Fußball, die EM in Frankreich haben ja nichts mit Politik zu tun. Schon gar nichts mit Klischees und Nationalismus

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Deshalb eine nette, wundersame, verrückte Geschichte über Island …

das heute gegen „Frankreich“ spielt

um genau zu sein

gegen 11 Fußballer mit französischem Pass:

Sie müssen ja jetzt nur noch Frankreich und Deutschland besiegen.

Gegen Wales im Finale dürfte es dann eigentlich kein Problem sein.“

(SZ vom 1. Juli 2016)

 

„Revolutionäre von heute Die Insel der Piraten …

Die Polithackerin und Whistleblowerin Birgitta Jónsdóttir könnte Islands Premierministerin werden. Sie will das Land zu einem digitalen Freihafen machen.

Für jemanden, der den schwarzen Gürtel in Tod hat, sieht Birgitta Jónsdóttir sehr lebendig aus: Riesige eisblaue Augen. Hände, die beim Reden fast schon italienisch anmutende Ornamente in die Luft zeichnen. Und wenn sie in ihren schwarzen Klamotten durchs Althing, das isländische Parlamentsgebäude, schreitet, wirkt es, als würde sie kleine Wirbel aus Energie und Sauerstoff hinter sich herziehen.

Momentan haben die Piraten drei Sitze im Althing. Drei von 63, das ist nicht viel. Aber wenn die Umfragen da draußen in der realen subpolaren Welt irgendeinen Wert haben, dann stellt diese Partei, die erst 2012 gegründet wurde, die nächste isländische Regierung: Nach den beschämenden Rücktritten von Premierminister Sigmundur Gunnlaugsson und Präsident Ólafur Ragnar Grímsson im April gaben 43 Prozent der Isländer an, sie hätten so die Schnauze voll von Gemauschel, Korruption und Machtmissbrauch, dass sie jetzt die Piraten wählen würden.

Momentan haben sich die Piraten wieder bei 30 Prozent eingepegelt, sind damit aber immer noch die bei Weitem beliebteste Partei. Warum? „Vielleicht weil wir für Transparenz und die Hoffnung auf mehr direkte Demokratie stehen“, sagt Jónsdóttir. Wobei sie den Satz mehr fragt als sagt, denn: „Ganz kann ich mir den Hype auch nicht erklären.“

Sie hatte die politische Sprengkraft von Wikileaks sofort erkannt

Die Reykjaviker schon. Wen man auch fragt, den 52-jährigen Germanistikprofessor Gauti Kristmannsson, den Schriftsteller Hallgrímur Helgason, diesen oder jenen Zufallsreykjaviker, alle trauen sie den Piraten zu, dass sie den Laden schon schmeißen werden. Die drei Kernargumente: Weil sie es ernst meinen mit der Transparenz. Weil sie nicht zum alten Klüngel gehören. Und weil sie Birgitta Jónsdóttir haben.

Birgitta Jónsdóttir, da kann sie selbst machen, was sie will, da können die Piraten noch so viel von Rotation und führungslosen Parteistrukturen reden, ist das Aushängeschild ihrer Partei. Weil sie die Piraten mitgegründet hat. Und weil sie vorher schon zwei Dinge mitangeschoben hat, die noch heute große Strahlkraft haben: IMMI und die erste Verfassung der Welt, die gecrowdsourct wurde.

Die Isländer haben seit der Unabhängigkeit 1944 eine Verfassung, die sie quasi in copy & paste von ihrer ehemaligen Kolonialmacht Dänemark übernommen und danach nur immer wieder puzzlestückartig ergänzt haben. Mehrmals haben die bürgerlichen Parteien eine Verfassungsreform versprochen, nie ist etwas geschehen. Im Chaos nach dem Zusammenbruch 2008 (die drei kollabierten Banken, die Kochtopfrevolution …) wurde das Projekt einer neuen Verfassung dann kurzerhand outgesourct. Jónsdóttir war mitverantwortlich für diese Initiative, die völlig verrückt klang: 950 Isländerinnen und Isländer wurden per Zufallsgenerator auserkoren, um die Grundprinzipien einer neuen Verfassung zu erarbeiten. Da die meisten dieser Volksvertreter natürlich keinerlei juristische Ahnung hatten, wurden dann Experten hingezogen. Dafür wurde ein 25-köpfiger Verfassungsrat gewählt, für den jede Isländerin und jeder Isländer kandidieren konnte – außer Politiker mit Regierungsamt oder Parlamentsmandat.

Dieses Gremium aus Juristen und Laien arbeitete eine verfassungsrechtlich wasserdichte Verfassung aus, wobei jeder, der wollte, über einen Livestream die Verhandlungen mitverfolgen und kommentieren konnte. Tausende beteiligten sich auf diese Weise an dem „vielleicht demokratischsten Verfassungsgebungsprozess der Weltgeschichte“, wie der Wirtschaftsprofessor Thorvaldur Gylfason, der diesem Rat angehörte, es damals ausdrückte.

2012, nach dreijähriger Arbeit, stimmten dann 67 Prozent der Bevölkerung in einem nicht bindenden Referendum für die Annahme dieser Verfassung. Klingt wunderbar. Es gibt nur einen Haken daran: Das Parlament muss die neue Verfassung erstens annehmen und als Folge daraus sich selbst auflösen und Neuwahlen ansetzen. Das neue Parlament könnte erst die neue Verfassung bestätigen. Und? Kommt die jetzt, wenn sie die Wahl gewinnen sollte? Jónsdóttir wiegt den Kopf. „Von uns aus sofort, es ist eine unserer zentralen Forderungen, aber bringen Sie mal ein Parlament dazu, sich selbst aufzulösen.“ Sie lacht so laut, dass sich eine der Cateringdamen, die im Foyer des Parlaments für Kaffee sorgen, erschrocken umdreht.

Hier wurde das Internet vom ersten Moment an enthusiastisch umarmt

Hmm. Jónsdóttir wirkt hier, inmitten der geschäftig wuselnden Anzugträger und Damen im Businesskostüm wie eine Mischung aus kosmopolitischer Waldorfpädagogin und großer Schwester von Lisbeth Salander, das ist die anarchistische Hacker-Heldin aus Stieg Larssons Trilogie. Es umgibt sie zugleich eine große Ruhe und eine Kraft, was umso erstaunlicher ist, wenn man ihre Lebensgeschichte kennt: Tochter einer alleinerziehenden Alkoholikerin, die mit ihr kreuz und quer durchs Land zieht. Einziger Lebensanker ist eine Tante. Die ertrinkt, als ihr Auto von der vereisten Straße abkommt und ins Wasser fällt. Als sie 17 ist, bringt sich ihr Stiefvater um. Er geht an Weihnachten ins Wasser. Auch der Vater ihres ersten Kindes hat sich umgebracht, und man könnte noch weitere desaströse Momente aus den ersten drei Lebensjahrzehnten aufzählen. Viel interessanter ist aber die Frage, was sie denn dann gerettet hat? Woher ihre Resilienz kommt? Sie bläst die Backen auf, zuckt die Schultern und sagt: „Aus dem Dunkel.“ Dann kommt der Satz mit dem schwarzen Gurt. Aber wer sagt, dass er den schwarzen Gurt in Tod hat, der muss den Tod doch irgendwie aufs Kreuz gelegt haben? „Ja,“ sagt sie. „Sonst wär ich längst selbst nicht mehr da.“

2009, gerade als das grandiose Crowdsourcing-Experiment Form annahm, kam ein Mann auf die Insel, den damals noch niemand kannte: Julian Assange war auf der Suche nach unabhängigen Servern für seine Wikileaks-Plattform, einer Art sicherem digitalem Versteck. Jónsdóttir, die selbst programmiert, erkannte sofort die potenzielle politische Sprengkraft von Assanges Plattform.

Heute scheint sie Assange selbst nicht mehr allzu toll zu finden, sie weicht dem Thema großräumig aus, damals aber ist sie es, die ihm eine Wohnung sucht und das Video „Collateral Murder“ montiert, das zeigt, wie amerikanische Soldaten im Irak Zivilisten töten. Sie schalteten das Video hier in Reykjavik in einer Pressekonferenz frei, der Rest ist Geschichte und Weltpolitik, Assange wurde bald zum gejagten Mann, Chelsea Manning, der Assange die Aufnahmen zugespielt hatte, wurde festgenommen und sitzt seither in Haft. In Jónsdóttirs Büro hängt ein Bild von Manning. Jónsdóttir, deren Name im Abspann des Videos steht, wurde auf verschiedene FBI-Listen gesetzt.

Statt daraufhin klein beizugeben, lancierte sie gemeinsam mit anderen Mitstreitern IMMI, die Icelandic Modern Media Initiative, die aus Island einen digitalen Freihafen machen soll, zu einem Ort also, an dem Informantenschutz und völlige Informationsfreiheit herrschen. Edward Snowden und alle anderen gejagten Whistleblower wären hier dann nicht nur sicher, sie würden auch die isländische Staatsbürgerschaft bekommen. Letzteres hat Jónsdóttir mit ihren beiden Parlamentskollegen schon vor drei Jahren im Parlament beantragt. Erfolglos.

Überhaupt muss man sagen: Weder die Verfassung kam noch IMMI. Was also wurde aus ihren idealistischen Träumen? „2009 war ein großartiges Jahr“, sagt sie, „das Chaos nach dem Zusammenbruch hat enorme Energie produziert. Das war Punk in schönster Reinkultur. Aber dann“, sie hält ihre Hände wie eine Zauberin, die einen Gegenstand in Luft auflöst – „sind alle ermattet.“

Und jetzt? Sie könnte Premierministerin werden! „Bitte nicht“, sagt sie und lacht. Später sagt sie: „Ich würd’s machen. Damit es einer macht, der dann auch wirklich wieder abdankt.“ Ihr Plan sieht so aus: IMMI lancieren. Eine faire, offene, qualifizierte Diskussion über den EU-Beitritt organisieren (eine Art kultureller Gegenentwurf zur Brexit-Katastrophe). Verfassung implementieren. Abdanken. Frei sein. Es ist schön, diese Geschichte an diesem Wochenende zu erzählen, schließlich werden am Sonntag, beim Halbfinale gegen Frankreich, wieder die ollen Wikingerklischees recycelt, die so gar nichts mit diesem hypermodernen Land zu tun haben. Jónsdóttir hat schon in Digitalien gelebt, als die meisten Menschen einander noch Faxe schickten. Sie hat mit 20 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. „Aber dann gab es da plötzlich dieses Internet. Die ganze Welt in meinem Rechner. Ich bin mit Kopfsprung eingetaucht und nie wieder rausgegangen.“

Die Isländer haben das Internet vom ersten Moment an enthusiastisch umarmt. „Ist ja auch kein Wunder“, sagt Jónsdóttir. „Zum allerersten Mal hatten wir auf unserem isolierten Felsen im Atlantik das Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein.“

Man sollte sich mit Nationalcharakteren in Acht nehmen. Aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Isländer generell innovationsfreudig und zukunftsmutig sind. Erst haben sie den Schauspieler Jón Gnarr zum Bürgermeister von Reykjavik gemacht. Jetzt könnte es sein, dass sie eine alleinerziehende Mutter, Whistleblowerin, Verfassungscrowdsourcerin zur Premierministerin machen. Sie und Gnarr waren mal ein Paar. Die ersten beiden Punks Islands lernten einander auf einer Schule für Schulversager kennen. Mittlerweile haben sie die politische Landschaft ihres Landes umgekrempelt, so wie die isländischen Fußballer gerade die EM umkrempeln. Sie müssen ja jetzt nur noch Frankreich und Deutschland besiegen. Gegen Wales im Finale dürfte es dann eigentlich kein Problem sein.“ (SZ vom 1. Juli 2016)

 

Demonstration gegen ‚Gegen das Arbeitsgesetz und seine Welt’ in Frankreich, mit und ohne EM: https://wolfwetzel.wordpress.com/2016/06/21/demonstration-gegen-gegen-das-arbeitsgesetz-und-seine-welt-in-frankreich/

 

 

 

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