haus besetzt. Was als Wespenstich begann, entwickelte sich zu einem Hornissennest… die Investorenträume drohten zu platzen, die SPD geführte Stadtregierung bekam als Gegenregierung den ›Häuserrat‹ und die Medien prophezeiten den Anfang vom Ende: »Inmitten der Großstädte entstehen Bürgerkriegsnester … Es ist nicht auszuschließen, daß sich nach dem Frankfurter Beispiel inmitten der Großstädte eine Art Nebenregierung bildet, gestern Uni-Räte, heute die Häuserräte, morgen vielleicht die ›Räte der besetzten Fabriken‹«

Die zweite Hausbesetzungswelle in den 80er Jahren
Der ›Deutsche Herbst‹ 1976/77, die Entmachtung bürgerlicher Institutionen, die selektive Außerkraftsetzung elementarer Grundrechte hat eine ›bleierne Zeit‹ zurückgelassen. Die Soziologie machte sich nur noch Sorgen … um die Jugend und schrieb sie ab.
Die alten Pläne von der Umwandlung citynaher Wohngebieten in lukrative Stadtorte für Business und Prime-Class-Wohnen blieben brandaktuell, wurden mit Vehemenz verfolgt und zart akzentuiert. Ein bisschen Bürgerbeteiligung, ein bisschen mehr Spielgeld für Anliegen, die die Projekte im Kern nicht gefährdeten.
Was mit den ersten Hausbesetzungen in Berlin-Kreuzberg Anfang der 80er Jahre begann, entwickelte sich zu einem Flächenbrand. In Stadt und Land brachten man es auf über 400 besetzte Häuser. Und in Zürich revolutionierte d’Bewegig die Bewegung, versöhnte Militanz und Poesie, forderte die Sprengung der Alpen und machte als Ehepaar Müller Furore, als dieses – zur besten Sendezeit im Schweizer Fernsehen – den Einsatz von Bomben und Panzern gegen die Hausbesetzungsbewegung forderte.

Die hier versammelten Texte und Videos können nur einen kleinen Ausschnitt der Häuserkampfbewegungen wiedergeben. An zu vielen Orten ereigneten sich Hausbesetzungen, kämpften Initiativen gegen hohe Mieten, gegen Schikanen von Hausbesitzern und Wohnungseigentümer, gegen Modernisierungen und Aufwertungen ihres Wohnumfeldes, an deren Ende all jene das Nachsehen hatten, die weder gefragt wurden noch gefragt waren.
Doch die Häuserkampfbewegung ist mehr als die Addition skandalöser Stadtpolitiken, ist mehr als der Protest, der Widerstand gegen…
Was die HausbesetzerInnenbewegung ausgemacht hat, den Regierenden Angst und Schrecken einjagte und die Beteiligten träumen ließ, beschreibt ein Beteiligter aus Freiburg so:
»Viele von uns sind in den Häusern ein zweites Mal groß geworden, viele sind dort aus- und woanders wieder eingestiegen, fast die gesamte Alternativscene hatte und hat mit der Häuserkampfbewegung direkt etwas zu tun in Freiburg. Wir haben Neues im Zusammenwohnen und Zusammenleben ausprobiert … Unsere Stärke kann die Vielheit sein, die List, das Schließen von Kompromissen, die Verweigerung, unser Denken, das sich nicht organisieren und systematisieren lässt, der Schwarze Markt, die elektronischen Netze, in denen die Software zur Freeware wird, unsere Hoffnung, dass die maßlose Gier des Kapitals es auch die verbotene 13. Tür öffnen lässt, dass es selbst die Kräfte freilegt, die die Verhältnisse zum Tanzen bringen.«

Deshalb geht es in allen Texten um mehr, als um die Beschreibung aufregender, erinnerungswürdiger Ereignisse. Mit ihnen soll das noch einmal erleb- und spürbar werden, was über das Unrecht und Beklagen, das Kritisieren und Rechthaben hinausweist: die vielen Wege, unterschiedlichen Wagnisse und grandiosen Einfälle, die dreizehnten Tür zu öffnen…
Es war nicht das Anrennen gegen stumme Wände, sondern das Öffnen der dreizehnten Tür, das Betreten des Bahnsteiges 9 3/4 (für Harry Potter-KennerInnen), das die Beteiligten mitgerissen und die am Rand Stehenden neugierig gemacht hatte – sich dorthin aufzumachen, wo das Leben aus mehr besteht als den drei F.

Die hier versammelten Texte wollen also nicht nur dokumentieren und in Erinnerung rufen – in der Zeit stehen bleiben, die sie beschreiben. Denn bei aller Sympathie und Parteilichkeit geht es auch darum, den Fragen nachzugehen, die alle Bewegungen aufwerfen und zurücklassen: Was macht eine Bewegung stark, was lässt sie scheitern? Ist die Bewegung an sich selbst, am Gegner oder an beidem gescheitert? Woran misst man Erfolg: an dem was man vorhatte oder an dem, was sich verändert hat?
In diesem ersten Band, aber auch im Band II, der die Häuserkampfbewegung ab 1985 bis morgen umfasst, geht es also darum, zentrale Konfliktlinien nachzuzeichnen, die die Bewegung stark bzw. schwach, erfinderisch bzw. ratlos, gespalten bzw. neu zusammen gesetzt haben. Sehr schnell wird man dabei feststellen, dass all diese Konfliktlinien nicht passé, sondern mit großer Virulenz präsent sind.

Hat die Bewegung mehr erreicht, als ein paar Dutzend Häuser zu legalisieren und für ein paar Hundert BewohnerInnen preiswerte Wohnungen zu beschaffen?
Viele Kämpfe wurden geführt und werden geführt, mit der Überzeugung, dass wir weder für ›andere‹ kämpfen, noch für sie sprechen, sondern nur für uns selbst. Was ist daran richtig, was ist daran tödlich?
Wie viel Eigennutz ist noch politisch, wie viel kollektiver Eigennutz zwingend notwendig, damit das, was Antikapitalismus sein soll, konkret wird?
Was ist ›unser‹ Kiez? Wer gehört dazu, wer muss gehen und zwar subito?
Ist der Kiez die Nische, der Sozialstaat en miniature, den die Regierenden subventionieren sollen, damit sie (und die Kapitalherren) überall woanders das machen können, was wir in unserem ›Kiez‹ nicht haben möchten?
Wie kämpft man gegen Gentrifizierung, wenn die Scouts dieser ›Aufwertung‹ meist prekäres, kreatives Potenzial mitbringen (das sie bei Erfolg in innovatives Kapital verwandeln), also fast so sich wie die, die den Kiez verteidigen wollen: StudentInnen, KünstlerInnen, prekär Lebende, gewagt Selbstständige, Nonkonformisten…

Wenn die vergangenen dreißig Jahre zeigen, dass klagen, appellieren und protestieren nicht reichen, dann stellt sich die Frage, wie man dafür sorgt, dass das, was man nicht will auch nicht geschieht?
Die Aktionen zur De-Gentrifierung (Verwüstung von Yuppie-Läden, Edelrestaurants) und De-Mobil-isierung (Zerstörung von Luxuskarossen) bringen nicht nur Betroffene und den Staatsschutz auf die Palme, sondern auch die ›Szene‹. Liegt es an den (gemachten) Fehlern oder daran, dass diese Aktionen dazu zwingen, eine Grenze zwischen Luxus und (gesellschaftlicher) Notwendigkeit, zwischen politischem Bewusstsein und ökonomischer Lage zu ziehen, die abstrakte (antikapitalistische) Bekenntnisse in Teufels Küche bringen?

Die Texte können zwar nicht versprechen, dass alle Fragen ein für alle Mal beantwortet werden. Aber sie geben sich Mühe…. und lassen noch genug Platz für weitere Antworten.

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