Frankfurter Häuserkampf – Wie alles anfing

Wolf Wetzel

Die Geschichte des Blocks ist auch die Geschichte eines Frankfurter Stadtteils

Wie alles anfing – die „68er“ der Nichtwählbaren

Häuserkampf-BILD-ung

 

Ich will Ihnen mal erzählen, wie das damals gelaufen ist. Die Stadt wollte rund um die Hochhäuser möglichst viel Freiraum schaffen…. (Immobilienmakler und Investor Ignaz Bubis)

So beinhaltete mein Bauantrag, den ich ursprünglich eingereicht habe, 16 Geschosse an der Ecke Schumannstraße 69, 71, Ecke Bockenheimer Landstraße 111, 113, 115.

Dann kam das Stadtplanungsamt und sagte: Wissen Sie, wenn wir es schon hier machen, dann brauchen wir mehr Luft, paar Geschosse mehr; darauf kommt’s nicht an, wenn wir einmal bei 16 sind. Seien Sie so nett: Kaufen Sie doch dazu die Schumannstraße 61, 63, 65, 67, reißen Sie die ab. Wir können dann das Haus ein bißchen reinrutschen, das steht dann auf der 67.

Dann hat der Stadtplanungsausschuß eine Besichtigung gemacht und kam zu dem Ergebnis, ich solle auch gegenüberliegend die 62 und 64 erwerben, mit abreißen, damit dieses Haus so ein bißchen Freiraum kriegt. Und damit die Ausnutzung dann von diesen Häusern, die nicht bebaut werden, hier stimmt, käme ich auf 28 Geschosse. Dann habe ich angefangen, das dazuzuerwerben, und ich habe bis auf die 64 und 61 auch tatsächlich alles erworben …“ (Ignatz Bubis (Investor) in einem Streitgespräch mit Daniel Cohn-Bendit, 1985)

 

Besetzung

1971 wurde der Block besetzt. Er bestand aus der Bockenheimer Landstraße 111 bis 113 sowie der Schumannstraße 69 bis 71. Vier herrschaftliche, geräumige Häuser im Patrizierstil, denen die übliche Enge großzügig abging. Große Wohnungen, die für Wohngemeinschaften normalerweise unerschwinglich sind, nun aber ein idealer Ort für Wohngemeinschaften, für kollektives Leben wurden.

06-Block-Besetzer

Der Block entwickelt sich zum Herzstück des Häuserkampfes oder auch zur letzten Bastion. Das lag zum einen an dem Komplex, der vier Häuser umfasste und Platz für über hundert BewohnerInnen hatte. Genug Fläche, um neben Wohnraum auch Versammlungsräume, einen Kinderladen und ein Mieterzentrum einzurichten. Natürlich lag es auch an den illustren Gästen, die diesen Block bewohnten und später zur Stadtelite Frankfurts aufschlossen: Joschka Fischer (später Außenminister und BMW-Vertreter), Johny Klinke (Besitzer des Varietés Tigerpalast und des Café am Palmengarten), Wolfgang Scheffler (Besitzer der Batschkapp und des Nachtleben) wohnten dort bzw. gingen dort ein und aus. Und nicht zu vergessen jene, die später weder Familie gründeten, noch Karriere machten, sondern sich bewaffneten Gruppen anschlossen, wie Hans-Joachim Klein, der sich den Revolutionären Zellen (RZ) anschloss … und beim Überfall auf das OPEC-Gebäude in Wien 1975 schwer verletzt wurde.

Der Block handelte mit dem neuen Besitzer Ignatz Bubis einen Nutzungsvertrag aus, Mietverträge auf Zeit – bis der Investor die eingangs beschriebenen Schiebereien zu einem endgültigen Ergebnis gebracht hatte. Anfang 1974 war es dann so weit: Der Investor, die beteiligten Banken und die darin verwickelten städtischen Ämter hatten alles in trockenen Tüchern, die Abrissgenehmigungen wurden erteilt. Die Räumung des Blocks war also nur noch eine Frage der Zeit.

Bubis ist der Größte

Nachdem die SPD-Führung 1971 für kurze Zeit die Fassung verlor, die Räumungspolitik und den illegalen „Fünf-Finger-Plan“ mit der sogenannten Veränderungssperre aussetzte, besann sie sich ihrer alten und eingeübten Rolle und kehrte zur gewaltsamen Lösung zurück, die mit der Kettenhofweg-Räumung 1973 eingeläutet worden war. Nichts davon, was die Hausbesetzungen, die Proteste gegen städtische Wohn- und Stadtpolitik auslöste, wurde angegangen. Man hatte lediglich die Spitzen gekappt, ohne z. B. dem Verlangen nach bezahlbarem, billigem Wohnraum nachzukommen.

Das Wissen, dass sich die SPD weder der kapitalistischen Logik des Wohnungsmarktes entgegenstellen, noch den InvestorInnen und Banken im Weg stehen wollte, hat diese wohl dazu veranlasst, im Vorfeld der anstehenden Räumung eine Kommunale Zeitung herauszubringen, aus der einem bereits im Vorwort das schlechte Gewissen ins Gesicht sprang:

Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, im Bauprojekt Bockenheimer Landstraße/ Schumannstraße werde die Entscheidungsschlacht zwischen Stadtzerstörung kapitalistischer Prägung und der Forderung nach einer menschlichen Stadt geschlagen. Die Stadt Frankfurt möchte deshalb mit dieser ‚Kommunalen Zeitung‘ versuchen, auf die tatsächlichen Fakten hinzuweisen.“

Wie man den nicht mehr zu unterdrückenden Skandal bedauert und weiterhin den InvestorInnen die Hand gehalten hatte, zeigte ein anderer Schachzug der SPD-Regierung. Neben der drohenden gewaltsamen Lösung bot sie auch eine „weiche“, „integrative“ Lösung an – um den InvestorInnen Luft zu verschaffen und gleichzeitig lästigen Ärger vom Hals zu halten.

Die Wohnheim GmbH, eine städtische Transfergesellschaft, wurde gegründet. Hauseigentümer- und InvestorInnen, die (noch) keine Baubewilligungen hatten, konnten ihre besetzten Häuser durch die städtische Wohnheim-Gesellschaft verwalten lassen. Mehrere besetzte Häuser wurden auf diese Weise von der Wohnheim GmbH übernommen. Diese schloss zeitlich befristete Nutzungsverträge mit den BesetzerInnen ab, bis die „Leichen im Keller“ nicht mehr stanken – bis die Zeit wieder reif war, aus goldenem Boden Kapital zu schlagen.

Die Räumung

 

Parmesan und Partisan

Wo sind sie geblieben?

Parmesan und Partisan

Alles wird zerrieben

(Matthias Beltz)

 

Auch die Polizeiführung hatte aus der fehlgeschlagenen Räumung des Kettenhofwegs gelernt. Anstatt einen klaren Räumungstermin festzulegen, wurden wochenlang Gerüchte gestreut und gezielt lanciert. Man wusste, dass der Block nicht freiwillig aufgegeben werden würde, sondern militant verteidigt werden sollte. Wie bereits im Kettenhofweg wurde der Block solide verbarrikadiert und eine Alarmkette eingerichtet, um so innerhalb kürzester Zeit Tausende von Menschen auf die Straße zu bringen.

Um die Pläne der BesetzerInnen zu durchkreuzen, wurde kaum etwas ausgelassen: Telefone wurden überwacht, Spitzel in den Block eingeschleust, die die Verteidigungsmaßnahmen auskundschaften sollten und gleichzeitig Gerüchte streuten. Parallel dazu wurden Maßnahmen ergriffen, die Mafia-Niveau hatten: Einige Wochen vor dem eigentlichen Räumungstermin wurden immer wieder Scheinangriffe unternommen: Mitten in der Nacht fuhren Hundertschaften der Polizei vor den Block, begleitet von mobilen Lichtbatterien, die den gesamten Komplex ausleuchteten und in eine gespenstische Szenerie verwandelten. Plötzlich war es taghell. Schreie, Kommandos, Befehle waren zu hören. Die BesetzerInnen lösten die Alarmkette aus, rissen Hunderte, Tausende aus dem Schlaf – umsonst. Bevor sich alle den Schlaf aus den Augen gerieben hatten, wurden die Hundertschaften abgezogen. Zurück blieb ein böser Traum. „Nach 30 Minuten ist der Spuk vorbei. Wieder Totenstille. Von nun an wird jede Nacht dieses Gespensterstück aufgeführt, dem wir hilflos ausgesetzt sind. Jede Nacht werden wir aus den Schlaf gerissen, werden beschimpft, wird uns das Zimmer ausgeleuchtet.“

Dieses Szenario wiederholte sich mehrere Male, bis die BesetzerInnen und UnterstützerInnen es leid waren und jede weitere Räumungsdrohung für eine Finte hielten. Man blieb im Bett und glaubte an gar nichts mehr. Damit waren die SPD und die Polizeiführung an ihrem Ziel. Die tatsächliche Räumung konnte in die Tat umgesetzt werden. Auch in der Nacht zum 21. Februar 1974 deutete alles auf eine weitere Scheinräumung hin:

„Gegen halb drei Uhr morgens ziehen die Einsatzwagen scheinbar erfolglos ab, um zwei Stunden später mit Wasserwerfern, Materialfahrzeugen mit Schweißgeräten, Motorsägen und Kompressoren sowie Spezialwagen mit Flutlichtmasten wiederzukehren. Die Häuser werden von helm- und schilderbewehrten Mannschaften vor herbeieilenden Unterstützer/innen abgesperrt, andere Beamte stürmen mit Leitern und Motorsägen die verbarrikadierten Wohnungen, zerschlagen das gesamte Mobiliar und nehmen alle Besetzer/innen fest.“

Die BesetzerInnen wurden in Gefangenenwagen abtransportiert, und das auf Abruf bereitstehende Abrissunternehmen fuhr vor, um die Häuser noch im Morgengrauen in Schutt und Asche zu legen.

Block-Räumung 1974

Den ganzen Tag über blieb das Westend eine Polizeihochburg. Das Areal wurde weiträumig abgesperrt, der öffentliche Verkehr eingestellt. Im Schutz von Hundertschaften sollte sofort mit dem Abriss der vier Häuser begonnen werden. Um 17 Uhr waren alle Häuser „umgelegt“. Nur noch Ruinen ragten aus den Bergen von Steinen heraus, während Hundertschaften der Polizei diese Mondlandschaft mit Absperrgittern und bewaffneten BeamtInnen sicherten.

Die Meldung verbreitete sich schnell. Auch wenn niemand so wirklich an eine erfolgreiche Verteidigung glaubte, so war diese Nachricht für die meisten niederschmetternd. Zwei Tage später, am 23. Februar 1974, fand eine große Demonstration statt, in deren Mittelpunkt die gewaltsame Räumung des Blocks stand. Über 6.000 DemonstrantInnen kamen zusammen. Was normalerweise gewohnt laut und lärmend vonstatten ging, war dieses Mal auffallend ruhig. Die Gesichter sahen müde aus, der Gang vieler wirkte schleppend. Fast könnte man von einem Trauermarsch reden. Schwarze Fahnen flatterten zerschlissen im Wind, nur das „A“ im Kreis irritierte diesen Eindruck. Die Sprachlosigkeit war überall zu spüren, die Frage: „Wie kann, wie muss es weitergehen?“, konnte niemand beantworten.

Als die Spitze des Demonstrationszuges den Block erreichte, änderte sich die Stimmung schlagartig. Wütende Rufe waren zu hören, Parolen tauchten aus der Versenkung auf, die Niedergeschlagenheit machte der Wut Platz. Als könnte der Trümmerhaufen noch einmal zum Leben erwecket werden, sicherten Polizeiketten die Ruinen. Ein groteskes, aberwitziges Bild. Hunderte, Tausende scherten aus und stürmten auf die postierten Polizeibeamten. In Sekundenschnelle verwandelte sich der Trauermarsch in eine tobende Menge. Als wüssten die Polizisten selbst nicht, was sie schützen sollten, rannten sie davon. Dass diese Provokation keiner Gedankenlosigkeit, sondern einem Plan geschuldet war, konnte man wenige Minuten später erleben. Wie aus dem Nichts, in Seitenstraßen lauernd, tauchten mehrere Polizeihundertschaften auf und griffen die gesamte Demonstration an. Dabei gingen sie mit ungeheuerer Brutalität vor. An diesem Tag waren besonders viele zivile Greiftrupps unterwegs: „Ich ging am Samstag, spätnachmittags, zusammen mit einem anderen Passanten auf der Robert-Mayer-Straße. Plötzlich kamen zwei Zivilautos auf uns zu, zwei Männer in Zivil sprangen auf den anderen Passanten zu und schlugen ihn zusammen und schleiften ihn über den Boden in das hellblaue Auto.

Diese Brutalität hörte selbst dann nicht auf, als DemonstrantInnen festgenommen wurden. Der Terror ging im Gewahrsam weiter. Bei Verhören, bei Versuchen, Aussagen zu erpressen, wurden Gefangene derart misshandelt, dass man von Folter sprechen muss:

„Sie fragten, woher ich den Schutzhelm habe. Dann schlugen sie mir den Helm auf die Nase […] Die Nase begann zu bluten. Ein Polizist: ‚Er blutet ab‘. Ein anderer: ‚Willst du den Dreck liegenlassen?‘. Dabei sah ich im Nebenzimmer, wie H.H. aufgefordert wurde, sein Blut aufzulecken, und man sein Gesicht auf den Boden drückte. Dann mußte ich mit einem Lappen das Blut vom Boden aufwischen.“

(…)

Früchte des Zorns?

Zweifellos markiert der Kampf um den Block, die gewaltsame Räumung, den Wendepunkt im Frankfurter Häuserkampf. Die Bewegung hatte sich ein Symbol geschaffen, hatte vieles auf die Verteidigung der besetzten Häuser in der Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße konzentriert und musste verlieren. Die Stärke einer Bewegung – kein Zentrum, keinen Kopf zu haben – ging verloren. Man grub sich ein, legte sich fest, schaffte einen statischen Zustand, anstatt in Bewegung zu bleiben.

Wir wollen alles“ – damit war die Bewegung angetreten, und meinte damit mehr als Protest gegen eine verfehlte Wohn- und Stadtpolitik, für günstigen Wohnraum und tolerante VermieterInnen. Gemessen daran, ist sie gescheitert. Gemessen daran, was 1970 viele für unmöglich, unvorstellbar hielten, waren es wertvolle Erfahrungen, fantastische zwei, drei Jahre, die viele Beteiligte verändert, viele Unbeteiligte beeinflusst und geprägt haben. Zweifellos ist es ihr gelungen, Stadtgeschichte zu schreiben, tatsächlich Einfluss zu nehmen, in die Hoheitssphäre der politischen Klasse einzudringen, ihre Pläne zu durchkreuzen. Der „Fünf-Finger-Plan“ musste eingestampft werden. Die Fragen, wie man in der Stadt leben will, was Leben ausmacht und wer darüber bestimmt, waren nicht länger Experten-, Stadtplaner-, Kapital- und Anlegerfragen.

Insgesamt 24 Häuser, die für neue Hochhäuser abgerissen werden sollten, sind als Wohnhäuser erhalten geblieben. Über ein Jahrzehnt blieb das Areal Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße eine Mondlandschaft – ein Wahrzeichen der SPD-Stadtregierung, die die Räumung, den Abriss der Häuser damit begründete, dass sofort mit dem Neubau begonnen werden würde. Eine glatte Lüge.

Die Frage, warum sich diese Bewegung nach zwei, drei Jahren erschöpft hatte, warum sie gescheitert war, ob eine Bewegung immer ihr Ende in sich trägt, wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

 

The westend-story never ends ….

Ganze elf Jahre tat sich auf dem Gelände Bockenheimer Landstraße/Schumannstraße nichts … oder doch – hinter den Kulissen: Die informellen Zusagen gegenüber dem Investor Bubis mussten in langen Verhandlungen in ein lukratives und ebenso rentables Geschäft transformiert werden. Die Gefahr, dass sich diese informellen Zusagen als rechtswidrig erweisen, war für beide Seiten zu groß. Zum anderen durchkreuzte die zweite Hausbesetzerwelle Anfang der achtziger Jahre ein weiteres Mal die Pläne von InvestorInnen und ganz besonders die Absichten vieler StadtplanerInnen, zur Politik „as usual“ zurückzukehren. Noch einmal hieß es, Füße stillhalten, kein Salz in eitrige Wunden streuen.

Erst elf Jahre später, im Frühling dieses Jahres, erschienen Bauarbeiter und richteten die derzeit größte Baustelle der Stadt ein. Statt der 28 Geschosse, die Bubis für den Bauplatz einmal genehmigt worden waren, entstehen nur noch sechs Etagen.

Bockenheimer-Schummannstraße-Netz

 

Auszug aus dem Buch:

WIR WOLLEN ALLES – der Beginn einer Bewegung

Häuserkampf Teil I (1970-1985),Wolf Wetzel, Band 21,

Bibliothek des Widerstandes, LAIKA- Verlag,2012

Hamburg 2012,  ISBN: 978-3-942281-05-8


 

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3 Antworten to “Frankfurter Häuserkampf – Wie alles anfing”

  1. Bockenheimer 111 | Orte der Revolte Says:

    […] Siehe der Text und die Publikationshinweise von Wolf Wetzel im Netz zum Häuserkampf. […]


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