Hurra, Hurra die Schule brennt

„Hurra, Hurra die Schul(e)Pflicht brennt

Das Plädoyer von Sven Böttcher für die Abschaffung des „Schulzwanges“ hat für einigen Wirbel gesorgt:

https://www.rubikon.news/artikel/hurra-hurra-die-schulpflicht-brennt

In solchen Fällen mangelt es nicht an Vorwürfen. Dass der Text in ihrer Wurfweite liegt, hat der Autor bereits einleitend vorweggenommen bzw. geahnt: Wer dieselbe Forderung wie die der AfD erhebe, betreibe „Querfrontpolitik“ und sei ein „linker Nazi“.Andere haben sein Plädoyer in die Linie „neoliberaler“ Politiken gestellt: schlanker Staat (ausschließlich mit Blick auf die soziale Fragen) und eine Rückbesinnung auf die Familie. Ganz schnell sind also einige Begriffe im Raum, die eine Diskussion beenden sollen, anstatt sie zu führen. Letzteres ist aber eine der Grundideen von Rubikon. Also nicht nur um die eigenen Positionen zu kreiseln, sondern auch andere Positionen zu Wort kommen lassen, um sich so der Herausforderung zu stellen, den Widerspruch genauer zu formulieren, und dabei die eigenen Ambivalenzen nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Von daher ist der Text und der Widerspruch eine Gelegenheit, unser Versprechen einzulösen, auch „unsere“ Texte mit der Werkzeugkunde anzuschauen.

Ich muss einschränkend sagen, dass ich nicht mitten in den Themen Kindererziehung, Elternrechte und Schulsysteme stecke.Ich werde also nur einen kleinen Teil der notwendigen Debatte ansprechen. Dass Sven Böttcher einem empathischen Menschenbild folgt, ein Bildungs- und Schulsystem vor Augen hat, das nicht der Umsetzung kapitalistischer Anforderungen dient, sondern die Entwicklung von freien, kritischen und vielseitigen Menschen, ist hoffentlich unstrittig. Was hingegen sofort ins Auge sticht, ist die unnötige Weise, wie er die Schulpflicht historisch kontaminiert: Sie beginnt bei ihm 1938, als die Nazis den „Schulzwang“ eingeführt hatten.Warum verschluckt er aber die Geschichte der Schulpflicht, die lange vor den Nazis eingeführt wurde? So schreibt die Weimarer Verfassung 1919 eine allgemeine Schulpflicht fest.Indem Sven Böttcher diesen Teil der Geschichte wegläßt, die Nazis zu den Gründern und Erfindern des „Schulzwanges“ macht, hat er genau die Affekte, die er den anderen vorwirft: Wer will jetzt noch den „Schulzwang“ verteidigen, wenn ihn die Nazis erfunden haben? Das ist eine mehr als unnötige Nötigung … und eine Verkürzung der Geschichte. Denn wenn Sven Böttcher die Frage um Schulpflicht auf die Zeit davor datieren würde, würde man neben dem Bedürfnis des Staates, seine Untertanen zu „bilden“ auch die Kämpfe und Klassenverhältnisse sichtbar machen, die mit der Frage der allgemeinen Schulpflicht verbunden waren und sind.Dass die Reichen und Mächtigen sich seit jeher privat gebildet haben, es ein Privileg der Mächtigen war, in den Genuss von Bildung zu kommen, eine übergroße Mehrheit hingegen weder das Geld, noch die Zeit dazu hatte, geht in Sven Böttchers geschichtlicher Herleitung vollkommen verloren. Und noch etwas geht damit unter: Es hat viele Kämpfe gekostet, dass Bildung/Schule ein Recht wurden, das vor allem jene in Anspruch nehmen, die sich das ansonsten nicht leisten konnten. Ein Recht, das weder von der Familie, noch vom Einkommen abhängig ist.Wenn man all dies mit in die Debatte wirft, also dort auch berücksichtigt, dann hat die berechtigte Frage, woher diese PISA- und Bologna-getackerten Menschen kommen, auch den notwendig vielschichtigen Hintergrund. 

Sven Böttchers Kampf gegen den Schulpflicht einzig und verkürzend auf Nazipolitik zusammenzudampfen, führt zu einem „antistaatlichen“ Kampf, dem ich nicht unbedingt, dem ich nicht folgen will: An die Stelle des „totalitären“ Staates (womit Sven Böttcher völlig unnötig und unsinnig Faschismus und bürgerliche Demokratie gleichsetzt) will er die Fähigkeiten und Kompetenzen der Familie setzen und verweist dabei auf Humboldt, der den Staat dazu aufrief, „sich aus Familie und Ehe heraushalten und diese Bereiche der ‚freien Willkür der Individuen und der von ihnen errichteten mannigfachen Verträge gänzlich überlassen’.

 Ganz ehrlich gesagt: Genau „diese freie Willkür der Individuen“ will ich nicht. Vielleicht mag das ein besonderes Einzelschicksal sein (das ist ein Scherz), aber ich möchte nicht die Familie zu dem Hort machen, wo all das passieren soll, woran es uns allen mangelt. Ich möchte diesen Familien (auch den guten) nicht diese Macht geben. Denn auch bei der Familie geht es nicht um einen weltlosen sozialen Zusammenhang, sondern ebenfalls um eine machtvolle Institution, man könnte auch sagen, um die „Keimzelle des Staates“.Und auch hier fehlt mir bei Sven Böttcher, dass er nicht mitbedenkt, dass sich auch durch die Familien-Trutzburgen Klassenverhältnisse ziehen … also vieles, was sie können und wozu sie gar nicht mehr in der Lage sind, gar nicht in ihrer Macht steht. Das Glück von Kindern, die Möglichkeit der Bildung möchte ich weder dem „Staat“, noch der „Familie“ überlassen. Denn das, was Kinder, also auch wir lernen sollen und können, sollte frei sein – von der Macht des Staates wie der der Familie.Meine Eltern hatte diese Macht weidlich genutzt: Als ich ihnen nicht mehr gepaßt habe, habe sie mich als Eigentümer meines Lebens von der Schule genommen. Ich mußte mich erst volljährig erklären lassen, um mich – mit viel Glück und Wohlwollen staatlicher Institutionen (in diesem Fall war es das Lehrerkollegium) – wieder auf der Schule anmelden zu können. 

Hurra, hurra, die Schule brennt …

Das war ein Song aus den 80er Jahren, das wir gerne gehört haben – auch wenn er ein bißchen zu poppig war, eben Neue Deutsche Welle. Diese reichte dennoch aus, um die öffentlich-rechtlichen Sender dazu zu bringen, den Song von ‚Extrabreit’ nicht auszustrahlen, da sie darin einen Aufruf zur Brandstiftung sahen.Abgesehen davon hat dieser Song natürlich eine Stimmung wiedergegeben, die so das ziemliche Gegenteil vom dem ist, was heute in Schulen und Universitäten vorherrscht. Damals hatten wir zwar keine Schule angezündet, aber wir haben uns dort alles andere als Lernschafe gefühlt. Wir haben angekündigt, bei Prüfungen abzuschreiben und haben dies gemacht. Wir haben uns öder und langweiliger „Pflichtstoffe“ verweigert. Wir haben unseren eigenen Lernstoff auf den Lehrerpult geworfen. Wir haben die Form des Lernens verändert, den Frontalunterricht zum Beispiel durch Gruppenarbeit aufgebrochen.Und wir hatten gelernt, was eine Klasse für eine Macht sein kann, wie hilflos ein Lehrer ist, wenn er nicht hippen Ich-AG’s gegenübersteht.Wir hatten aber auch Glück. Denn es gab auch einige Lehrer, die vom Lehrplan liebend gerne abwichen. So kamen wir in den Genuss, „Das bolivianische Tagebuch“ von Che Guevara zu lesen. Nicht im Geschichtsunterricht, sondern im Religionsunterricht!Wir haben uns also – in einem gewissen Maße – die Schule so gemacht, wie wir sie haben wollten und haben uns gefreut, von zuhause weg zu sein. Ich würde vorschlagen, dass wir uns darin ermutigen. Dann würde sich das mit der Schulpflicht von alleine erledigen. 

Wolf Wetzel 

Publiziert auf Rubikon am 21. April 2017: https://www.rubikon.news/artikel/hurra-hurra-die-schulpflicht-brennt-teil-3

Redaktionelle Nachbemerkung: Das Rubikon-Team diskutiert die „Abschaffung der Schulpflicht“, die vor einigen Tagen an dieser Stelle gefordert worden ist. Teil 1 finden Sie hier, Teil 2 hier, dies hier ist der 3. Teil.

 

 

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Eine Antwort to “Hurra, Hurra die Schule brennt”

  1. Jaqueline Says:

    Man muss nicht mitten im Thema Erziehungsfragen stehen, um zu erkennen, dass der Beitrag von SB fehlgeht.
    Die „Nazi-These“ zur Schulpflicht ist vielleicht nur das Offensichtlichste. Was außerdem nicht aus der Schulpflicht allein resultiert: PISA, Stress, Burn-out, Schulzweige. Mathematikunterricht. U.s.w. Sehr gut könnte man erkennen, wenn man sich Schule in „Nordkorea, Kuba, der Türkei“ ansähe. Aber dem Autor dienen die Beispiele nur zum Doof-Finden.

    Geradezu naiv finde ich das Vertrauen darauf, dass „die Familie“ es schon richten wird. Die Idee, einfach den Geldbeutel der Eltern entscheiden zu lassen, ist, und das will einiges heißen, selbst vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ein Rückschritt. Die Billig-Schulen für die Armen und/ oder Ungebildeten, die teuer zusammengestellten High Potential-Elitenkurse für die mit der ökonomischen Macht.
    Wie sich das auswirkt, hätte der Autor leicht in einem der „freien“ Länder überprüfen können, wenn er sich mal die West Heath Girls School oder Eton angesehen und danach eine öffentliche Vorortschule Londons besucht hätte. Oder sich der Bedeutung von school districts auf die Ausstattung und Leistung von Schulen gewidmet hätte.

    Das zitierte „Totalversagen“ hat mit der Schulpflicht nichts zu tun, sondern mit Inhalten. Diese haben sich in den vergangenen Jahren ganz immens verändert und ja, das hat mit einer veränderten Prioritätensetzung zu tun. Nie war die sogenannte Ausbildungsfähigkeit so schlecht wie seitdem sie zum obersten Ziel von Schulbildung erklärt wurde.
    Gerade dem von SB so gehypten „Herz“ wird z.B. mehr Raum gegeben, geholfen hat es offenbar nicht – oder doch, aber das betrachtet der Autor nicht, der guckt nur nach Mathe und Rechtschreibung.
    Was man auch nicht vergessen darf: Wenn jetzt 40 Prozent der Schulpflichtigen in Mathematik mit mangelhaft abschneiden, so tun sie das auch jetzt schon mit Elternhaus. Wieviele wären es, wenn sie nur noch das Elternhaus hätten?

    Lange Rede, kurzer Sinn. Der Beitrag ist Unsinn, aber nicht, weil sich darin jemand äußert, der (nämlich SB) nicht im Thema „Kindererziehung, Elternrechte und Schulsysteme“ steckt, das allein ist nie das Problem, sondern weil er etwas ganz Wesentliches nicht tat: Erst analysieren, dann fordern.

    Anm.: Der Name ist ein Pseudonym. Selbst und bewusst gewählt.


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