G20-Gipfel in Hamburg und der politische Kassensturz

Über Gipfel und Niederungen

Mindestens 130 Millionen Euro und über 20.000 Polizisten wurden aufgeboten, um in eineinhalb Tagen zu diesem Ergebnis zu kommen:

Die polizeiliche und strafrechtliche Aufrüstung unter dem Label „Antiterrorkampf“ geht weiter. Die Einigkeit in diesem einen Punkt war bemerkenswert und systemübergreifend. Sie reicht von Diktaturen, Fast-Diktaturen, autokratischen Systemen bis hin zu Demokratien im Ausnahmezustand.

Kein einziger G20-Staat hat sich in Hamburg dafür eingesetzt, seine Kriegsbeteiligung(en) zu beenden, den eigenen Waffenhandel zu stoppen.

Einig war man sich am Rande, das in Afrika verstärkt zu tun, was man auf anderen Kontinenten längst tut: ausbeuten.

„Die G20-Staaten stellten sich in Hamburg hinter den „Compact mit Afrika“, mit dem Berlin sich neuen Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent sichern will. Der „Compact“ sieht Maßnahmen vor, die es Industrienationen wie Deutschland faktisch ermöglichen, die Investitionsbedingungen in einzelnen Staaten Afrikas weitgehend nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Als Partner dafür hat die Bundesregierung Tunesien, Ghana und Côte d’Ivoire gewählt. Während Tunesien längst als bedeutender Niedriglohnstandort deutscher Unternehmen fungiert, steht Côte d’Ivoire noch unter maßgeblichem Einfluss Frankreichs – ein Zustand, den Berlin mit Hilfe des „Compact mit Afrika“ zu brechen hofft. Insgesamt soll der „Compact“ vor allem helfen, den deutschen Wirtschaftseinfluss in Afrika nach vielen gescheiterten Versuchen der vergangenen Jahre endlich zu intensivieren. Aus Sicht des deutschen Establishments drängt die Zeit: Mit China ist ein weltpolitischer Rivale mittlerweile zum wohl bedeutendsten Wirtschaftspartner zahlreicher afrikanischer Staaten aufgestiegen.“ (german-foreign-policy.com vom 10.7.2017)

 

Furchtbar einig ist man sich auch, die Flucht verstärkt zu bekämpfen, also zu verhindern, dass die Ursachen von Flucht und Elend die Ländern erreichen, die vom dortigen Elend am meisten profitieren und wesentlichen Anteil daran haben, dass die Menschen keine andere Überlebenschance mehr sehen, als zu fliehen.

Dafür tut man sich zusammen, mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan genau so wie mit para-staatlichen Milizen in Libyen.

Man kann es auch so zusammenfassen: Man setzt die Politik der Ausbeutung, der Verarmung und Zerstörung fort und verstärkt die Maßnahmen, dass die mörderischen Folgen dieser Politik die (meisten) G-20-Staaten nicht erreichen.

Die „kannibalische Weltordnung“ (Jean Ziegler) hat in Hamburg gezeigt, dass sie sich nicht aufhalten läßt – weder durch die 50 Millionen Menschen auf der Flucht, weder durch das tägliche Sterben an Hunger oder im Mittelmeer, noch durch die „Krawalle“ in Hamburg.

Selbstverständlich sind die „Krawalle“ in Hamburg nicht die Antwort auf dieses globale Wissen. Auch die „friedlichen Proteste“ sind es nicht.

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Dann qietscht die Seele – eine Rezension

Markus Mohr hat für die Tageszeitung ›Junge Welt‹ eine Rezension zu dem Buch ›Häuserkampf I – Wir wollen alles – der Beginn einer Bewegung‹ verfasst – mit einem wunderbaren Zitat aus dem Film aus Freiburg ›Passt bloss auf‹:

 

Einen Horror haben

Dann qietscht die Seele: In der »Bibliothek des Widerstands« ist der Band »Häuserkampf 1« erschienen

Von Markus Mohr

Es gibt viele Gründe, leerstehende Häuser zu besetzen. Der Einsichtigste bezieht sich auf den Geldbeutel. Genauso legitim, aber ungleich komplizierter wird es, wenn man damit den Anspruch »anders zu leben« realisieren möchte. Wo fängt das an, und wo soll das alles aufhören? Auf jeden Fall ist die öffentliche Besetzung ein politisches Symbol gegen die Privateigentümerei.

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Bewegungslehre

Bewegungslehre

Fesseln spürt, der sich bewegt…

Bewegungslehre heißt zu aller erst, dass wir nicht das ganz Andere, das Neue, der letzte Schrei sind. Bewegungslehre heißt, all die vielen , die vor uns waren, in Erinnerung zu behalten, in Erinnerung zu rufen. Bewegungslehre heißt, Geschichte nicht daran zu messen, ob ihre ProtagonistInnen gescheitert sind, sondern, ob sie uns wertvolle Erfahrungen mitgeben können. Bewegungslehre ist also immer auch so etwas wie ein kollektives Gedächtnis.


Dieser Beitrag wurde für antifaschistische Gruppen geschrieben und orientiert sich thematisch an den Ereignissen in Dresden 2010/11. Wenn diese Thesen Grundsätzliches in den Mittelpunkt stellen, sollten sie auf alle aktuelle Bewegungen übertragbar sein…

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Autonome – eine Spurensuche

Autonome tauchen immer dann in den Medien auf, wenn es alle anderen nicht gewesen sein sollen.
Autonome erkennen die Medien immer dann, wenn es nichts zu erkennen gibt.
Autonome waren es, wenn es um Randale und Ausschreitungen geht und kein Fußballspiel in der Nähe ist.
Autonome sind alle, die nicht friedlich von A nach B demonstrieren.
Autonome sind schlimmer als Krawallmacher und Hooligans. Letztere machen alles aus Langweile und Frust, erstere aus Leidenschaft, mit Plan.
Autonomen geht es nie um die Sache, um das konkrete Anliegen. Ihnen geht es ums Ganze, ums System.
Autonome tauchen aus dem Nichts auf, machen alles kaputt und verschwinden dann genauso schnell spurlos.
Neuerdings gibt es in den Medien ›Links-Autonome‹. Wer hat sie abgespalten, von was?
Autonome gibt es immer am 1. Mai in Berlin.
Gab es sie überhaupt? Gibt es sie noch? Sind sie ein Mediengespenst, das ab und an durch die politische Landschaft gescheucht wird?

AK Wantok hat sich auf die Spurensuche gemacht. Daraus ist ein 406 Seiten starkes Buch geworden: ›Perspektiven autonomer Politik‹, Unrast Verlag 2010.

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68 liegt vor uns

Memories - 1968 in Frankfurt a.M. 01 Auch die schwarz-grüne Stadtregierung in Frankfurt gehört selbstverständlich zu jenen, die sich ›68‹ in ihr Portfolio gelegt haben. Anläßlich des 40-jährigen Jubiläums der ›68er‹ präsentiert das Historische Museum die Ausstellung ›Die 68er. Kurzer Sommer – lange Wirkung‹. Zum Warm-up für Journalisten lud das Presse- und Informationsamt Frankfurt für den 28.4.2008 zu einer Tagesveranstaltung ein:

The times they are changin‘ – Die 68er ins Museum?

Im Rahmen dieses Programmes ging es auch in den Club Voltaire, der erfolgreich Kneipe, Veranstaltungsort und Gruppenräume unter einen Hut bringt. Der Club Voltaire, im Zuge der 68er gegründet, gehört zu den wenigen Projekten, die sich bis heute die kritische Distanz zum Bestehenden bewahrt haben – was nicht nur politisch eine Rarität, sondern auch ganz materialistisch betrachtet ein Kunststück ist: Der Club Voltaire liegt in der Innenstadt, nahe der Goethestraße, der ›golden mile‹ Frankfurts, also für Menschen ab 100.000 Euro Einkommen. Genau dort, wo in aller Regel alleine der Quadratmeterpreis politisch Er- bzw. Unerwünschtes ohne großes Aufsehen selektiert.

Die Stadt Frankfurt, in den Händen einer schwarz-grünen Regierung hatte die Location für die Veranstaltung ›Fünf Finger sind eine Faust – Von der Gewalt zum Krisenmanagement?‹ mit Fingerspitzengefühl ausgesucht. Denn sie war und ist nicht nur ein Ort der politischen Debatte, sondern immer wieder in seiner langen Geschichte auch ein Ort der Zuflucht, wenn Menschen vor Polizeieinsätzen zu fliehen versuchten.
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Ein Streifzug durch die Frankfurter Geschichte Anfang der 70er Jahre (2001)

Ein Streifzug durch die Frankfurter Geschichte Anfang der 70er Jahre –

oder

Wie sich Marcuses Randgruppenstrategie und die (Vor-)Geschichte Hans-Joachim Kleins in die Arme liefen

Seine Mutter deportierten die Nazis ins KZ Ravensbrück. Kurze Zeit später verstarb sie. Sein Vater, »ahnungsloser« Nazi, Bulle und überzeugter Antikommunist, steckte ihn ins Kinderheim. Mit drei oder vier Jahren kam er zu Pflegeeltern. Als Hans-Joachim Klein neun oder zehn Jahre alt war, platzte sein »Erzeuger« (S.33) in sein Leben, wo es »im großen und ganzen ganz manierlich« zuging (S.31). Sein Vater hatte sich neu verheiratet und holte Hans-Joachim in die Familie zurück. Das Familienglück währte nur sehr kurz. Bald setzte es bei jeder sich bietenden Gelegenheit Schläge: »Beliebt waren vor allen Dingen Elektrokabel – extra auf ne gute Länge getrimmt – ein Nudelholz und Kochlöffel« (S.33). Mal haute er für ein paar Tage ab, mal suchte er vergeblich Schutz beim Jugendamt. Immer wieder war seine Rückkehr mit furchtbaren Prügeln verbunden. Irgendwann landete er im Erziehungsheim in Hassloch/Pfalz. Nachdem er keinen Unterschied zwischen familiärer Gewalt und der Schläge aus staatlicher Fürsorge entdecken konnte, haute er auch dort ab und fand bei seinem Vater wieder Unterschlupf. Dieser besorgte seinem Sohn eine »anständige« Arbeit bei der Post und verlegte sich vom Schlagen aufs aussperren: »Wenn ich nicht um zehn Uhr abends zu Hause war, musste ich im Keller pennen. Und das war sehr oft.« (S.37). So füllte sich das Fas wieder und Hans-Joachim Klein gab seinem Vater einen der vielen Schläge zurück – und fand im Postwohnheim eine vorübergehende Bleibe. In dieser Zeit zog er gelegentlich los, um mit Kumpels zusammen Autos zu knacken und »Schwule zu klatschen« – eine damals beliebte Methode von Straßen-Gangs, um recht einfach und folgenlos an Geld und männliche Selbstvergewisserung zu kommen. Wegen der Autodiebstähle landete Hans-Joachim Klein schließlich für acht Monate im Knast und verlor selbstredend seinen Job bei der Post.

Der Kreislauf schien sich von neuem zu schließen: Sein Vater gewährte ihm den gerichtlich verordneten festen Wohnsitz und die Gefangenenfürsorge verschaffte ihm als Lagergehilfe einen Job in der Kneipe »Schultheiss«, für 3,85 Mark die Stunde. »Das nahm ich an, was sollte ich machen. Dort schuftete ich mich wirklich halbtot, sehr oft auch noch Sonntags«(S.38) …Zu dieser Zeit war Hans-Joachim Klein 20 Jahre alt.

Der Zufall wollte es, dass dieses Restaurant im Westend lag, »ein Viertel in Frankfurt, wo es viele Studenten gab. Das war 1967, als die Bewegung grade richtig losging. Da hatte ich meine ersten Kontakte.« (S.275)

Ein weiterer Zufall sollte schlagartig mit seinem »Kinderglaube(n) an die liebe Polizei« (S.40) aufräumen. Auf einer der vielen Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen beobachtete Hans-Joachim Klein, wie mehrere Polizeibeamte eine Frau zusammenschlugen: »Ich habe einen Schlag ausgeteilt und einen verpasst gekriegt. Von dem Moment an hab ich angefangen nachzudenken. Ich hab angefangen, mit den Studenten zu diskutieren, Fragen zu stellen. Ich begann zuzuhören, wenn von Vietnam die Rede war. Ich las mein erstes Flugblatt, von dem ich übrigens kein einziges Wort verstand.« (S.276)

Was ihm an den Studenten, an den Krawallmachern und Kommunisten gefiel, stand nicht in den Flugblättern. Was ihn beeindruckte, war, dass sie ihm zuhörten, dass sie ihm geduldig und ohne Arroganz Dinge erklärten, die er wissen wollte, »dass sie sich für Sachen einsetzten, von denen sie keinerlei materiellen Nutzen hatten… Das war eine meiner ersten Entdeckungen überhaupt. Dass man da Sachen macht, die nichts auf die eigene Hand bringen. Das war wider aller Regel, wie ich sie 20 Jahre beigebracht bekommen habe.« (S.111). Bevor er auf sein erstes Teach-in ging, kaufte er sich eine Packung Gauloises, nachdem er mitbekommen hatte, dass viele seiner neuen Freunde eben diese Marke bevorzugten. Einer davon war vom Verband der Kriegsdienstverweigerer (VdK) und da für ihn die Entscheidung anstand: Bundeswehr ja oder nein, besuchte er öfters das Büro in der Adalbertstraße. Dort diskutierten sie lange und heftig um das für und wider. Ein halbes Jahr später entschied sich Hans-Joachim Klein doch in die Bundeswehr zu gehen: »Mit dem Kopf, dass gegen die was unternommen werden muss (S.40)… dass das Ding von innen anzugreifen (theoretisch)« (S.39) ist. Ganz praktisch hat ihm das viel Knast und pausenlos Wachdienst eingebracht.

Als Hans-Joachim Klein nach eineinhalb Jahren mehr oder weniger misslungener Wehrkraftzersetzung entlassen wurde, hatte sich draußen viel verändert. Die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Studentenbewegung polarisierten sich, die Enttäuschungen über das nicht erreichte bzw. hartnäckig bestehende führte zu unterschiedlichen Konsequenzen. Ein Teil davon machte sich an den Aufbau einer der vielen kommunistischen Parteien (KBW, KPD/AO, KB), ein anderer Teil entschied sich für den »Marsch durch die Institutionen«. Andere wiederum entschieden sich zum Aufbau illegaler, bewaffneter Strukturen (RAF, 2.Juni, RZ). Ein Großteil der noch politisch Aktiven blieb dem anti-autoritären, undogmatischen Gedankengut treu und suchte nach dafür geeigneten Strategien. Die gerade in Italien im Entstehen begriffene Autonomia – deren Theorie und Praxis sich im Widerspruch zu den kommunistischen, marxistisch-leninistischen Parteidoktrinen entwickelte – wurde so über Jahre Bezugspunkt der westdeutschen, undogmatischen Linke. In Frankfurt griffen die Spontis diese Ideen und Konzepte auf und versuchten sie auf die Verhältnisse in (West-)Deutschland zu übertragen.

Im Mittelpunkt der Autonomia stand die Infragestellung des Legalismus, die Entwicklung neuer, militanter Kampfformen, die Abkehr von einem blinden Ökonomismus (mit der Arbeiterklasse an der Spitze), Konzepte von einer breiten, gesellschaftlicher Verankerung, die Lebendigkeit einer Utopie (anstatt protestantischer/kommunistischer Versprechungen auf ein besseres danach) und die zarte Infragestellung zentralistischer, hierarchischen (Organisations-)Strukturen.

Die Unruhe verließ das Universitätsgelände und das studentische Milieu – an allen Ecken und Enden dieser Stadt tauchte sie wieder auf. In großen Betrieben (wie Opel und Ford) nahm der RK (Revolutionärer Kampf) seine interventionistische Betriebsarbeit auf, die bis zu ‚wilden‘ Streiks führte. Die Emigranten als Lohnarbeiter in den Fabriken als auch als BewohnerInnen herunter gekommenener Wohnviertel wurden zu einer politische Bezugsgröße. Überall in der Stadt schossen Stadtteilgruppen aus dem Boden, die auch Ausgangspunkt für die ersten Hausbesetzungen in Frankfurt wurden. In Obdachlosensiedlungen – heute sprachlich geschönt als »soziale Brennpunkte« geführt – wurde die politische Arbeit begonnen und viele Jugendliche gaben – mit Erfolg – den wild zirkulierenden Ideen und (Auf-)Brüchen in selbstverwalteten Jugendzentren einen Ort. Mehr quer dazu als daneben formulierten sich die ersten Ansätze der zweiten Frauenbewegung, die das Patriarchat – zum Unmut vieler Genossen – nicht nur im System ausmachten, sondern auch unter den revolutionären Männern und Beziehungspartnern. »Kurz, für jedes politisches Herz und jeden politischen Geschmack war in Frankfurt und darüber hinaus was vorhanden.« (S.124)

Als Hans-Joachim Klein von der Bundeswehr nach Frankfurt zurückkehrte, stürzte er sich alsbald in das Getümmel unzähliger Initiativen, Gruppen und Aktivitäten.

Als der Frankfurter Ortsverband der VdK vom Bundesvorstand wegen Radikalismus ausschlossen wurde, wandte er sich den Anarchos zu und wurde Mitglied der »Föderation Neue Linken«: »Es war eine herrliche und vor allem verrückte Zeit, obwohl die politische Arbeit nie zu kurz kam.« (S.129). Grund genug, um wieder einmal einen seiner beschissenen Lohn-Jobs zu verlieren, samt Unterkunft. Dieses Mal ging er nicht zu seinem Vater zurück, sondern entschied sich für eine völlig neue Erfahrung. Er zog in eine Wohngemeinschaft ein: »Das war meine erste Erfahrung gemeinschaftlichen, solidarischen Zusammenlebens, mit all seinem Freud und (manchmal) Leid. Das erste Mal in meinem Leben kollektive Lebensformen: Hatte der eine keine Kohle, hatte es halt der andere und gab’s ohne Murren raus. Meins, deins, so was gab es nicht mehr. Ich habe ganz schön umlernen müssen in der Zeit.« (S.130)

Zu dieser Zeit landeten die ersten Mitglieder der RAF im Knast, wodurch die Haftbedingungen insbesondere die gegen sie verhängte Isolationshaft ins Blickfeld politischer Diskussionen geriet. Das politische Strafrecht (§ 88a, § 129a) wurde verschärft, das Demonstrationsrecht eingeschränkt. Die wachsende Repression hinterließ eine Blutspur: Petra Schelm, Georg von Rauch, Thomas Weisbecker wurden – selbstverständlich aus Notwehr – von Polizeibeamten erschossen. All diese Ereignisse führten zur Gründung der »Roten Hilfe«, der Hans-Joachim Klein beitrat. Seine Solidarität gegenüber den politischen Gefangenen stand für ihn außer Frage. Dennoch zählte er sich zu jenen, die sich einer Instrumentalisierung durch die RAF widersetzten: »Das ist auch ein bisschen der Grund, warum ich den Revolutionären Zellen beigetreten bin und nicht der RAF.« (S.281)

Fortan bestimmten im Großen und Ganzen zwei politische Konzepte und Strategien das Leben der Linken (nicht nur) in Frankfurt. Auf der einen Seite die Politik und Praxis der RAF, das Primat der Illegalität, die Illegalität als einzig wahren Bruch mit den Verhältnissen, deren Zuspitzung durch Anschläge und das damit verfolgte Ziel, die bürgerliche Demokratie als (letztendlich) faschistisches System zu demaskieren.

Auf der anderen Seite die Vorstellungen von einer militanten Politik, die die Legalität nicht (freiwillig) aufgibt und die Wahl der Mittel, die Dynamik der Kämpfe an den Grad gesellschaftlicher Verankerung bindet.

Hans-Joachim Klein versuchte einen Spagat zwischen beidem. Er beteiligte sich weiterhin an den militanten Auseinandersetzungen in Frankfurt, an den Verteidigungskämpfen um die besetzten Häuser (Kettenhofweg, Bockenheimer/Schumannstr.-Block), an den heftigen Straßenkämpfen gegen die Einführung eines neuen FVV (Frankfurter U- und S-Bahn)-Tarifs, an den Aktionen, die von der Roten Hilfe ausgingen, an der letzten Anti-Vietnamkriegs-Demonstration in Frankfurt am 30.4.1975, als im ehemaligen Saigon die Fahne des Vietcongs gehisst wurde.

Gleichzeitig machte er keinen Hehl aus seiner Sympathie für die RAF-Aktionen gegen das amerikanische Headquarter in Heidelberg und das IG-Farben-Haus in Frankfurt, die in engem (das heißt nicht nur politischem, sondern logistischem) Zusammenhang zu dem Krieg der USA gegen Vietnam standen. Nicht anders verhielt er sich zu Anschlägen auf amerikanische Einrichtungen, die er nicht als unpolitisch verurteilte, sondern guthieß. Damit geriet er immer wieder auch in Widerspruch zu den GenossInnen, die er im Laufe seiner Politisierung schätzen lernte: »Ich hatte keine Lust mehr, mich da auf große Diskussionen einzulassen. Und noch weniger hatte ich Lust, durch halb Frankfurt zu rennen – als ging’s um den goldenen Schuh – vor grinsenden Bullenketten und tropfenden Wasserwerfern zu stehen…um dann anschließend kaputt vom Rennen und frustriert von der Ohnmacht (…) nach Hause zu gehen.« (S.133)

Die Auseinandersetzungen wurden immer härter und der persönliche und politische Spagat Hans-Joachim Kleins immer schwieriger. Wieder kam ein Zufall zur Hilfe. Er kannte Wilfried (Bonnie) Boese bereits von der Stadtteilgruppe im Gallus, von der »Roten Hilfe« und dem Black Panther-Komitee. Als dieser ihm eines Tages die Tür zur RZ öffnete (S.281), willigte er ein und machte aus seinem Doppelleben ein politisches Konzept. Er eignete sich die Kenntnisse für die Illegalität an, das Fälschen von Papieren, Sicherheitsmaßnahmen, Codes, Waffenkunde. Ansonsten engagierte er sich weiterhin in der Roten Hilfe und bemühte sich dabei, seine Sympathie für die Guerilla nicht allzu laut kundzutun.

Im September 1974 begann der dritte Hungerstreik der Gefangenen aus der RAF. Ziel war es, die vor allem gegen politische Gefangene verhängte Isolationshaft – als eine »Form der psychologischen Folter« (Jean-Paul Sartre) – aufzubrechen. In Frankfurt, wie in anderen Städten auch, unterstützten Solidaritätskomitees die Forderungen nach Aufhebung der Sonder-Haftbedingungen. Von Anfang an stand dabei die Frage im Raum, inwieweit ein Kampf gegen die Haftbedingungen ein Bekenntnis zur oder eine Kritik an der Politik der RAF einschließt oder nicht. Dieser schwelende Konflikt eskalierte mit dem Tod von Holger Meins. Nur ein Tag später, am 10.11.1974, wurde der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann von der »Bewegung 2.Juni« erschossen. Die RAF begrüßte dieses Attentat ausdrücklich. Hans-Joachim Klein sah seine Wut darin gut aufgehoben: »Das Attentat auf Drenkmann nach dem Tod von Meins hat mich begeistert. Für einen Teil der Linken war es dagegen bestürzend.« (S.281) Die Auseinandersetzungen um das für und wider eines bewaffneten Kampfes dominierte schließlich die Solidaritätsarbeit und brachte sie de facto »zum Stillstand.« (S.281). Diese Ereignisse bestärkten Hans-Joachim Klein in der getroffenen Entscheidung, dass »jetzt (…) mit der Ohnmacht des Legalismus Schluss gemacht werden« (S.281) müsse.

Auch in anderen Ländern der Welt eskalierten die Verhältnisse – in alle Richtungen. In Chile endete der friedliche Weg zum Sozialismus in einem blutigen Militärsturz (1973), in Griechenland putschte sich das Militär an die Macht, der Franco-Faschismus lag in den letzten Zügen und in Portugal begann mit der Sturz der Caetano-Diktatur am 25.4.1975 die »Nelken-Revolution«.

Und von Wilfried Boese erfuhr Hans-Joachim Klein viel über die zugespitzte Situation in Palästina, über »das Massaker des Schlächters von Amman im Jordan-Tal mit über 20.000 toten Palästinensern« (S.43), über die Bombardierung von palästinensischen Flüchtlingslagern durch israelische Kampfflugzeuge, über den palästinensischen Widerstand und lernt dabei u.a. Mitglieder der PFLP, einer palästinensischen Guerilla-Organisation kennen, die auch im Ausland operierte.

Bereits zu dieser Zeit existierten zwei Strömungen innerhalb der Revolutionären Zellen (RZ): Eine internationalistische, die mit anderen nationalen Befreiungsbewegungen und -organisationen zusammenarbeitete und ihren Aktionsradius, ihren Bezugrahmen aus den weltweiten Kämpfen um Befreiung ableitete. Die andere Strömung nahm überwiegend die Verhältnisse in der BRD zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, orientierte die Wahl der Mittel, den Ort der Intervention an dem, was sie den sozialen Bewegungen zumutete.

Ein Gespräch im Frankfurter Stadtwald sollte zu einer Entscheidung führen.

Aus: Autonome L.U.P.U.S.-Gruppe, Die Hunde bellen… Von A bis (R)Z

Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre

Unrast-Verlag, Münster, Herbst 2001

(autonome) Geschichte wird gemacht (1986)

>(autonome) Geschichte wird gemacht, es geht (so) voran …<(Fehlfarben)


0. Vorwort

Dieser Text versucht, sieben Jahre autonome Geschichte zu reflektieren,wenn man das Geburtsjahr 1980 wählt.Er wurde für die >Libertären Tage<, die im April 1987 in Frankfurt stattfanden, geschrieben. Mehr als 2.000 TeilnehmerInnen aus dem anarchistischen und autonomen Spektrum warfen unsere Erwartungen und Planungen über den Haufen. Über mehrere Tage wurde u.a. der ›Stand autonomer Bewegungen‹ und das Verhältnis zum bewaffneten Kampf der RAF und antiimperialistischer Gruppierungen diskutiert[1]. Das Bedürfnis, innezuhalten, sich umzuschauen, die politischen Ereignisse der letzten Jahre zu rekapitulieren und einzuordnen, drückte sich in einer ungewohnten Geduld und Ausdauer in meist überfüllten Veranstaltungsräumen aus.

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