Noch mehr brennende Autos… ein Rezension

Noch mehr brennende Autos….

Von Florian Osuch (Junge Welt vom 17.9.2012)
 
Im August 2011 wurden englische Städte von mehrtägigen Ausschreitungen erschüttert. Etablierte Politik und linke Bewegungen hierzulande blickten zunächst wie versteinert nach London, Liverpool oder Bristol. Standen die Krawalle im Zusammenhang mit den Umwälzungen im arabischen Raum? Waren die Massenproteste und Platzbesetzungen in Spanien oder die Streiks und Revolten in Griechenland inspirierend für die Ereignisse in Großbritannien? Was war Hintergrund der Gewaltausbrüche? Wolf Wetzel nähert sich in »Aufstand in den Städten. Krise, Proteste, Strategien« diesen Fragen.

Die meist jugendlichen Protestierer trugen keine Plakate und Losungen – abgesehen von der Forderung nach Aufklärung über die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf den 29jährigen Mark Duggan, die Auslöser für ihre Empörung waren. Sie plünderten Geschäfte, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, setzten Autos und selbst Wohnhäuser in Brand. Die FAZ schrieb, die Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat habe die »heutige Unterschicht zur Bequemlichkeit erzogen«. Kein Wort von Krise und Kapitalismus, kein Zusammenhang von Armut und Revolte. Für die FAZ einzig ein zum Arbeiten zu fauler »Mob mit Anspruchsdenken«.

Auch Wetzel meint, daß »Armut, Ausgrenzung, Entwürdigung nirgendwo eine Schule fürs revolutionäre Leben« seien, aber er rechnet in seinem Buch leidenschaftlich mit dem Kapitalismus ab. Ein »organisierter Fightclub« tobe durch Europa, der »keine Hemmungen mehr hat, Menschen für drei Euro auszubeuten, 14 Stunden am Tag arbeiten zu lassen und diese zu feuern, wenn sie nicht mehr spuren«. Die anderen hetze man aufeinander, »vor allem die, die nichts als ihre Arbeitskraft haben: die Deutschen auf die Polen, die Franzosen auf die Spanier, die Jungen auf die Alten, die Festangestellten auf die prekär Beschäftigten, die Legalen auf die Illegalen, …«. Weiter schreibt er: »Wenn man die Reaktionen dieser verkommenen Klasse liest, den britischen Premierminister Cameron hört, der nur Gummigeschosse, Wasserwerfer und – wenn gewünscht – die Armee für die Jugendlichen übrig hat, dann wünscht man sich noch mehr brennende Autos, noch mehr Unruhen…«.

Wetzel erörtert, ob die Ereignisse in England oder auch die in den französischen Banlieus Vorboten eines »kommenden Aufstands« seien. Er bringt so die gleichnamige Publikation französischer Anarchisten aus dem Jahr 2007 ins Spiel. Wetzel: »Die Fragen, die jede Linke sich selbst und anderen stellen muß, lauten: Wem gilt die Wut? Was will man mit dieser Revolte erreichen? Was ist ihr Ziel

Der Autor kommt aus der autonomen Bewegung Westdeutschlands und gehörte der L.U.P.U.S.-Gruppe aus Frankfurt am Main an, die autonome Theorie mit praktischen Fragen verband. Darüber hinaus enthält das Buch Beiträge zu den Protesten in Spanien, den USA (»Occupy Wall Street«), Griechenland, Italien und Frankreich.

Wolf Wetzel (Hg.): Aufstand in den Städten – Krise, Proteste, Strategien. Unrast-Verlag, Münster 2012, 256 Seiten, 16 Euro
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