Facebook schützt keine (nackten) Kinder, sondern jene, die (auch) Kinder ums nackte Überleben rennen lassen

In der auflagestärksten Zeitung Norwegens, ‚Aftenposten’ erschien ein Schwarz-Weiß-Bild, das der Fotograf Nick Ut gemacht hatte. Mehrere Kinder rennen schreiend, weinend und angstvoll nach hinten schauend auf den Betrachter zu. Eins der Kinder, ein Mädchen ist nackt. Alle rennen um ihr Leben. Hinter ihnen sieht man Soldaten, die ebenfalls vor dem fliehen, was sich hinter ihnen allen ereignete. Dort sieht man eine sich über die ganze Bildbreite erstreckende dunkel-graue Rauchfront.

 Dieses Bild hat Facebook zensiert, also eigenmächtig gelöscht, mit einer mehr als selbst entblößenden Begründung: Es sei kinderpornografisch …

 krieg-in-vietnam-napalm-angriff-kim-phuc

Das Foto hatte der Fotograf 1972 gemacht, in Südvietnam, als die US-Armee Krieg in Vietnam führte, u.a. mit Napalmbomben und „Flächenbombardements“:

„Am 8. Juni 1972 flüchteten die Bewohner des vietnamesischen Dorfs Trang Bang nach einem Napalm-Angriff. Das Mädchen Kim Phuc in der Bildmitte hatte sich die brennenden Kleider vom Leib gerissen. Die Aufnahme von Nick Ut wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und zum Pressefoto des Jahres 1972 gewählt.“ (FAZ vom 9.9.2016)

Dieses Foto wurde auch auf der Facebookseite der Zeitung veröffentlicht. Letztere bekam von der Facebook-Cleanerabteilung am 7.9.2016 die Anweisung, dieses Foto selbst zu löschen.

Als Begründung wurde genannt, dass dieses Foto gegen die „Richtlinien zur Abbildung von Nacktheit oder Gewalt“ verstieße, „und verwies zur Begründung auf das Verbot von Kinderpornografie. Der Chefredakteur des Blatts warf Facebook daraufhin Zensur und Machtmissbrauch vor.“ (FR vom 9.9.2016)

Da die Herausgeber nicht fristgerecht dieser Aufforderung zur Selbstzensur nachkamen, entfernten die Facebook-Cleaner das Bild. Diese Maßnahme löste heftige Kritik aus.

Nach einer kurzen, intellektuell mehr als selbstentblößenden Rechtfertigung, man(n) könne nicht zwischen nackten Kindern unterscheiden, ruderte Facebook zurück und stellte das Foto wieder online, mit einer botox-ähnlichen Versicherung:

Wir versuchen, die richtige Balance zu finden zwischen der Möglichkeit für Menschen, sich auszudrücken, und einer sicheren und respektvollen Umgebung für unsere globale Gemeinschaft.“

Dass Facebook mehr ist und mehr tut, als ‚Kommunikationsmittel’ zur Verfügung zu stellen, dass Facebook genau diese ökonomische Macht nutzt, um politische Inhalte zu steuern und zu frisieren, hat der IT-Konzern bereits mehrmals unter Beweis gestellt.

Die Bewusstseins-Industrie (Hans Magnus Enzensberger,1964)

Dass Angriffe auf unliebsame Texte und Bilder mit dem „Schutz von/vor … „ begründet werden, ist nicht neu, sondern Teil einer Strategie, als Gigant den Schutz der „Schwachen“ zu simulieren.

Dass man dazu auch „Glaubwürdigkeit“ kaufen kann, beweist Facebook u.a. dadurch, dass es in Deutschland die Amadeu Antonio Stiftung dafür „gewinnen“ konnte, sich an der Säuberung von Facebook-Inhalten zu beteiligen.

Doch dieses weltberühmte und ausgezeichnete Bild auch nur in die Nähe kinderpornografischer Inhalte zu bringen, ist nicht einmal mehr kafkaesk.

Facebook bekämpft damit nicht die Kinderpornographie, sondern das Erinnern an einen Krieg, an eine verlogene Kriegsrhetorik, an einen Aggressor, an einen mörderischen Krieg, der fast eine Million VietnamesInnnen das Leben gekostet und ein Land fast völlig zerstört hat.

Dieses Bild erinnert an den „Vietnamkrieg“, also an einen Krieg der US-Armee, der im Namen der Freiheit geführt wurde, um die Menschen aus den Händen einer „kommunistischen Herrschaft“ zu befreien.

Diese Bild erinnert daran, dass nicht nur die letzten Kriege der US-Regierungen mit gefälschten und erlogenen Kriegsbegründungen geführt wurden, sondern auch der Vietnamkrieg, der mit der Kriegslüge begann, man sei angegriffen worden und müsse sich nun „verteidigen“.

Dieses Bild erinnert daran, dass heute wie damals nicht jene geschützt werden, die vor den Napalm-Bomben der US-Armee fliehen, sondern hegemoniale Interessen, denen Kinder, Zivilisten und unschuldige Opfer in Gänze egal sind.

Dieses Bild erinnert auf Qualvollste daran, dass die US-Armee in diesem Krieg Napalm und das chemische Entlaubungsmittel „Agent Orange“ als Kriegswaffen eingesetzt hatte; Kriegswaffen, die laut UN-Völkerrechtskonvention, die auch die US-Regierung unterzeichnet hat, geächtet sind.

Dieses Bild erinnert an eins von zahlreichen Kriegsverbrechen der US-Armee, wie dieses in My Lai im Jahr 1969. Diesem Massaker fielen 504 BewohnerInnen eines Dorfes in Südvietnam zum Opfer. Zuerst hatte die US-Armee dieses Verbrechen vertuscht: „Erst durch Recherchen des investigativen Journalisten Seymour Hersh gelangte das Geschehen an die Öffentlichkeit, wobei die Veröffentlichung der Reportage zunächst für etwa ein Jahr von sämtlichen Medien abgelehnt worden war. Hersh erhielt 1970 den Pulitzer-Preis. Die Veröffentlichung hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung zum Vietnamkrieg in den USA.“ (Journal21.ch)

my-lai-massaker-1969

Der verantwortliche US-Offizier erklärte in einem Strafverfahren, dass er den Befehl zur Auslöschung dieses Dorfes gab, um die BewohnerInnen vor dem Kommunismus zu schützen.

 Das Bild hat auch etwas Bedrängendes. Kinder rennen um ihr Leben, auf uns zu, buchstäblich in unsere Arme. Dorthin, wo sie sicher sind, wo sie Hilfe erwarten.

Damals, in den 70er Jahren haben solche Fotos aufgewühlt, berührt und aufgerüttelt. Sie haben dazu beigetragen, dass die Proteste gegen diesen Krieg immer größer, immer mächtiger, immer entschiedener wurden. In den USA, in Europa gingen Hunderttausende, Millionen auf die Straße. Die US-Regierung sah sich schließlich 1975 gezwungen, den Krieg in Vietnam zu beenden, die militärische und politische Niederlage einzugestehen.

Und heute?

 Dieses Bild brennt sich in die Gegenwart ein. Eine Gegenwart, in der es Hunderte dieser Fotos gibt.

 Wolf Wetzel

 

 

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