Zweifel an Polizeiversion – Wenn Mord die wahrscheinlichere Todesursache ist

Zweifel an Polizeiversion
Suizid aus Liebeskummer? Der Neonaziaussteiger Florian Heilig wollte mit Ermittlern über den NSU sprechen. Am Tag der geplanten Aussage starb er in einem brennenden Auto

Wolf Wetzel | Tageszeitung Junge Welt vom 3.3.2015

Vorspann

Am 2. März 2015 wurden Vater und Schwester von Florian Heilig im parlamentarischen Untersuchungsausschuss/PUA in Baden-Württemberg gehört. Die ehemalige Freundin Melisa M. soll in einer nicht-öffentlichen Sitzung einvernommen werden. Dabei wird hoffentlich nicht nur ihre Sicht auf die Trennung zur Sprache kommen, sondern auch die ›politischen Implikationen‹, die eine weitaus größere Rolle spielten, als Herzensangelegenheiten.

 

Fast eineinhalb Jahre lang war der Tod eines wichtigen Zeugen im NSU-VS-Komplex, der sich acht Stunden vor seiner polizeilichen Befragung selbst verbrannt haben soll, kaum eine überregionale Meldung wert. Wie in den vielen Jahren der Mordserie der Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) zuvor auch, begnügte man sich mit der Version der Polizei und Staatsanwaltschaft. Über die Todesumstände des Florian Heilig am 16. September 2013 in der Nähe des Festgeländes am Cannstatter Wasen in Stuttgart hieß es da zum Beispiel:

»Die am Montag abend durchgeführte Obduktion ergab, dass ein Fremdverschulden oder ein Unfallgeschehen nahezu ausgeschlossen werden kann. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei haben ergeben, dass der junge Mann das Fahrzeug vermutlich selber in Brand gesteckt hat. Die Hintergründe für den Suizid dürften im Bereich einer persönlichen Beziehung liegen.«

Nicht viel später fiel das »nahezu« weg:

»Wie bei jedem anderen Suizid wurde auch hier gewissenhaft geprüft, ob eine Fremdeinwirkung vorliegen könnte. Das ist eindeutig zu verneinen.« Polizeisprecher Thomas Ulmer: »Daher ermitteln wir nicht mehr weiter
Alles schien in wenigen Tagen im Herbst 2013 geklärt worden zu sein, auch das Motiv: »Die Polizei geht von einem Selbstmord aus, angeblich aus Liebeskummer.« (Berliner Zeitung vom 1. Oktober 2013). Mangels eines Abschiedsbriefes wollten die Ermittler dies »aus dem familiären Umfeld« erfahren haben.
Dass das »familiäre Umfeld«, die Eltern, die Schwester und die Freunde, der staatlichen Selbstmordversion heftig widersprachen, kümmerte kaum jemanden. Das Motiv »Liebeskummer« hatten die Ermittler weder aus dem familiären Umfeld, noch von der damaligen Freundin. Sie war gar nicht befragt worden.
Auch der Umstand, dass Indizien für »Fremdeinwirkung«, also einen Mord, nicht gesucht, nicht gesichert, geschweige denn ausgewertet wurden, ist in den Ermittlungsakten nachzulesen. Man hat Nachforschungen unterlassen, die zum Standardprogramm einer Ermittlung zählen – normalerweise. So befand sich in dem ausgebrannten Auto das Handy, der Laptop und eine Videokamera von Florian Heilig. Man kann der Polizei und der leitenden Staatsanwaltschaft vieles zutrauen, nur eines ganz bestimmt nicht: die Bedeutung von Handy und Computer als Beweismittel zu unterschätzen. Selbstverständlich wissen sie darum. Bewegungsprofil, Funkzellenabfrage, Dateien, Fotos, E-Mailverkehr, IP-Adressen, Telefonnummern der Anrufenden – es gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer Ermittlung im Todesfall, diese zu sichern und auszuwerten. Nichts findet man dazu in den Ermittlungsakten. Man hat die Beweismittel scheinbar achtlos im Auto liegenlassen.
Auch über die Drohungen, die Florian Heilig von Neonazis erhielt, nachdem er sich entschieden hatte »auszusteigen«, hat man sich ausgeschwiegen. Nicht ein Satz, nicht eine Ermittlung widmet sich diesen.
Florian Heilig war kein Lebensmüder, sondern ein ehemaliger Neonazi, der sich ab Mitte 2011 im Aussteigerprogramm »BIG Rex« des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg befand. Florian Heilig plagte kein Liebeskummer, sondern die Angst, dass ihm als »Verräter« etwas zustoßen könnte. Das lag nicht nur nahe, es war bereits passiert. Ende 2011 wurde er von Neonazis in Heilbronn mit einem Messerstich in den Bauch verletzt. Gegenüber den Eltern machte er deutlich, wovor er wirklich Angst hatte: »Sie finden mich immer, wo immer ich bin.«
All das wusste die Polizei, all das war dem Verfassungsschutz sehr präsent, denn viele der Neonazis, mit denen es Florian Heilig zu tun hatte, waren dem Geheimdienst sehr »vertraut« – wie zum Beispiel Nelly Rühle (NPD), Alexander Heinig (Blood & Honour), Alexander Neidlein (NPD) oder Marcus Frntic (Blood & Honour).
So paradox es auf den ersten Blick erscheinen mag: Florian Heilig war nicht nur für Neonazis eine Gefahr. Er stellte zugleich eine große Gefahr für die bis heute aufrechterhaltene Version von Staatsanwaltschaft, Polizei und Verfassungsschutz dar, die da lautet: Wir hatten gemeinsam 13 Jahre keine Ahnung, keine heiße Spur, die uns zum NSU geführt hätte. Und wir wissen ganz genau, dass der NSU aus drei Mitgliedern bestand.
Die Aussagen von Florian Heilig stellten diese Version in Frage, die bis heute behauptete Ahnungslosigkeit.
Nun haben Vater und Schwester einiges von dem vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags von Baden-Württemberg erzählt, was sie von Florian Heilig noch in Erinnerung hatten. Das Onlineportal der Welt berichtete dazu am Montag:

»Im NSU-Untersuchungsausschuss hat der Vater eines jungen Mannes, der sich in Stuttgart mutmaßlich selbst getötet hat, der Polizei schwere Vorwürfe gemacht. Die Beamten seien von Anfang an von einem Suizid ausgegangen und hätten diese These nie wieder in Frage gestellt, sagte der Vater von Florian H. am Montag vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Stuttgart. Der Tod von Florian H. beschäftigt den Ausschuss zur rechtsextremen Terrorzelle NSU, weil er gewusst haben soll, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn erschossen hat.«

Der Vater konnte sich noch an vier Vornamen erinnern, die sein Sohn erwähnte, als das Gespräch auf die NSU-Morde kam: Alexander, Nelli, Matze und Francek. Außerdem bestätigten Vater und Schwester, dass Florian Heilig sehr wohl genaue Angaben zur Neonaziszene rund um Heilbronn machte, die bis in die Polizei hineinreichte.
Das Onlineportal des SWR meldete am Montag dazu:

»Der Vater nannte dem Untersuchungsausschuss Namen von Personen aus dem Raum Heilbronn, die in der rechtsextremen Szene eine Rolle spielen sollen. Die Schwester des Toten ging bei ihrer Aussage sogar noch weiter und berichtete, dass ihr Bruder ihr auch von einer rechten Gruppierung bei der Heilbronner Polizei erzählt habe. Bei einer Attacke auf eine Dönerbude habe jemand dafür gesorgt, dass keine Polizei in der Nähe sei.«

Wie sich diese Verbindung von Neonazis und Polizei auswirkte, welche Bedrohung sie auch für Florian Heilig werden konnte, beschrieb die Schwester:

»Florian H. soll sich immer wieder neue Handynummern zugelegt haben, mindestens fünf Nummern in kurzer Zeit, sagt die Schwester. Aber immer wieder sickerten sie an seine Erpresser durch. Florian H. hat eine Vermutung. Er soll gesagt haben: ›Sobald meine neue Nummer bei BIG Rex bekannt ist, hängen die Rechten eine Woche später wieder drauf‹.« (taz vom 2. März 2015)

Sicherlich ist es jetzt leichter zu verstehen, warum die Bereitschaft von Florian Heilig, dies zu wiederholen und gegebenenfalls zu präzisieren, nicht nur für Neonazis eine Bedrohung darstellte, sondern auch für die »Sicherheitsbehörden«.
Nun ist dieses Wissen und all das, was sich auf dem Laptop und auf der SIM-Karte des Handy befindet, nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Dafür haben die Familie, einige Freunde und politisch Engagierte seit Monaten gekämpft.
Nachdem die überregionalen Medien über eineinhalb Jahre zu den Todesumständen dieses wichtigen Zeugen geschwiegen bzw. die Version der Polizei und der Staatsanwaltschaft unhinterfragt wiedergegeben haben, werden nun Mordgründe entdeckt und diskutiert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als möchte man dabei ganz schnell die Täterschaft an Neonazis abgeben, die zweifellos Florian Heilig als »Verräter« behandelt hatten.
Dass neonazistische Motive in einem solchen Mordgeschehen eine Rolle spielen, steht außer Frage. Genauso taterheblich ist jedoch die Rolle von Polizei und Geheimdienst. Woher hatten die Neonazis die jeweils neue Handynummer von Florian Heilig? Woher wussten Neonazis den anstehenden Termin im LKA in Stuttgart? Florian Heilig wird ihnen dies nicht gesteckt haben. Die Frage, die selbstverständlich in den Qualitätsmedien nicht gestellt wird, lautet: Wer hat diesen wahrscheinlichen Mord gewähren lassen? Wer hatte ihn gegebenenfalls ermöglicht und danach allen Grund, falsche Fährten zu legen?
Der Umstand, dass Polizei und Staatsanwaltschaft einzig in Richtung Suizid ermittelten, ist so zumindest zu erklären – am allerwenigsten mit »schlampigen« Ermittlungen.

Wolf Wetzel
Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2013, 2. Auflage

Der Beitrag „Florian Heilig – Der Tod eines Zeugen. Mord oder ein Suizid aus Liebeskummer?“ fasst die zahlreichen Gesprächen mit Familie Heilig und die eigenen Recherchen der letzten 1 ½ Jahre zusammen.

 

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2 Antworten to “Zweifel an Polizeiversion – Wenn Mord die wahrscheinlichere Todesursache ist”

  1. Was mir heute wichtig erscheint #387 - Welcome @ trueten.de Says:

    […] kaum eine überregionale Meldung wert.(…)" Wolf Wetzel in der Tageszeitung Junge Welt über eine fragwürdige Polizeiversion zu den Hintergründen des Todes eines Zeugen im NSU Verfahren. Nutztiere: "Man darf Tiere laut […]

  2. heute-show zum NSU | Die AnStifter Says:

    […] im Zusammenhang mit NSU, Verfassungsschutz und Polizeiermittlungen finden sich bei Wolf Wetzel und Hajo Funke selbst lesenswerte […]


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