Ohne große Zwischenfälle

Teil II

Der Kongress „50 Jahre israelische Besatzung in Palästina“ in Frankfurt ist vorbei. „Ohne große Zwischenfälle“ titelte die Frankfurter Rundschau ihre Berichterstattung.

Der enttäuschten Aufregung folgt in aller Regel die nächste Aufregung.

Man könnte meinen, in Frankfurt wurde für ein paar Stunden der Israel-Palästina-Konflikt nachgestellt, mit vielen Leihgaben, Kostümierungen, Bühnenbildern und Projektionen, verzwickten Frontverläufen und merkwürdigen Koalitionen. Dazu zählt sicherlich auch eine Szene, die der brilliante Filmemacher Alexander Kluge nicht besser hätte dazwischen montieren können.

Zwei Frauen mittleren Alters, die an dem Kongress teilnehmen wollten, gingen zu der Gruppe „We stand with Israel“, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Zuerst wurden sie beschimpft, bis ein älterer Herr an sie herantrat, um sie sehr freundlich zu fragen, ob sie denn wissen, dass es gar keine Palästinenser gäbe. Eine der beiden Frauen war sehr aufgewühlt, denn sie lebte offensichtlich jahrelang mit einem Mann zusammen, der sich als Palästinenser ausgab. Bevor die mögliche Lebenslüge alles durcheinanderwarf, setzte der sehr freundliche ältere Mann nach: Er könne sie beruhigen, denn auch Yasser Arafat sei ja gar kein Palästinenser, schließlich stamme er aus Ägypten.

Siedler-Meinung_netz

Selbstverständnis israelischer Siedler in Hebron

 

Könnte es also sein, dass der ganze Israel-Palästina-Konflikt auf einem einzigen, dafür tödlichen Irrtum beruht? Bevor diese Völkerfrage geklärt werden konnte, kam ein Polizeibeamter auf die beiden verdutzten Frauen zu, um sie – wieder sehr freundlich – zu beten, sich jetzt zu entscheiden: Entweder „Stand with Israel“, „Free Palestine“ oder der Kongress.

Aussichten_Netz

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22.3.2010 – Eine Auseinandersetzung mit linken Positionen zu Israel – Ein Rück- und Ausblick

Vorwort

Mehrere Wochen dauerte der Krieg der israelischen Armee im Gazastreifen 2009 – genauso lange stritt sich ein Teil der deutschen Linken darüber, ob diese Militäroperation ein legitimer Selbstverteidigungsakt war oder ein Krieg1 im Rahmen fortgesetzter Besatzungspolitik. Obwohl keine der beteiligten Streitfraktionen auch nur den geringsten Einfluss auf den Ausgang dieses Krieges hatte, stritt man sich bis zur letzten Tinte, ohne dass die Bereitschaft zu erkennen war, die unterschiedlichen Positionen öffentlich zu diskutieren. Ein Großteil traf die Entscheidung, angesichts des schwierigen und komplexen Themas und des völlig vergifteten Klimas sich rauszuhalten. Seitdem herrscht bleierne Stille. Man hat sich zerstritten, man geht sich aus dem Weg, man führt Selbstgespräche in vertrautem Kreis.

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Von ›Wir sind ein Volk‹ zum Pogrom, von der Abschaffung des Asylrechts zum ›nützlichen‹ Ausländer – Ein Rückblick auf 20 Jahre Deutschland

Die Situation vor der Wiedervereinigung 1989

Die herrschende Grundhaltung nach der militärischen Niederlage des deutschen Faschismus 1945 bis in die späten 60er Jahre hinein war von Wiederaufbau und Verdrängung, Wirtschaftswunder und personalen faschistischen Kontinuitäten geprägt. Über 80 Prozent der NS-Eliten wurden anstandslos übernommen, fanden eine Anstellung im Nachkriegsdeutschland und setzten dort auch ihre politischen Karrieren fort. So vereinigte sich z.B. unter dem Dach der FDP die größte Anzahl von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern – eine politische Ruhezone für NS-Verbrecher, unter der Flagge der Liberalität. Ralph Giordano bezeichnete diese Zeit treffend als »zweite Schuld« Deutschlands.
Als das Wirtschaftswunder ins Stocken kam, die Studentenrevolte und die außerparlamentarischen Bewegungen die Komplizität zwischen faschistischen Eliten und deutscher Nachkriegsgesellschaft beim Namen nannten, verbrannte der Teppich des Schweigens und Verleugnens. Was bedeutet: Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg! In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Ein Kernsatz Horkheimers stand im Zentrum der politischen Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.« .
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