Eine zweite Zeugin im NSU-VS-Komplex in Baden-Württemberg stirbt

Eine zweite Zeugin im NSU-VS-Komplex in Baden-Württemberg stirbt.

Zur Zeit tagt im Stuttgarter Landtag der parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) »Rechtsterrorismus/NSU BW«. Er analysiert die Kontakte und Aktivitäten des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) in Baden-Württemberg und die Todesumstände der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn erschossen wurde. Sie gilt als zehntes und letztes Opfer des NSU – wenn man den Tod des Zeugen Florian Heilig als Selbstmord verbucht.

Den Ermittlern zufolge soll sich Florian Heilig aus Liebeskummer am 16. September 2013 mit Benzin übergossen und dann selbst verbrannt haben – am selben Tag, an dem er Aussagen aus dem Jahr 2011 zum NSU wiederholen bzw. präzisieren wollte. Nach dem Willen der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Stuttgart stand der Suizid fest, bevor Ermittlungen aufgenommen und bevor sie offiziell abgeschlossen wurden. Dafür hielt ein Motiv her, das nur die »Ermittler« kannten: Liebeskummer. Man hatte dazu nicht einmal die frühere Freundin Melisa Marijanovic befragt. Aufgrund der gegenteiligen Erklärungen aus dem Kreis der Familie Heilig ermittelt man nun doch »nach«, wie ein LKA-Mitarbeiter im PUA in Baden-Württemberg  ausführte. Man habe die ehemalige Freundin nun doch getroffen, und sie habe auch etwas gesagt: Die beiden seien insgesamt vier Wochen »zusammen« gewesen. Viel mehr könne sie zu dieser Beziehung nicht sagen. Kurzum, die Beziehung spielte in ihrem und im Leben von Florian Heilig wohl kaum eine Rolle.

Dass diese Beziehung und die Trennung keinen Liebeskummer ausgelöst haben, steht fest. Es steht aber auch fest, dass sie Antworten darauf geben könnte, warum Florian Heilig keinen Selbstmord gegangen hat. Dazu sollte sie selbst Aussagen machen, vor dem PUA in Baden-Wüttemberg. Sie tat dies in einer nicht-öffentlichen Sitzung.

Nun kommt die schreckliche Nachricht:

„Eine 20-jährige Zeugin im Prozess um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ist tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Laut Berichten der Deutschen Presseagentur soll es sich um die Ex-Freundin von Florian H. handeln. Er soll Informationen zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gehabt haben. Der Lebensgefährte der Frau habe sie am Samstagabend mit einem Krampfanfall in ihrer Wohnung gefunden, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit. Die genaue Ursache für den Tod sei bislang unklar. Die Ärzte hätten das Leben der jungen Frau nicht mehr retten können. Die 20-Jährige hatte im NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart in einer nicht-öffentlichen Sitzung ausgesagt und erklärt, sie fühle sich bedroht. Bei der Toten soll es sich um eine Ex-Freundin von Florian H. handeln.“ (Spiegel vom 29.3.2015)

Dass sich  Melisa Marijanovic bedroht fühlte, hatte sie explizit gesagt. Das lag nicht daran, was sie über die Beziehung zu Florian Heilig ausführte, sondern was sie nicht sagte, was sie möglicherweise noch sagen könnte. In welche Gefahr  sie sich begab, war dem PUA in Baden-Wüttemberg bekannt. Dieser weiß, was sie hinter verschlossenen Türen gesagt hat. Er weiß auch, welche „politischen Implikationen“ mit ihrer Person verbunden sind.

Wenn man Aufklärung betreiben will, schützt man Zeugen. Wenn man Zeugen, wie Florian Heilig nicht schützt, sondern denunziert, dann setzt man deren Leben aufs Spiel. Der PUA in Baden-Wüttemberg hatte genug Informationen, dies nicht zu wiederholen. Jetzt ist Melisa M. tot. Ihr Wissen nicht.

Wolf Wetzel

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2013, 2. Auflage

Am 31.3.2015 erscheint in der Tageszeitung Junge Welt der Beitrag:

Dritte NSU-Zeugin tot

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Eine Antwort to “Eine zweite Zeugin im NSU-VS-Komplex in Baden-Württemberg stirbt”

  1. oliver renn Says:

    man vergleiche https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=353598034829565&id=352464534942915 VERSUS http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/110972/2985037/pol-ka-vorlaeufiges-obduktionsergebnis-liegt-vor-20-jahre-alte-frau-verstarb-an-folgen-einer und bestaune, dass der mainstream nun natürlich nicht müde wird zu erwähnen „“‪#‎Lungenembolie‬ gehört zu den häufigsten nicht oder falsch diagnostizierten ‪#‎Krankheiten‬“ – wer wie die von mir verantwortete, unabhängige medieninitiative „das ZOB“, die bisher tatsächlich jeden prozesstag in münchen beobachtete (was ansonsten von medien nur seeeeehr wenige sagen können) gegen rassismus UND gegen vertuschung ist, komme bitte in https://www.facebook.com/groups/nsu.prozess/

    ps: wolf sie schreiben „Ihr Wissen nicht.“ – gab es etwa bereits vor dem gestrigen tage offizielle protokolle zu der geheim-sitzung, denen die jetzt evtl. irgendwann mal publiziert würden kann die interviewte nicht mehr widersprechen.


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