„Die EM als Antidepressivum“(FR vom 9.6.2016)

Ein Terroranschlag muss her (beigeredet werden)

Frankreich ist heute ganz klar das am stärksten bedrohte Land“, sagte der französische Inlands-Geheimdienstchef Patrick Calvar vor Kurzem in einer Anhörung der Nationalversammlung. Wahrscheinlich hat er von Syrien oder vom Irak noch nie etwas gehört. Dafür weiß er ganz genau, was in Frankreich zu tun ist.

Grands-mots

Der Ausnahmezustand ist ja bereits in Kraft. Nun muss man ihn nur noch (mehr) füllen:

 „Ein paar Zahlen, die das Ausmaß der allgemein verordneten Paranoia veranschaulichen: 42.000 ‚normale’ Uniformierte, 25.000 Polizisten der Öffentlichen Sicherheit, 10.000 Kollegen aus den Präfekturen, 5.000 Grenzpolizisten, 2.000 CRS – Spezialeinheit ‚Compagnies Républicaines de Sécurité’, 3.000 Gendarmen, an die 6.000 private Sicherheitsleute, 10.000 Soldaten. Bis zu 50 mobile Einheiten, die täglich Städte, Stadien und – wenn es sein muss – auch gute Stuben durchforsten sollen.“ (Hansgeorg Hermann, Junge Welt vom 9.6.2016)

 Länderübegreifend sieht auch das deutsche Bundeskriminalamt/BKA, was auf Frankreich zukommen wird. Es sieht bereits bewaffnete Drohnen über Fußballstadien fliegen. Nicht die der US-Armee. Über die redet niemand. Das sind schließlich gute Drohnen und die, die damit ermordet werden, sind genau die Richtigen. Hier und jetzt geht es um Denkbares:

„Denkbare Szenarien, die mittels Drohnen ausgeführt werden können, reichen von Störungen von Veranstaltungen und allgemeinkriminellen Anwendungen über Ausspähungen bis hin zu möglichen terroristischen Anschlägen, zu denen auch Großveranstaltungen gehören können“, erklärte ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA)“

Was ist nicht alles denkbar? Stellen Sie sich vor, in der französischen Nationalmannschaft verstecken sich islamistische ‚Schläfer’? Oder im Körper des deutschen Nationalmannschaftsmitglied Mesut Özil, der vor Kurzem in Mekka war und auf seiner Homepage verkündet: „Wenn Du willst, kannst Du alle besiegen: Den Druck, die Erwartungen, die Schwerkraft“?

Nationalismus als Tranquilizer und Antidepressivum

Zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel in Paris entdeckte endlich auch die Frankfurter Rundschau … Frankreich und zwar “in beklagenswertem Zustand“. Was wochenlang auch dort kein Thema war, drängt sich nun als Leitartikel auf. Zuerst wird der Ball leicht links angeschnitten: „Protestieren kann befreiend sein.“ Dann geht der Ball ab durch die Mitte:

„In Frankreich, dem Land der Revolutionen, der Protestkultur, muss man das niemandem erklären. Nur, die von Gewalt überschatteten Proteste (…) wirken nicht befreiend. Sie wirken beklemmend. Ob Eisenbahner, Fluglotsen, Piloten, Raffinerie-Arbeiter, Angestellte der Elektrizitätswerke oder Taxifahrer: Diejenigen, die Verkehrswege oder Energieversorgung blockieren oder dies während der Fußballeuropameisterschaft noch zu tun gedenken, sind keine Revolutionäre.“ (Die EM als Antidepressivum, FR vom 9.6.2016)

 Dagegen hilft noch mehr Polizei … und als 13. Mann ein „Sommermärchen“. Oder ein Wunder: „Eines wie jenes von 1998. Die schon damals von Fliehkräften erfasste Nation lag sich nach dem Gewinn der Fußball-WM im eigenen Land freudetrunken in den Armen. Schwarze, Weiße und die Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer würden fortan zum Wohle aller ihre Kräfte bündeln. Das schien beschlossene Sache.“ (s.o.)

Was aus der „beschlossenen Sache … zum Wohle aller“ geworden ist, erspart uns der Leitartikler. Wer will das schon wirklich wissen. Hauptsache, es wirkt wieder einmal – für vier Wochen.

 Wer also Nationalismus als Antidepressivum versteht und verschreibt, der sollte nicht vergessen:

Populäre Antidepressiva erhöhen die Neigung zum Suizid und verstärken Unruhe und Aggression.“ (SZ vom 28.1.2016)

 Weniger medizinisch ausgedrückt: Wer mit fortdauerndem Ausnahmezustand, Anti-Terror-Gesetzen und parlamentarischen Selbstentmachtungen regiert, sät genau das, was der Front National ernten wird. Er hat gewonnen, ganz egal, wer die EM für sich entscheiden wird.

Dass die „Fliehkräfte“, also die immer größer werdenden Klassengegensätze nicht durch Nationalismus verschwinden, sondern nur mariniert werden, weiß auch die Frankfurter Rundschau. Aber es geht, weder jetzt, noch vorher oder nachher darum, das zu beseitigen, was die Fliehkräfte erzeugt. Es geht einfach nur darum, dass sie nicht stören sollen – schon gar nicht beim Fußballgucken.

Es wird also in den nächsten Tagen und Wochen spannend werden – nicht nur auf dem Rasen.

Wolf Wetzel

Der Rechtsstaat im Untergrund |Big Brother, der NSU-Komplex und notwendige Illoyalität, PapyRossa Verlag, Köln 2015

Teil I findet sich auf NachDenkSeiten vom 10.6.2016: http://www.nachdenkseiten.de/?p=33756

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