Der Fall Barschel und das “Unbekannte”

(aktualisiert am 13.2.2016)

Am 13. Feburar 2016 wiederholt Eins Festival einen Spielfilm zum Fall Barschel: Was geschah nach dem „Ehrenwort“? (Regie: Kilian Riedhof)

“Es war eine der größten und geheimnisvollsten Politaffären der Bundesrepublik: Waterkant-Gate, der Fall Uwe Barschel. Und der ist auch 28 Jahre später noch nicht geklärt. Das Erste hat jetzt einen realitätsnahen Spielfilm daraus gemacht.”

 

Der-Fall-Barschel-Film-Cover-2016

 

Seit dreißig Jahren werden KritikerInnen, die den Mord an dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein Uwe Barschel für wahrscheinlicher halten als die Selbstmordthese, als VerschwörungstheoretikerInnen oder Konspirologen, also Spinner bezeichnet. Was hat es damit auf sich?

Das Besondere an diesem dreistündigen Film ist, dass er ein Mordgeschehen nicht für eine durchgeknallte Spinnerei hält, sondern für eine von zwei möglichen Tatabläufen. Das ist doch ziemlich viel für einen Samstagskrimi, der zuvor  im Ersten Deutschen Fernsehen um 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde.


Wer genug Zeit hat und die Geduld nicht verliert, wird gelegentlich belohnt: 25 Jahre nach dem ›mysteriösen‹ Tod von Uwe Barschel kommt eine kriminaltechnische Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Uwe Barschel in seinem Hotelzimmer, wo er Selbstmord begangen haben soll, nicht alleine war:

»LKA-Spezialisten hätten auf Socken, Krawatte und der Strickjacke, die Barschel in der Nacht seines Todes im Genfer Hotel Beau Rivage trug, Rückstände sichergestellt, so CDU-Mann Kalinka. Laut Welt am Sonntag ist das genetische Material des Unbekannten noch gut genug erhalten, um es mit möglichen Verdächtigen vergleichen zu können. Der neue DNA-Fund stützt die Theorie, dass Barschel zum Zeitpunkt seines Todes nicht wie bisher angenommen allein in seinem Hotelzimmer war.« (Der Spiegel vom 28.7.2012)

Dass Spuren beseitigt werden, offensichtlichen Hinweisen nicht nachgegangen wird, dass Ermittlungen behindert werden, wissen wir nicht erst seit der neonazistischen Mordserie des NSU. Und selbstverständlich kann man annehmen, dass weder im Fall NSU, noch im Fall Barschel geschlampt wurde. Denn die bedauerten „Ermittlungspannen“ weisen ein übereinstimmendes Merkmal auf: Sie ereigneten sich ausschließlich mit Blick auf ein mögliches Mordgeschehen und Spuren, die ggf. dem „Fremdverschulden“ einen Namen geben könnten, also zu den möglichen Tätern führen könnten.
In beiden Fällen belegen die vielen „Ermittlungspannen“ keine bedauerlichen Zufälle, sondern die Systematik.

Bekanntermaßen bringen sich deutsche Politiker nicht allzu oft selbst um. Genau so wenig ist davon auszugehen, dass es allzuoft Gründe gibt, einen deutschen Politiker aus Gründen der Staatsraison umzubringen.
Genau aus diesen Gründen lohnt es sich, den Barschel-Fall noch einmal politisch ins Gedächtnis zu rufen. Er ist u.a. eng mit der Atompolitik verknüpft – im zivilen, wie militärischen Sinne.
Mitte der 80er Jahre platzte die Mär von der friedlichen Nutzung der Atomenergie auf mörderische Weise. Am 26. April 1986 schmolz der Reaktorkern der Atomanlage in Tschernobyl: »Viele Liquidatoren, schätzungsweise zwischen 50.000 bis 100.000, sind gestorben, und 90 Prozent von ihnen sind schwer erkrankt. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 540.000 bis 900.000 junge Männer sind infolge von Tschernobyl schwer erkrankt.« (Angelika Claußen, Vorsitzende der deutschen Sektion »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung« (IPPNW), nach: FR vom 6.4.2006)
Die Gegend rund um Tschernobyl wurde evakuiert – sie ist auf Jahrzehnte hin unbewohnbar. Nachdem das Ausmaß der Atomkatastrophe – trotz vorsätzlicher Falschmeldungen von Regierungsseite – offensichtlich wurde, erwachte die Anti-Atom-Bewegung zu neuem Leben. Hunderttausende gingen alleine in Deutschland auf die Straße, um das Ende der Atompolitik zu fordern. Die Stimmung war wütend und entschlossen. Über 160 Strommasten wurden gefällt, um deutlich zu machen, dass die Zeit der Appelle vorbei ist.
Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung und politisch äußerst brisanten Lage ereignete sich – nur fünf Monate nach Tschernobyl – am 12. September 1986 ein weiterer »Atomunfall«, nicht in der Sowjetunion, weit weg, sondern bei Geesthacht an der Elbe. Auf dem Gelände des staatlichen Forschungszentrums GKSS (früher Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt) kam es zu einem »Brand«. Infolge dieses Ereignisses wurde an Messstationen des AKW Krümmel erhöhte Radioaktivität gemessen. Davon alarmiert machte die dort aktive Bürgerinitiative zuerst das nahe liegende AKW Krümmel dafür verantwortlich. Die Landesregierung und vor allem Bundesstellen und (Aufsichts-)Behörden griffen diesen Verdacht dankbar auf, veranlassten entsprechende Untersuchungen und verteilten gleichzeitig Entwarnungen und Beschwichtigungen wie Placebos.
Viel zu spät entdeckten Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft für Physikalische Analytik und Messtechnik (Arge PhAM) in der Umgebung der GKSS millimetergroße Kügelchen, die weder in der Natur, beim Betrieb eines AKWs, noch bei oberirdischen Atomtests ›abfallen‹. Auf Dachböden und im Erdreich wurden Transurane, u.a. Plutonium-241 und Americium-241 gefunden. Erst als diese kleinen Mikrokügelchen rund um Geesthacht gefunden wurden, geriet ein ganz anderer möglicher Verursacher in den Focus: die staatliche Atomforschungsanlage GKSS, nur wenige Kilometer vom AKW Krümmel entfernt.
Warum atom-staatliche Stellen diese Mikrokügelchen nicht finden wollten, hat einen einfachen Grund: Ihre hoch radioaktive Zusammensetzung schloss sowohl Atomanlagen wie ein ›Fallout‹ aus der Atomanalage in Tschernobyl als Ursache aus, da diese mit schwach radioaktivem Material bestückt werden.
Hoch angereichertes Nuklearmaterial benötigt man nicht für Atomanlagen, sondern für den Bau von Atomwaffen, also für militärische Zwecke. Mit diesen Funden stand folglich die Frage im Raum, ob die Bundesrepublik Deutschland im Geheimen versuche, in den Besitz von Atombomben zu kommen – zumal sie das Know-How dazu bereits seit langem besitzt.

Ex-Ministerpräsident Barschel wollte auspacken – und musste sterben?

Uwe Barschel (CDU) war Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, als sich der Atomunfall in Geesthacht ereignete. Nur ein Jahr später, 1987, standen Landtagswahlen an und der Spitzenkandidat der CDU fürchtete um seine Wiederwahl. Mit dreckigen Tricks versuchte er den Gegenkandidaten der SPD, Björn Engholm, zu diskreditieren. Als dies bekannt wurde, seine »Ehrenworterklärung« kein Pfifferling mehr wert war, trat er am 2.10.1987 zurück. Kurz danach machte er zusammen mit seiner Frau Urlaub auf Gran Canaria. Dort erreichte ihn die Meldung, dass ein Untersuchungsausschluss zur »Barschel-Affäre« eingerichtet worden war. Der Ex-Ministerpräsident zeigte sich erbost und drohte – im Gegenzug – vor dem Untersuchungsausschuss »auszupacken«. Noch auf Gran Canaria vereinbarte Uwe Barschel ein Interview mit der Illustrierten ›Stern‹ in Genf. Außerdem will er sich dort mit einem Mann (namens Roloff) treffen, der ihm „Entlastungsmaterial“ zusagt. Er will sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen und plant seine Aussage vor dem Untersuchungsauschuss für den 12. Oktober 1987 – mit einem bereits gekauften Rückflugticket.

Reagiert so ein Mann, der nicht mehr weiter weiß? Das einzige, was die Indizien belegen, ist das Gegenteil.
Uwe Barschel brach seinen Urlaub ab und flog alleine in die Schweiz, nach Genf. Bevor es zu dem vereinbarten Interview kam, lag Uwe Barschel tot in der Badewanne. Ob er den Informanten „Roloff“ jemals getroffen hat, ob das Treffen und das Versprechen fingiert waren, bleibt ein Rätsel. Offensichtlich ist nur, dass er sich ein Flasche Rotwein und zwei Gläser aufs Zimmer bestellt hatte, am Abend vor seinem Tod.

 

Barschel-Hotelzimmer-1987

Am nächsten Tag gegen Mittag findet ihn ein Stern-Reporter und macht das Foto, das um die Welt ging. Das Foto, das er „schießen“ konnte, war einem besonderen Umstand geschuldet: Die Hotelzimmertür stand offen. Uwe Barschel lag tot in der Badewanne.
Warum ein Ex-Ministerpräsident nach Genf flog, um dort Selbstmord zu begehen, konnten und wollten die Untersuchungen nicht klären. Die Familie Barschel widersprach vehement der »Selbstmordthese«. Die Untersuchungen Schweizer Behörden waren professionell-dilettantisch und führten zu dem erwünschten Ergebnis:

»Nach sehr zuverlässigen Informationen, welche die BaZ bekam, haben die politischen und Justizbehörden von gewichtiger deutscher Seite und über mehrere Kanäle den Wunsch übermittelt bekommen, dass es in aller Interesse wäre, wenn man diesen Fall als Selbstmord einstufen könnte.« (Basler Zeitung vom 15.10.1987)

Nachdem der ›Fall‹ an deutsche Behörden abgegeben wurde, verliefen auch dort alle Untersuchungen im Sand. Damit auch kein Haar in die Suppe der Selbstmordthese gefunden werden konnte, musste auch auf deutscher Seite ein wenig nachgeholfen werden:

»Im Zuge der neuen Begutachtung wurde 2011 öffentlich, dass ein auf dem Hotelbett Barschels sichergestelltes Haar aus der Lübecker Asservatenkammer verschwunden war und somit nicht mehr untersucht werden konnte.« (Der Spiegel vom 28.7.2012)

Ein ganz normaler Skandal um schmutzige Praktiken, an der Macht zu bleiben, drohte außer Kontrolle zu geraten. Was stand alles auf dem Spiel? Wer befürchtete eine ungewollte Kettenreaktion? Was hätte der Ex-Ministerpräsident alles auspacken können?
Ganz raunig und sicherlich gut gestreut, brachte man Uwe Barschel mit illegalen Waffengeschäften in Verbindung, die ohne Zustimmung von Regierungsstellen, ohne die Deckung von Geheimdiensten nicht hätten getätigt werden können. (U-Boote für das Apartheidregime in Südafrika, Waffen für den Iran im Kontext der Iran-Contra-Affäre)
Doch was wusste Uwe Barschel als oberster Dienstherr über Projekte im staatlichen Forschungszentrum GKSS, die der Geheimhaltung (wie z.B. Experimente zur Urananreicherung) unterlagen?
Was hätte Uwe Barschel, der sich auch von seiner eigenen Partei verraten fühlte, davon abhalten können, nicht auch diese Geheimnisse preiszugeben?

Wolf Wetzel

13.2.2016

Der Rechtsstaat im Untergrund. Big Brother, der NSU-Komplex und die notwendige Illoyalität, PapyRossa Verlag,2015

 

 

Ein sehr ausführlicher Text findet sich hier: https://wolfwetzel.wordpress.com/2007/08/01/tschernobyl-ist-uberall/

Eine Antwort to “Der Fall Barschel und das “Unbekannte””

  1. AlterKnacker Says:

    Die sogenannte ‚STAATSRÄSON‘ ist für mich der plausibelste Grund für einen Mord …


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