„Tote laden nicht nach!“ – Wolf Wetzel auf RT Deutsch zum NSU-Prozess

„Tote laden nicht nach!“

Es gibt für dieses Interview zu elf Jahren NSU und fünf Jahren „Aufklärung“ kein bessere Einleitung, als das Plädoyer der Generalbundesanwaltschaft in München.

Bevor Bundesanwalt Dr. Diemer die Beweiserhebung im dortigen Prozess würdigt, geht er auf die Vorwürfe ein, die gegen diesen Prozess, gegen die Anklage und gegen die dort stattgefundene Beweiswürdigung erhoben wurden:

Eine Beweisaufnahme, die das politische und mediale Interesse nicht immer befriedigen konnte, weil die Strafprozessordnung dem Grenzen setzte. Rechtsstaatliche Grenzen, die verlangen, das Wesentliche vom strafprozessual Unwesentlichem zu trennen. So ist es schlicht und einfach falsch, wenn kolportiert wird, der Prozess habe die Aufgabe nur teilweise erfüllt, denn mögliche Fehler staatlicher Behörden und Unterstützerkreise – welcher Art auch immer – seien nicht durchleuchtet worden. Mögliche Fehler staatlicher Behörden aufzuklären, ist eine Aufgabe politischer Gremien. Anhaltspunkte für eine strafrechtliche Verstrickung von Angehörigen staatlicher Stellen sind nicht aufgetreten.“ (Wortprotokoll der Nebenklage)

Bezeichnenderweise geht er nochmals besonders auf den Mordanschlag in Heilbronn 2007 ein, bei dem eine Polizistin ermordet und ein Polizeibeamter schwer verletzt wurde. Im Wissen darum, dass die Anklageversion ihr profundesten Widersacher in den ermittelnden Polizeibeamten hat, holt Bundesanwalt Dr. Diemer richtig aus:

Der Anschlag auf die beiden Polizeibeamte war Angriff auf unseren Staat, seine Vertreter und Symbole. Die Auswahl der Personen selbst geschah auch hier willkürlich. Alle anderen Spekulationen selbsternannter Experten, die so tun, als habe es die Beweisaufnahme nicht gegeben, sind wie Irrlichter, sind wie Fliegengesumme in den Ohren.“ (Wortprotokoll der Nebenklage, http://www.nsu-nebenklage.de/blog/2017/07/26/25-07-2017-protokoll)

Zu den „selbsternannten Experten“ gehören zu aller erst die polizeilichen Ermittler. Auch diese zu „Irrlichtern“ zu erklären, ist ziemlich infam.

Die Mehrzahl der Indizien und Beweismittel, die der offiziellen Version widersprechen, zu einem „Fliegengesumme“ zu machen, zeugt am wenigsten von Scharfsinn. Es läßt erahnen, wie dünn die Decke ist, unter der andere Tatumstände und Tatbeteiligte geschützt werden sollen.

Es ist zu wünschen, dass dieses „Fliegengesumme“ noch lange, nicht nur die Generalbundesanwaltschaft in München, verfolgen wird.

Das Interview ist 30 Minuten lang und konzentriert sich auf drei zentrale „Schauplätze“ im NSU-VS-Komplex:

  • Der Mord in Kassel 2006
  • Der Mordanschlag auf Polizisten in Heilbronn 2007
  • Der „Selbstmord“ in Eisenach 2011

Im Gespräch:

https://www.youtube.com/watch?v=ZJSl8F7CpKs&feature=youtu.be

Wolf Wetzel

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2015/3. Auflage

https://wolfwetzel.wordpress.com/2015/06/27/der-nsu-vs-komplex-3-auflage-231-seiten-2015/

 

 

 

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Eine Antwort to “„Tote laden nicht nach!“ – Wolf Wetzel auf RT Deutsch zum NSU-Prozess”

  1. B. Says:

    Kürzlich habe ich mit jemandem darüber gesprochen, dass wir uns alle schon viel zu sehr an diesen seit Jahren andauernden Prozess und die immer neuen Ungeheurlichkeiten, die ans Licht kommen, gewöhnt haben. Es ist irgendwie zur traurigen Normalität geworden. Niemand regt sich mehr wirklich auf, auch die Medien sind nach anfänglicher Empörung, also Ende 2011 (so lange ist die Entdeckung des NSU her) dazu übergegangen in einer Weise über diesen Prozess zu berichten, als ginge es um kleinere Betrügereien. Und jetzt, wegen Indymedia, wird ein unfassbares Theater gemacht, der Innenminister präsentiert „Waffen“ und man könnte den Eindruck gewinnen, im KTS hätten sie ein Waffenlager mit Sprengstoff und Schnellfeuerwaffen gefunden worden. Und alle, so mein Eindruck, empören sich mit. Es wird nicht zwischen Radikal und Extremistisch differenziert und irgendwie sind die Linken scheinbar viel schlimmer, als der NSU und seine Gehilfen es je gewesen sind. Ich weiß nicht, wo das noch alles hinführen soll. Es ist zum Verzweifeln. Es wird so viel hingenommen, auch dass die Akten, wie du im Interview sagst, bis zum St. Nimmerleinstag verschlossen bleiben sollen. Und dann wird man noch aufgefordert, dass man wählen gehen soll, um die Demokratie vor der AfD zu schützen.

    Genug gejammert. Danke für deine unermüdliche Aufklärung und deine Recherchen.
    Liebe Grüße
    B.


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