Wenn Bücklinge den aufrechten Fighter spielen

Die Neue Rheinische Zeitung Online (NRhZ) vergibt jedes Jahr den „Karl“-Preis, in Anlehnung an Karl Marx. Dieses Jahr ging er an Ken Jebsen. Er betreibt den Youtube-Kanal KenFM. Ken Jebsen ist viel: streitwütig, haarig, untragbar, geduldig, nachfragend, mutig, suchend, irrend und bereichernd.

Das sollte gefeiert werden, in Berlin, im Kino Babylon, eine alte linke Adresse. Dann liefen die Drähte heiß und Strippen wurden gezogen, ganz ohne sich in dunklen Räumen zu verschwören. Einfach so, weil man Berliner Kultursenator ist, weil man mit diesem Posten spielen kann, weil man einen Etat hat, ohne mit dem Geld zu klimpern.

Dieser Mann ist nicht nur Kultursenator in Berlin, sondern auch noch „LINKER“, also Mitglied in der Partei „DIE LINKE“, die mit der SPD zusammen die Regierung bildet. DIE LINKE tritt gerne für die Rechte von Minderheiten ein, sie will die Armut bekämpfen, für mehr Gerechtigkeit sorgen, gegen Krieg, gegen Rassismus und Antisemitismus sein und setzt sich gegen Unterdrückung und Meinungsfreiheit ein. Im Wahlkampf, auf jeden Fall.

Mit diesem institutionellen Gewicht und politischen Image tritt er nun in die Arena, der Kultursenator Klaus Lederer und weiß, wie man seine Stadt sauber hält:

Ich bin entsetzt, dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Aluhüte eine Bühne bietet. Vom Geschäftsführer des Kinos Babylon würde ich mir angesichts dessen die Courage wünschen, zu sagen: Als Plattform für diesen Wahnsinn stehen wir nicht zur Verfügung.“

Ein Mann mit großen Gefühlen, der weiß, was in einen „Kulturort“ gehört und wer da nichts zu suchen hat. Abgesehen davon, dass Veranstaltungen und Event mit und ohne Aluhüte, mit zarter bis abgedrehter Esoterik in Berlin an jeder Ecke stattfinden, fragt man sich: Hat der Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank! Dann müsste Django Lederer die halbe „Kultur“Stadt räumen lassen.

Nein, Klaus Lederer ist kein Wahnsinniger und rennt auf die Straße, um aufzuräumen, in seiner Stadt. Er bleibt ganz entspannt sitzen, blickt über die Dächer von Nizza und lässt machen.

So solidarisch wie nur möglich gibt er seinem Kultur-Staatssekretär Torsten Wöhlert den Auftrag, den Babylon-Chef Timothy Grossman anzurufen, um das Nötige und Richtige zu sagen – von Mann zu Mann, ohne jede Drohung, ohne jeden Wink, dass man auch ganz anders könne.

Der Kultur-Staatssekretär Torsten Wöhlert klingelt also ganz spontan beim Babylon-Chef durch und offerierte ihm die „deutliche Irritation“ ob dieser Veranstaltung. Das wird man wohl noch machen können. Ein Tag später zeigte die „deutliche Irritation“ schnellst möglichste Wirkung. Der Babylon-Chef wurde kleiner als jeder Aluhut und sagte die Veranstaltung ab.

Nun zu den Aluhüten, die Klaus Lederer aus der Stadt haben möchte. Selbstverständlich hat der Kultursenator keinen Druck auf das Kino Babylon ausgeübt. Man hat einfach nur miteinander gesprochen, und das gut und sehr fruchtbar.

Und selbstverständlich gab es keinen ökonomischen Druck, also so etwas wie eine versteckte Erpressung. Daran denken nur Menschen mit Aluhüten. In Berlin, im Immobilienverwertungskonsortium „Berlin“ käme so etwas nie vor, schon gar nicht mit den LINKEN.

Dass das Kino Babylon jährlich etwa 400.000 Euro öffentliche Zuschüsse bekommt, hat mit dieser Sache nichts zu tun! Es kam ja noch nie in Berlin und anderswo vor, dass öffentliche Zuschüsse gekürzt oder gar gestrichen wurden, um politisches Wohlverhalten zu sanktionieren.

Nein, wer solche Gedanken hegt, solle sich schnellst möglichst von Klaus Lederer behandeln lassen.

Und jetzt Spaß beiseite.

  • Wer in Berlin eine LINKE aushält, die für die armen Leute eintritt und den städtischen Wohnungsbau haufenweise an Investoren verkauft
  • Wer sich in Berlin als LINKE wie ein geschlagener Hund unter dem Tisch verkriecht, als es darum ging, Andrej Holm als Staatssekretär für Wohnen durchzusetzen
  • Wer als LINKE nicht mit der Vergangenheit der DDR, der STASI offen und offensiv umgehen kann,
  • Wer in Berlin Andrej Holm „abdanken“ lässt, um ihm dann hinten rum eine kleine berufliche Entschädigung zukommen zu lassen (als Berater),

der sollte es schaffen, Ken Jebsen, sein KenFM Portal auszuhalten, das eben sehr viele interessante und wichtige Debatten und Beiträge liefert, die im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk nicht zu finden sind.

Im Wissen um die eigene Feigheit, um den eigenen Opportunismus, um politische Fehler und widersprüchliche Entwicklungen, sollte man Ken Jebsen angehen. Wenn es darum ginge, darüber zu streiten, heftig und inhaltlich, unhaltbare Positionen anzugreifen und Leistungen anzuerkennen, dann wäre ich gerne dabei.

Wolf Wetzel

Wer den Konflikt um die Andrej Holms Einstellung als Staatssekretär für Wohnen nachlesen möchte, der kann dies hier tun: Causa Andrej Holm – Staatssekretär, Linksextremist und/oder Stasi-Mitarbeiter?

https://wolfwetzel.wordpress.com/2016/12/19/causa-andrej-holm-staatssekretaer-linksextremist-undoder-stasi-mitarbeiter/

publiziert bei Rubikon am 15. November 2017: https://www.rubikon.news/artikel/wenn-bucklinge-auf-aufrechte-kampfer-machen

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2 Antworten to “Wenn Bücklinge den aufrechten Fighter spielen”

  1. altautonomer Says:

    Ken Jebsen ist viel:
    “ Jebsen hat nicht nur politisch einen an der Waffel, sondern verbreitet antisemitische Kacke. Danach kann er natürlich 1000 Mal alles abstreiten, aber so einen Mist schreibt mal noch nicht mal, wenn man das falsche Zeug geraucht oder drei Promille intus hat.
    Das kommt davon, wenn ein Radiomoderator der C-Liga sich der Politik zuwendet. Natürlich findet er auch ein gieriges Publikum. Ich rege mich aber nicht auf („sorgt für Aufregung“ ist ein beliebter sinnloser Textbaustein, den man oft in den Medien liest). Ich hätte natürlich nicht wie Lederer gehandelt, der – typisch deutsch! – offenbar – direkt oder indirekt – dafür gesorgt hat, dass Jebsen nicht in einem Berliner Kino von seiner politischen peer group irgendeinen läppischen Preis bekommt – so lächerlich wie alle Journalistenpreise.“

    https://www.burks.de/burksblog/2017/11/17/miscellaneous-jebsen-revolution-luxemburg-et-al

    Jebsen als Sozialdarwinist:
    „„Mein Vorbild“, ruft Jebsen, „ist die Natur! Im Wald gibt es keinen Krieg, der Wald produziert keinen Müll! Und die Zugvögel, die schaffen es jedes Jahr nach Afrika! Wenn die das demokratisch organisieren würden, kämen sie nur bis Sylt!“ Gelächter. „Nein“, brüllt Jebsen. „Die kommen bestens ohne Demokratie zurecht.“ Vor dem Brandenburger Tor bricht Jubel aus. Es ist ein Gänsehautmoment, nur kein guter.“

    So etwas kommt bei den Pegidaleuten an, vor denen er das sagte.

    PS.: Mit Rechten redet man nicht, Rechte bekämpft man.

  2. Wolf Wetzel Says:

    Hallo mein Alter,
    dass Jebsen nach rechts und links ausschlägt, ist wohl klar. Mir geht es um die Saubermann-Hinterstuben-Mentalität.Man muss nicht mit ihn reden, man kann auch blockieren und den Mund aufbekommen und z.B. genau erklären, warum Jebsen ein Antisemit ist. Weil Broder das festgelegt hat? Gibt es einen Unterschied, ob jemand antsemitische Stereotype benutzt /bedient oder ob er ein antisemitisches Weltblid teilt/verbreitet?


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