Verbrannt

Verbrannt

Am 11.10.2015 sendete das ARD einen mit der deutschen Nationalhyme unterlegte Tatort-Krimi mit dem Titel ›Verbrannt‹.

Tatort-Verbrannt-Banner-2015

Als Sendetermin hatte man sich etwas ausgedacht: »Möhring ist unzufrieden mit dem Sendeplatz, da zeitgleich das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Georgien zu sehen ist. ›Ich wollte verhindern, dass unser Tatort parallel ausgestrahlt wird‹, gibt der Schauspieler zu. ›Aber aus irgendeinem Grund, den ich nicht nachvollziehen kann, hat es nicht geklappt‹.
Dennoch ist dieser ›Tatort‹ aus drei Gründen bemerkens- und sehenswert:
»Der ›Tatort: Verbrannt‹ bezieht sich auf den realen Fall von Oury Jalloh aus Sierra Leone, der 2005 in Dessau in Polizeigewahrsam verbrannt ist.« (Filmankündigung)


An die Liege in einer Polizeizelle ›fixiert‹ soll sich Oury Jalloh – nach gemeinschaftlichen Aussagen aller beteiligten Polizeibeamten, Gerichtsmediziner und Brandexperten – mit einem Feuerzeug selbst angezündet haben, obwohl ihm alles abgenommen wurde, bevor er an Händen und Füssen an eine Pirschte gefesselt wurde. Das denk- und machbar Unmögliche soll in dieser Dessauer Zelle passiert sein.

Tatort-Verbrannt-2015

Ein erneutes Gerichtsverfahren verlief im (selben) Sande, weil u.a. alle daran beteiligten Beamten ein Schweigekartell gebildet hatten, was selbst das Gericht als Fußnote dieses ›Freispruches‹ konstatiert hatte.
Im Spielfilm geht der ›Fall‹ anders zuende. Dort gibt es zwei Polizeibeamte, die über alle Hindernisse hinweg dem Wahrscheinlichen nachgingen: ein Mord aus rassistischen Motiven, begangen von anstiftenden, tatausführenden und tatdeckenden Polizeibeamten. Sehr eindrucksvoll lässt der Spielfilm die ZuschauerInnen das Klima der Angst spüren, das jene traf, die den offen artikulierten Rassismus so nicht mittragen wollten. Der Film hat wie gesagt ein erfreuliches Ende, zumal er deutlich machte, dass es bei einem solchen institutionellen Rassismus keine Einzeltäter gibt. Vielmehr kommt darin eine Struktur zum Tragen kommt, die auch jene massiv einschüchtert und zum Mitmachen bewegt, die ganz individuell anders (re-)agiert hätten.
Im wirklichen Leben, also im NSU-Komplex gab es auch Ermittlungsbeamte, die offensichtlichen Spuren und Zeugenaussagen nachgehen wollten. Es waren bei weitem nicht viele, aber es gab sie. Das zieht sich durch den ganzen NSU-Komplex hindurch, dreizehn lange Jahre lang bis heute.
Mit einem entscheidenden Unterschied:

Es gab in den ganze dreizehn Jahren keinen einzigen Vorgesetzten, der solche Ermittlungen zugelassen bzw. zu solchen Ermittlungen ermutigt hätte. Das Gegenteil ist aktenkundig: Wenn es Beamte gab, die dem Wahrscheinlichen nachgehen wollten, dann wurden sie massiv daran gehindert, sei es von ihren Vorgesetzten oder vonseiten der ermittelnden Staatsanwaltschaft, die genau diese Ermittlungen sabotierte.

Der Film „Verbrannt“ ist auch in der ARD-Mediathek zu finden.

Mit Blick auf diesen Spielfilm schreibt die ›Initiative Oury Jalloh‹:

»Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh geht nach wie vor und insbesondere vor dem Hintergrund der Ergebnisse justizunabhängiger Gutachten (Zweitautopsie 2005, Brandgutachten 2013 und Expertise der vorhandenen Aktenlage 2015) davon aus, dass Oury Jalloh am 7. Januar 2005 von dritter Hand – also mindestens in Mittäterschaft von Polizeibeamten des Dessauer Polizeireviers – angezündet und verbrannt worden sein muss.
Auch gehen die Dimensionen des Falles weit über den ungeheuerlichen Umstand seiner Verbrennung in dieser Polizeizelle in Dessau hinaus – er steht nicht nur für straffreie exekutive Polizeigewalt, sondern auch für strukturell rassistisch diskriminierende Asylgesetzgebung und Polizeigesetze, für eine gesetzlich nicht verfasste, aber trotzdem alle Instanzen des sog. Rechtsstaates durchziehende Staatsräson zur Vertuschung, Manipulation und Strafvereitelung von Verbrechen durch Beamte des Staates sowie für die systematische Willkür durch juristische Repression von zivilgesellschaftlichem Engagement zur Aufklärung und öffentlichen Skandalisierung solcherlei Zustände. Der Kreis aus systematisch diskriminierender Gewalt und systematischer Strafvereitelung und Rechtsbeugung war und ist ein Teufelskreis aus rassistischem Überlegenheitsdünkel und machtbesessener Ignoranz gegenüber deren tödlichen Folgen.« (Initiative Oury Jalloh)

Wolf Wetzel
Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2015/3. Auflage

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