Buchvorstellung: Aufstand in den Städten – Krise, Proteste, Strategien, 2012

Nachdem der Urlaub vorbei ist, möchte ich zu einer Reise durch die Bewegungen der letzten Jahre und durch die Theoriegeschichte der zurückliegenden dreißig Jahre einladen:

Krise, Proteste, Strategien

Waren die Unruhen in den Banlieues in Frankreich, in Tottenham/England 2011 Vorboten einer aufständischen Epoche, die das Diktat aus Kapitalismus, Erschöpfung und Alternativlosigkeit aufzukündigen begann?
Zu Beginn der schwersten Krise des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg war der Protest noch marginal. Das änderte sich 2011 gewaltig: Was jahrelang ein randständiges Dasein fristete, erfasste die Zentren der europäischen Metropolen. Der Widerwille, die Verhältnisse hinzunehmen, bewegt sich vom Rand in Richtung Zentrum.
In Spanien erobern Hunderttausende die Straße zurück, besetzen Plätze und geben den Nicht-Repräsentierten, den Namenlosen eine Stimme: los indignados. In den USA entstand eine ähnliche Bewegung, von occupy wallstreet bis occupy-oakland…
Bei aller Unterschiedlichkeit eint sie die Ablehnung aller politischen Parteien und aller (sozialpartnerschaftlicher) Gewerkschaften sowie die Suche nach neue Formen der Selbstbestimmung. Der Kritik an der Delegation von Macht folgen erste Ansätze direkter Demokratie: Die Einrichtung von Versammlungen, von horizontalen Strukturen.

Die erste Begeisterung, der Sommer des Ausnahmezustandes ist vorbei.

Viele besetzte öffentliche Plätze wurden geräumt, in Spanien wie in den USA. Finden sich die Bewegungen neu? 2012 gingen alleine in Spanien wieder Hunderttausende auf die Strasse (15-M). Dennoch wäre die Annahme falsch, dass die Millionen von Menschen, die in Europa auf die Strasse gehen, die Hoffnungen aufgegeben haben, eine bessere, gerechte(re) Politik könne einen gebändigten Kapitalismus zum Diener aller machen. Noch gehen Millionen genau deshalb zu Wahlen, wie in Frankreich, wo die neue „sozialistische“ Regierung unter  François Hollande genau dies verspricht…

Tatsache ist leider auch, dass der Trilathon aus Rettung von Milliarden-Unternehmen, Verstaatlichung privat-kapitalistischer Schulden und deren Vergesellschaftung ungebremst weitergeht. Nichts scheint die Regierenden aufzuhalten, die Krise des Ein-Prozent auf den Rest der Bevölkerung abzuwälzen. So hat die „neue“ spanische Regierung angekündigt, in den nächsten Jahren weitere 100 Milliarden Euro aus denen herauspressen, die nichts mit der Krise zu tun haben und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob sich eine „sozialistische“ oder konservative Regierung an der Macht wähnt.

Haben die Bewegungen nur einen Winterschlaf gemacht?
Viele hat der Alltag wieder eingeholt, aber auch die Schwierigkeit einer jeder Bewegung, jeder Opposition: Wie will und kann man dafür sorgen, dass das, was man nicht länger will, auch nicht länger geschieht?

Der zweite Frühling, gar ein heißer Herbst werden keine Wiederholung sein (können).
Was zu Beginn einer jeden Bewegungen sympathisch und verlockend ist, die Offenheit, die vielen Fragen, der Basar an Alternativen, der bunte Strauss an Ideen wirkt auf Dauer ermüdend, beliebig und orientierungslos. Haben zu Beginn die Massen die Bewegung geprägt und getragen, so werden es jetzt die Entscheidungen sein.

Die Bewegungen, die vor ihrem ›zweiten Frühling‹ stehen, sind jung. Die Fragen, mit denen sie konfrontiert sind, sind alt.

Will man einen gerechten, gebändigten Kapitalismus? Gibt es diesen ‚besseren‘ Kapitalismus überhaupt? Und wenn man einen ‚menschlichen‘ Kapitalismus für eine Illusion hält: Wie soll die Gesellschaft aussehen, funktionieren, ohne bzw. jenseits des Kapitalismus?
Muss es jetzt um die kleinen Schritte gehen oder um eine Utopie, die so konkret, so packend ist, dass die kleinen Schritte nicht beliebig werden, sondern in eine Richtung weisen?

Dorthin möchte das Buch im Weiteren führen. Vieles, was den Kapitalismus überwinden wollte, ist in den letzten Jahrzehnten versucht worden. Viele Utopien von einem befreiten, herrschaftslosen Leben haben Brandflecken. Lässt sich dem Scheitern (sozialistischer Staaten/revolutionärer Bewegungen) etwas Positives abringen? Gibt es Analysen, die nicht nur das Scheitern erklären, sondern auch neue Horizonte öffnen?
Dazu wagt das Buch einen ungewöhnlichen Brückenschlag: Zwischen den Gedanken und Überlegungen des dissidenten Marxisten John Holloway in Mexiko und den anarchistischen, militanten Überlegungen des ‚Unsichtbaren Komitees‘ in Frankreich.
Gelänge dies, könnte eine Versöhnung zwischen militanter Praxis und praktischer Theorie, zwischen blankem Subjektivismus und subjektlosem Objektivismus, zwischen antagonistischer Tagespolitik und radikaler Utopie, zwischen Erkenntnistheorie und Alltagserfahrungen gelingen…

aus dem Inhalt:

Teil I
Wolf Wetzel: Die Krise vor der Finanzkrise 2008ff – das vergeigte erste Jahrzehnt im 21. Jahrhundert

Teil II

Wolf Wetzel: Friede den Hütten – Krieg den Palästen – Vor der Georg-Büchner-Initiative 2010 bis zu den Notroika-Aktionen im Mai 2012 in Frankfurt

Anja Steidinger: Spanien: No nos representan!

Mathias Wåg: Italien: Centri Sociali und Stadtkämpfe

Bernhard Schmid: Frankreich: Die Unruhen in den Banlieues – Vorboten einer Revolte?

Gerrit Hoekman: England: Die Riots in Tottenham/England 2011 – Zwischen falschen Projektionen und miesen Lebensverhältnissen

Gabriel Kuhn/Randall Amster: USA: Occupy Wall Street

Wolf Wetzel: Griechenland: Zwischen Protektoratsansprüchen und Revolutionsfantasien

Teil III

Wolf Wetzel: Von der Negation zur konkreten Utopie … ist es ein langer Weg

Wolf Wetzel: Neue Horizonte (John Holloway/Mexico) – Open eyes – open marxism

Wolf Wetzel: Der Post-Operaismus von Hardt/Negri – ein Come Back geschichts-teologischer Gewissheiten

Wolf Wetzel: Vom Hauptwiderspruch zu vagen Konsequenzen

Wolf Wetzel: Der kommende Aufstand … Geht die Anleitung zur Revolte auf?

Aufstand in den Städten – Krise, Proteste, Strategien, Hg. Wolf Wetzel, Unrast Verlag, Münster Juli 2012,

ISBN  978-3-89771-522-6

Das Vorwort zu diesem Buch und weitere, ergänzende Texte finden sich hier: https://wolfwetzel.wordpress.com/category/02-bucher/aufstand-in-den-stadten-krise-proteste-strategien/

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Eine Antwort to “Buchvorstellung: Aufstand in den Städten – Krise, Proteste, Strategien, 2012”

  1. Buchfanista Says:

    Besten Dank für deine tolle Rezension.


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