Wann reicht es? V – wie Vendetta

Wann reicht es? Das Guy Fawkes-Syndrom

Mal etwas heiter-nachdenkliches – nicht zur Ablenkung, sondern Ermutigung.

Seit ein paar Jahren jagt ein systemischer ›Skandal‹ den Nächsten. Der billionenfache staatlich-lizensierte Raubzug ab 2007ff gegen jene, die die schwerste ökonomische Krise seit 1945 weder verursacht, noch zu verantworten haben. Während dieser Raubzug unvermindert fortgesetzt wird, folgte die nächste systemische Krise: Der NSU-Skandal 2011. Auch der ist noch im volle Gange, da erreicht uns die nächste Hiobsbotschaft: Das Aufdecken eines totalitären Überwachungssystems in Gestalt der NSA – mit den jeweiligen nationalstaatlichen Hilfestellungen und Beteiligungen.

Die öffentlichen Reaktionen gleichen sich: Die daran beteiligten Regierungen lügen wie gedruckt, beteiligen sich an Vertuschungen und decken geradezu jede kriminelle Handlung, die damit einhergeht … und schließen sich (informell oder faktisch) zu Großen Koalitionen zusammen, die das wenige, was parlamentarische Kontrolle vermag, ins Koma versetzt.

All das ist kein Geheimnis. Alle dürfen es live mitverfolgen, alle sind gut informiert – wenn sie es denn wollen.

Irgendwann reicht es … könnte man meinen. Irgendwann läuft das Fass der Duldsamkeit über. Irgendwann müsste die Aufregung die Angst verlieren, das (wenige) aufs Spiel zu setzen, was man immerhin (noch) hat.

Noch bestimmt das Gegenteil die öffentliche Reaktion. Die medialen Aufschreie werden leiser, man gewöhnt sich daran. Die einen härten sich mit der vermeintlichen Gewissheit ab, dass sie schon alles wussten – die anderen spüren, dass der Protest, so wie er auf die Straße getragen wird, verpufft, ins Leere läuft, versandet.

Anstatt mehr Menschen mitzureißen, anstatt sich zu radikalisieren, nimmt der Protest ab. Kann man wirklich nichts machen? Liegt es nicht nur an den Machthabenden, am geschickten Krisenmanagement, sondern auch am Protest, der Alltag und politische Routine nicht in Frage stellt?

Fehlt es an Gewissheiten oder an der Entscheidung, einen Schritt weiterzugehen, als es einem die Angst rät? Fehlt uns u.a. das, was Guy Fawkes zu seinem Credo machte:

»There is no certainity, only opportunity

Zeitgleich mit Ausbruch der schwersten Krise in den kapitalistischen Staaten des Westens kam ein Film ins Kino: V- wie Vendetta.

002-V-Poster

Ein fantastisches Märchen über einen Aufstand gegen ein totalitäres Regime. Wundersam, weil bis zum Ende nur einer wirklich den Kampf gegen das totalitäre Regime aufnahm: Ein Mann, der sein entstelltes Gesicht durch eine Guy Fawkes Maske schützte.

Ein paar Jahre später verließ genau diese Maske das Kino. Die Guy-Fawkes-Maske tauchte überall auf, in Barcelona, New York, Frankfurt, in Griechenland und Italien, in Mexico und Brasilien, auf den Straßen und im Fernsehen. Ganz allgemein wird sie als Symbol des Protestes verstanden, als Gegenbild zu den austauschbaren Regierungsklonen.

005-Guy Fawkes 1600 - 2013

Die Botschaften, die damit transportiert werden, sind vieldeutig. Die Internet-AktivistInnen Anonymous schützen damit ihr legitimes, aber strafbares Handeln als HackerInnen. Bei Straßenprotesten wird sie zum Schutz vor allgegenwärtiger Überwachung und Erfassung genutzt, als notwendige und gewitzte Form der Vermummung.

In Spanien verstehen es die indignados (die Namenlosen) auch als Verweigerung von Prominenz und tradierten Aufmerksamkeiten. Und manche verstehen die Maske als militantes Symbol gegen jede Tyrannei, als Zeichen, nicht länger alles friedlich hinzunehmen.

 Es lohnt sich also, hinter die Maske(n) zu schauen.

Historisch nimmt diese Guy-Fawkes-Maske Bezug auf Ereignisse Anfang des 17. Jahrhunderts in England: »Guy Fawkes, Robert Catesby und seine Mitverschwörer versuchten am 5. November 1605, das englische Parlament im Palast von Westminster in London in die Luft zu sprengen. Der Grund hierzu lag in der Verfolgung, der Angehörige der katholischen Kirche ausgesetzt waren. Für das Attentat hatte er bereits 36 Fässer mit mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver in den Kellern der Gebäude deponiert, die er zu diesem Zweck als Lagerraum gemietet hatte. Fawkes plante, mit dem Anschlag am Tag der Parlamentseröffnung im House of Lords König Jakob I. samt Familie, alle Parlamentsmitglieder, alle Bischöfe des Landes und den Großteil des Hochadels zu töten sowie anschließend einige politische Gefangene aus dem Tower von London zu befreien.« (http://de.wikipedia.org/wiki/Guy_Fawkes)

 Wahrscheinlich wurde dieser Plan verraten, denn der Sprengstoff wurde entdeckt und Guy Fawkes festgenommen. Unter Folter gab er alle Mitverschwörer preis. Im Januar 1606 wurden sie durch Hängen, Ausweiden und Vierteilen hingerichtet.

Historisch betrachtet, kein Ereignis, das eine erfolgreiche Rebellion gegen die bestehende Ordnung beschreibt. Nichts, was man unbedingt – so – wiederholen möchte. Verständlich also, dass die Guy-Fawkes-Masken nicht detailgetreu auf diese historischen Ereignisse Bezug nehmen, sondern auf eine ziemlich eigenwillige, kurzum frei erfundene Adaption dieses historischen Stoffes.

 2006 wurde der Comic V wie Vendetta von Alan Moore und David Lloyd verfilmt. Das einzige, was von dem historischen Ereignis übrig geblieben ist, ist das House of Parliament, das in die Luft gesprengt werden soll. Alles andere in diesem wunderbaren Trickfilm stellt die wahren Begebenheiten auf den Kopf.

 In V wie Vendetta nehmen ganz wenige, um ganz ehrlich zu sein, ein Einziger, Guy Fawkes eben, den Kampf gegen das ›Empire‹ auf. Diese Rebellion gegen die Herrschaft findet in der Zukunft statt, um das Jahr 2018 herum. Guy Fawkes meidet öffentliche Plätze, öffentliches Aufsehen, wo er nur kann. Er lebt im Untergrund, während es an der Oberfläche allen Anschein nach noch ganz unterwürfig und demütig zugeht. Als erkennbare, als tatsächliche Sympathisantin hatte er gerade einmal eine unfreiwillige Gefährtin, die er erst in letzter Sekunde in seinen umstürzlerischen Plan einweiht, besagtes House of Parliament in die Luft zu sprengen.

Anders als im 17. Jahrhundert gelingt es dem Guy Fawkes des 21. Jahrhunderts, seinen explosiven Plan umzusetzen. Am Ende dieses zauberhaften Märchens folgen Explosionen auf Explosionen. Ein Wahrzeichen von Herrschaft und Unterdrückung stürzt nacheinander in sich zusammen. Erst jetzt tauchen wie aus dem Nichts Hunderte, Tausende, dann ein Meer von ›Guy Fawkes‹ auf, auf der Straße – auf dem Weg, die Idee der Revolte zu multiplizieren, aus einer Verschwörung eine Revolution zu machen.

 Schaut man also hinter die Maske, ist Guy Fawkes nicht der Gefährte, sondern der Gegenspieler zu den Anonimatos, den Namenlosen – wenn es nicht etwas Untergründiges, recht ambivalentes gäbe, das die Bewegung fasziniert …

 V – wie Vendetta ist nicht nur ein doppeldeutiges Zeichen: Hier steht es für Rache, für Vergeltung, für eine Entscheidung: »There is no certainity, only opportunity.« (V – wie Vendetta, Verfilmung des gleichnamigen Comics von Alan Moore und David Lloyd, 2006)

 Guy Fawkes plagen keine Hundert Fragen. Er ist ganz damit beschäftigt, eine Entscheidung, einen Plan umzusetzen. Und auch das zeichnet die paradoxe Aneignung der Figur Guy Fawkes aus: Er verkörpert nicht das große ›Wir‹, das ›Wir sind die 99 Prozent‹ wie in den Occupy Bewegungen.

Guy Fawkes steht für das Gegenteil: Für das Wagnis, etwas zu beginnen, eine Entscheidung zu treffen, deren Ausgang völlig offen ist. Es gibt keine Gewissheit, nur eine Gelegenheit, eine Chance. Er widerspricht damit der weitverbreiteten Ansicht, dass man sich der Unterstützung, der breiten Zustimmung sicher sein muss, bevor man etwas wagt, bevor man den Konsens, das Gesetz bricht.

Diese Parole erinnert stark an die Proteste der 80er Jahre in vielen Ländern Europas: ›Wir haben keine Chance, also nutzen wir‹ – eine paradoxe und umsichtige, eine aussichtslose und gewagte Haltung zugleich. Eine im besten Sinne ambivalente Haltung, die im Wissen um die Überlegenheit des Gegners ihre Chance ergreift.

Guy Fawkes will nicht mehr diskutieren, überzeugen, abwarten, sich selbst disziplinieren – auch nicht fragend voranschreiten, wie der Subcomandante Marcos im lakandonischem Urwald Chiapas. Er ist ganz damit beschäftigt, eine Entscheidung, einen Plan umzusetzen. Ob er sich dabei nur von seiner Rache leiten lässt oder ob er sehr wohl die ambivalente Haltung der Unentschlossenen berücksichtigt, mit einplant, lässt der Film offen.

Die Botschaft des Filmes ist eindeutig und leichtsinnig: Zu Beseitigung eines totalitären Regimes braucht man viel Sprengstoff, etwas Shakespeare, gute Ortskenntnisse und den unbedingten Willen, unerträgliche Umstände nicht länger auszuhalten.

Wenn diese Rezeptur reichen würde, wären die meisten Regierungen auf dieser Erde längst gestürzt. Das wissen sicherlich auch die Regisseure dieses fantastischen Filmes, aber auch die vielen ZuschauerInnen, die dem Film einen ungewöhnlich großen Erfolg und zahlreiche Preise bescherten.

Warum liegt es, dass so viele im Kino ihr Herz dem Aufstand, der Rebellion öffnen und am nächsten Morgen wieder pünktlich und hoch motiviert zur Arbeit gehen?

Zweifellos hat der 2006 produzierte Film viele Realitäten der letzten Jahrzehnte berücksichtigt: Den Thatcherismus der 80er/90er Jahre in England, die ›Krieg ist Frieden‹-Rhetorik eines J. W. Bush, den ausgerufenen ›Krieg gegen den Terror‹ als Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA, den permanenten Kriegszustand, die ›Anti-Terror-Gesetze‹, die Grund- und Schutzrechte mit patriotischem Design (in den USA werden sie als ›USA Patriot act‹ gelabelt) außer Kraft setzen, der religiös-fundamentalistisch imprägnierte Kreuzzug in Gestalt der Allianz der Willigen gegen das Böse.

Us-Präsident J.W. Bush

Und nicht zu vergessen der wachsende Anteil von staatsterroristischen Aktivitäten – wie die Anthrax-Anschläge in den USA, die systematische Anwendung der Folter, die totale Überwachung durch amerikanische Geheimdienste (NSA/CIA), die systematische Desinformation der Öffentlichkeit durch Regierungen und Medien.

 Obwohl all dies im Film durchscheint, wird dieses totalitäre Regime in seinen groben und hässlichen Zügen vor allem als Faschismus wahrgenommen: Der geifernde und hasserfüllte ›Großkanzler‹, ein Adolf Hitler der Neuzeit, oder die Geheimpolizei, die man sofort mit der Gestapo in Verbindung bringt.

Dass der Film die totalitäre Ordnung des ›Empires‹ mit faschistischen Assoziationen verbindet, hat einen naheliegenden Grund: Gegen Faschismus zu sein, ist relativ leicht – fast so etwas wie ein ungeschriebenes Völkerrecht. Aber was ist mit totalitären Ordnungen? Darf man sie auch mit Gewalt stützen?

Dieser Frage geht der Film ein wenig plump aus dem Weg. Umso wichtiger wäre, uns diese Frage zu stellen! In welcher Herrschaftsordnung befinden wir uns? Welche Formen des Widerstands sind wichtig und legitim?

Was machen wir, wenn ein solcher ›Hitler‹ gar nicht kommt, sondern die Welt weiterhin von Mutti Angelika Merkel und dem eloquenten Barak Obama geführt werden?

Mutti-Merkel

Was machen wir, wenn ein totalitäres Regime gar keinen Faschismus (mehr) braucht, um sich zu behaupten, sondern seine Macht daraus schöpft, dass es in einer parlamentarischen Ordnung eingehegt bleibt? Was machen wir, wenn eine totalitäre Ordnung in ihrem Kern nicht mehr gewählt wird, dafür viel Wahlfreiheit in cooler Freizeit gewährt: von bunt bis tolerant, von hetero bis queer?

Schwulen-Parade

Was machen wir also, wenn der weniger coole CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer recht hat: »Die, die regieren, haben nicht die Macht und jene, die die Macht haben, werden nicht gewählt«?

Vielleicht ist die Warnung vor einem neuen Faschismus (eine Warnung, die sich kluge Regierungen und besorgte Regierte teilen), gerade die Voraussetzung dafür, dass man alles darunter hinnimmt – weil es ja noch etwas Schlimmeres gibt.

Gay Fawkes und seine Mitverschwörer wurden Anfang des 17. Jahrhunderts verraten, gefoltert und ermordet. V hingegen siegt auf ganzer Linie. Es ist eine One-Man-Show. Alles, was wirklich gefährlich ist, was ein Risiko bedeutet, was mit Ungewissheit zu tun hat, überlassen wir V, unserem Helden. Erst als alles auf ein Happy End zuläuft, das eigene Risiko gegen Null tendiert, sind wir alle V, tragen wir alle eine Guy-Fawkes Maske.

Entlasten uns nicht solche Helden? Brauchen wir sie, damit wir auf sie warten können?

Helden wie V gibt es auch außerhalb des Filmes. In letzter Zeit haben wir einige zu Gesicht bekommen: Den WikiLeak-Mitbegründer Julian Assange und den US-Soldaten Bradley Manning, die Kriegsverbrechen der US-Regierungen ›verraten‹ und veröffentlicht haben. Edward Snowden, ein NSA-Mitarbeiter, der ein globales System der Überwachung öffentlich gemacht hat, das jede Verschwörungstheorie blass aussehen lässt.

Helden

Sie werden als Helden gefeiert und alleine gelassen. In der Fantasie sind wir an ihrer Seite, in Wirklichkeit sind sie geliefert.

Die Tragik der Helden liegt nicht in ihrem Tun, sondern in der Art, wie wir sie in den Olymp der Sagen verbannen.

Wenn wir alle mit einem großen Schritt aus dem Schatten der Projektionen heraustreten, wenn wir alle einen kleinen Schritt weiter gehen, als es uns die Angst rät, dann sind wir zwar nicht bei V, aber weit über A hinaus.

Wolf Wetzel

Herausgeber und Autor des Buches: Aufstand in den Städten – Krise, Proteste, Strategien, Unrast Verlag, Münster 2012

Diesen Text gibt es auch als Veranstaltungsbeitrag – mit vielen Bildern.

 

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