Stellungskriege –im Tiefpaterre der Linken

Stellungskriege –im Tiefpaterre der Linken | Wer darf was wo … sagen?

Erinnern sich einige daran, wie die Stimmung nach der Selbstbekanntmachung des NSU im November 2011 war? Auch zwei Jahre danach? Eine Antifagruppe nannte es »Schockstarre«. Ich denke, dass dies sehr gut die überwiegende Reaktion beschreibt, auch als Folge dessen, dass zu erahnen war und ist, dass der NSU in eine Staatsfrage (-affaire) mündet.
Viele schwiegen, gerade auch die meisten Antifa-Gruppen. Sie schwiegen nicht nur, wie am Anfang, als man noch nicht viel wußte. Viele schweigen gerade heute, weil man mehr weiß, als man wissen möchte, weil sich im vielem genau das bewahrheitet, was man verständlich und/oder wohl kalkuliert als unbelegbare Spekulation beiseite gelegt oder abgetan hatte.


Dieses Schweigen, diese überwiegende Nicht-Auseinandersetzung gilt für das gesamte linke, radikale Spektrum – wenn man dieses noch als eine konsistente Größe fassen will, was eine grobe Summenbildung erlauben würde.
Diese Bedingungen waren mir sehr klar, als ich mit den Recherchen zu dem Buch ›Der NSU-VS-Komplex‹ begann. Eine extrem paradoxe Situation: Man sammelt Woche für Woche Fakten und Details, kann (Entscheidungs-)Strukturen recht genau nachzeichnen, bislang Verborgenes sehr klar verorten, und in der Summe eine Staatsanalayse vornehmen, die auch den staatseigenen terroristischen Untergrund abbilden kann. Gleichzeitig trifft eine solche Analyse auf eine Linke, die selten so schwach ist wie in diesen Jahren und die – zur Ermutung – nicht gerade den Blick auf Machtverhältnisse braucht, die einen noch kleiner erscheinen lassen als man eh schon ist.
Unter diesen Umständen war und ist mir klar, dass ich über viele politische Lager und Fraktionen hinweg meine Positionen vorstellen und präsentieren muss, wenn ich den Anspruch habe, sie nicht nur im Netz, sondern in der realen Begegnung mit diesen zersplitterten Spektren zu führen.
Das ist nicht besondern erfreulich, sondern die Bedingung, mehr als eine persönliche Meinung zu haben, die im geschützten Kreis Gleichgesinnter zirkuliert.
Tatsächlich ging dieser Ansatz kaum auf. Die große Zahl der Antifa-Gruppen fühlte sich überfordert, beleidigt oder angegriffen, anstatt diese Auseinandersetzung anzunehmen. Zumal es ja genug innere Widerprüche gab, denen eine ›Öffnung‹, ein offensiver Umgang damit gut getan hätte. Dass beispielweise ALB (in Berlin) und Antifa F (in Frankfurt) im letzten halben Jahr ihre Auflösung bekannt gegeben haben, drückt diese existierenden politischen Spannungen aus. Eine Einladung aus diesem Spektrum war folglich eher selten – abgesehen von denen, die eher einen autonomen Zugang zu diesem Thema haben.
Mein Versuch, über die zerstrittenen politischen Spektren hinweg, Position zu formulieren zu beziehen, scheiterte auch mit Blick auf linke Medien. Nun gibt es ja diesbezüglich nicht mehr viel, wenn man sie an einer bundesweiten Verbreitung mißt: ak, Antifa-Zeitungen, Jungle World, Konkret, Junge Welt …
Faktisch blieb dauerhaft, verbindlich und kontinuierlich nur die Tageszeitung ›Junge Welt‹ und ›Migazin‹ übrig – auch hier publizistische Orte, die sich nicht mit meiner eigenen politischen Geschichte decken. Alle anderen Versuche, eine Debatte mit verschiedenen Perspektiven und Positionen anzustoßen, scheiterten an jeweiligen ›Eigentümern‹ (ak, nsu-watch, Jungle World z.B.).
Dass es in den bürgerlichen Medien keinen Platz dafür gibt, der offiziellen Version zu widersprechen (Terrortrio/Pannen/keine staatliche Beteiligung), ist klar. Dass das, was man unter linke Presse zusammenfassen kann, selbst fragmentiert ist, bis in den Promillebereich hinein, wissen auch alle.

Wie also Öffentlichkeit herstellen, Orte der Veröffentlichung finden?

Unter diesen beschriebenen Umständen kamen 2012 zwei Anfragen für Interviews zustande: eines auf KenFM und eines im Online-Portal ›Muslimmarkt‹. Dass sie sich – auch damals – am Rand meiner (notwendigen) Zugeständnisse bewegten, ist naheliegend.
Dennoch entschied ich mich für diese Interviews. Ich hoffte, dort – zumindest in der Leserschaft – eine Debatte anzustoßen oder eine Sichtweise einzubringen, die der Grundlinie bzw. Unterströmung dieser Medien nicht folgte. Zudem sicherte ich mir zu, dass ich jeder (überarbeiteten) Endfassung zustimmen muss.

STOP-wrong
Mit dem Verweis auf diese beiden Interviews wurden zwei Einladungen zu Veranstaltungen zurückgenommen. Das ist nicht viel, bei ca. 40 Veranstaltungen im letzten Jahr. Dennoch berühren sie eine unsichtbare ›rote Linie‹, deren Übertretung je nach Linienrichtergespann geahndet wird.
Dass sich zwei Jahre später, Anfang 2014, KenFM mit Ken Jebsen, Elsässer & co mit ihren Montagsmahnwachen positionierten, also eine erkennbare reaktionäre politische Selbstverortung (mit Putin als guten Imperialisten, der sich und sein ‚Volk‘ nur ‚verteidigt‘) vornahmen, erübrigt eine Abwägung solcher Angebote in Zukunft.
Dass all dies einige schon vorher gesehen haben, mag sein. Damals waren die anderen Gründe, die ich für eine Zusage nannte, ausschlaggebend. Heute würde ich diese politischen Positionen nicht bedienen – außer, sie böten einen Auseinandersetzung an, die diese ›nationalbolschewistischen‹ Positionen zum Gegenstand hätten.
Dieses Problem haben nicht nur AutorInnen und PublizistInnen. Alle, die mehr als eine private Meinung haben, stehen vor diesem Problem, wenn sie dafür Öffentlichkeit herstellen wollen, wenn sie nach Möglichkeiten suchen, politische Grundhaltungen, politische Wirklichkeiten zu verändern. Jede Bündnispolitik setzt diese Abwägungen voraus.
Dass dies schwierig ist, wenn man selbst aus keinem machtvollen politischen Raum heraus agiert, wissen alle, die heute Bündnisse gegen Pegida schmieden, eingehen wollen und müssen.
Der Versuch hier, diese Auseinandersetzung etwas transparent zu machen, zielt auf etwas Grundsätzliches:
Wir sollten uns zu aller erst mit den politischen Positionen auseinandersetzen, die uns dabei helfen, das einzuordnen und zu (be-)werten, was gerade passiert. Die Kontroverse, die offene Debatte darüber sollte von uns gesucht und geführt werden – anstatt sie mit daneben liegenden Gründen zu ersticken, damit die 500 Homelands der Linken unangetastet bleiben.
Das würde der Linken nicht schaden, sondern sie wieder interessant machen.

Wolf Wetzel                                      Januar  2015

Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf? Unrast Verlag 2013

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3 Antworten to “Stellungskriege –im Tiefpaterre der Linken”

  1. Mrs. Mop Says:

    Was für eine ernüchternd realistische Bestandsaufnahme. Ich las und war beim Runterscrollen voll gespannter Erwartung auf ein – wie auch immer geartetes – Feedback auf den Artikel.

    So, zum Artikelende runtergescrollt und was steht da? Nix. Schweigen. Viel Schweigen. Dröhnendes Schweigen im Tiefparterre. Ein Schweigen, das die obige Kernaussage noch realistischer, noch ernüchternder erscheinen lässt, weil es das im Text thematisierte Schweigen 1:1 spiegelt.

    „Die Kontroverse, die offene Debatte darüber sollte endlich anfangen, sollte von uns gesucht und geführt werden – anstatt sie mit daneben liegenden Gründen zu ersticken, damit die 5.000 Homelands der Linken unangetastet bleiben.“

    Das ist so bös wie es gut, weil wahr ist und den Finger mitten auf die Wunde legt. Ich musste bei dem Wort sofort an die amerikanische ‚homeland security‘ denken. Heimatschutz. Innere Sicherheit, sozusagen, mal andersrum gedacht. Ungute Assoziationen sind das, die sich nur schwer vertreiben lassen. Trotzdem, oder grade deshalb, danke für den schmerzhaft erhellenden Text.

  2. Wolf Wetzel Says:

    Danke für deinen Kommentar. Ja, das Schweigen ist unerträglich laut.

  3. walterfriedmann Says:

    Hat dies auf Politische Theorie rebloggt und kommentierte:
    Zerstrittene politische Spektren – Wolf Wetzel


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