Der 2. Juni 1967. Die Erschießung von Benno Ohnesorg in Berlin oder: Wenn Geschichte zum Ersatzteillager für Herrschaftspolitik wird

von Wolf Wetzel/Rubikon

Dass die Herrschenden ihre eigene Geschichte frisieren, ist naheliegend und Teil ihrer „Erinnerungskultur“. Besonders abstoßend wird es jedoch, wenn sie sich der oppositionellen Geschichte bemächtigen und der Zerschlagung noch politische Grabschändung hinzufügen.

Zum 50. Jahrestag

Zu einem wichtigen Marker in der Geschichte deutscher Oppositionsgeschichte gehört unstrittig der 2. Juni 1967, die Ermordung des Schahgegners Benno Ohnesorg in einem Hinterhof Berlins durch einen Staatsschutzbeamten.

Ohnesorg a la BILD

Die Ermordung eines Schahgegners, die Unterstützung des diktatorischen Schahregimes in Persien durch die deutsche Bundesregierung, das Gewährenlassen von schahtreuen Schlägern in Berlin, das Decken des Mörders durch seine Vorgesetzten, wird gemeinhin als ein Auslöser der 68er-Revolte bezeichnet. An diesem Tag kam – auf tödliche Weise – alles zusammen, was sich mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1948 wie ein roter, also brauner Faden durchzieht.

Allgemein und mit großer Medienmacht werden der Mord an Benno Ohnesorg und die 68er-Revolte so gelesen:

Man habe aus dem „Staatsversagen“ gelernt und in Folge der 68er-Revolte wäre es zu einem grundlegenden Wandel des autoritätshörigen Nachkriegsdeutschlands gekommen. Gern aufgerufene Kronzeugen sind dabei in der Mitte angekommene 68er, die mit ihrem Protest eine „in obrigkeitsstaatlichen Verhaltensweisen erstarrte Gesellschaft umgepflügt“ (Christian Semler, TAZ) oder – weniger erdig, geradezu himmlisch – „von Grund auf zivilisiert“ (Ex-Bundestagsvizepräsidentin Vollmar/Grüne) haben wollen.

Unsere Leserinnen und Leser mögen diesen ‚Schlußstrich’, der zum 50. Jahrestag noch dicker gezogen wird, an nur zwei Prüfsteinen messen:

Wie ist heute das Verhältnis staatstragender Parteien zu Diktaturen?

Was haben die Institutionen aus dem „Staatsversagen“ gelernt, wenn man dies mit ihrem Agieren im NSU-VS-Komplex vergleicht?

weiterlesen: Staatlicher Mord

https://www.rubikon.news/artikel/staatlicher-mord

Wer sich noch ein wenig in die Geschichte der 68er Revolte einlesen will, sei der Text aus oben genanntem Buch empfohlen:

68 als Staatsbegräbnis

Der Journalist Uwe Soukup veröffentlichte 2017 die überarbeitete Version seines Standard-Werkes zum Tod von Benno Ohnesorg unter dem Titel „Der 2. Juni 1967 – Ein Schuss, der die Republik veränderte“ und wirkte an dem Dokumentarfilm „Wie starb Benno Ohnesorg?“ mit, der am 29. Mai 2017 um 23:45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wurde. Ein Film von Klaus Gietinger, Margot Overath und Uwe Soukup, Koproduktion des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) und des Hessischen Rundfunks (HR), 2017

Ein sehr ausführliches Interview mit Uwe Soukup findet sich auf KemFM: https://kenfm.de/uwe-soukup/

 

 

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Die Hunde bellen… von A bis (R)Z

Buchbesprechung – einmal ganz anders:

Was sagt der ehemalige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Peter Frisch, dazu:

»(…) Die ›Zeitreise durch die Geschichte der letzten 30 Jahre‹ verzichtet auf den pseudo-wisssenschaflich-pittoresken und schlicht unverständlichen Stil der früheren ›Neue Linken‹, gleicht dies aber durch das Fehlen eines roten Fadens (…) und durch eine Fülle von kaum strukturierten, verschiedentlich widersprüchlichen, wenn auch teilweise durchaus lesenswerten Gedankengängen aus. (…) Die Broschüre nennt viele Fehler in der Vergangenheit, wie zum Beispiel den versuchten Anschlag auf die Siegessäule in Berlin, verschweigt aber auch nicht eine letztlich positive Beurteilung der massenhaften Anschläge auf Strommasten oder Hakenkrallenanschläge. Das seien Aktionen, die sich selbst erklärten und die nicht die Militanz auf die Gewaltfrage reduzierten. (…) Diese und andere Bemerkungen sollen (…) nicht den erkennbaren Eifer abwerten, mit denen die Probleme der militanten Protestbewegung in der Broschüre abgehandelt werden. Und so mancher Grundsatzkritik kann man (…) durchaus zustimmen: sie wird im linksradikalen und vor allem auch im linksextremistischen Bereich genug Gegenkritik hervorrufen: Die Einseitigkeit der Kritik an Israel, der völlige Verzicht auf eine kritische Hinterfragung palästinensischer Positionen und die Leugnung eines Existenzrechtes für Juden in Palästina (…) werden überraschend deutlich als das bezeichnet, was sie sind, nämlich als Reproduktion eines antisemitischen Grundmusters. Wie gesagt, einiges ist lesenswert in dieser Broschüre.«

Literatur aus der ›Szene‹ Bellende Hunde! Beißende Hunde?, in: Extremismus und Demokratie, 14. Jahrgang 2002, Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.), S. 281-84, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2002