Der Häuserkampf und der Kommissar

Der Häuserkampf und der Kommissar

 

Freiburg – Ausgangslage:

1980 stürmten etwa 2.000 PolizeibeamtInnen das besetzte Dreisameck-Gelände und vertrieben die über 200 BewohnerInnen. Nicht viel später wurde das Gelände dem Erdboden gleichgemacht – mehrere Wohnhäuser sollten lukrativeren Verwertungsmöglichkeiten Platz machen. Anstatt die Proteste im Keim erstickt zu haben, solidarisierten sich immer mehr Menschen mit den HausbesetzerInnen. Über 10.000 Menschen protestierten gegen den Abriss des Dreisamecks und gegen wachsende Repression. Kurz darauf wurde der Schwarzwaldhof besetzt. Die beschauliche Wohlfühlstadt geriet in Aufruhr. Aus Freiburg wurde Polizeiburg, ein Belagerungszustand.

Wie jede andere Stadtregierung auch, las man den InvestorInnen alle Wünsche von den Lippen ab. Wohnhäuser wurden abgerissen, um Platz für Einkaufsparadiese, Hotels, Geschäftszentren oder Versicherungspaläste zu schaffen, die noch mehr Rendite abwarfen als Mieteinnahmen. Das Ergebnis dieser Politik war weder überraschend noch zufällig: Bezahlbare Wohnungen wurden immer knapper und die selbst induzierte Wohnungsnot trieb die Mieten noch zusätzlich in die Höhe. Genauso fehlten öffentliche Einrichtungen, wie Jugendzentren und Kulturangebote, die den Zutritt nicht über Geld bestimmten, sondern nach den Bedürfnissen der Jugendlichen.

Nachdem das Problem nicht mehr zu leugnen war, entdeckten auch die Stadtherren ein Wohnungsproblem. Während die Stadtherren also Problembewusstsein zeigten und ankündigten, ihre Stadt- und Wohnungspolitik zu überdenken, machte sich die Polizeiführung ganz andere Sorgen. Nach dem Motto „Auch wir können euch das Leben schwermachen“ wurden Schaufensterscheiben der edlen Einkaufsmeile eingeschlagen, Immobilien- und Parteibüros attackiert – eine von vielen Antworten auf gewalttätige Polizeieinsätze und eine sich dumm stellende Stadtregierung.

Auch für das Problem, dass das Leben immer teurerer wurde, fand man eine Lösung. Dazu zählte das „organisierte Einkaufen“, dessen Ablauf ein verdeckter Ermittler so beschrieb:

40 Leute stürmen in ein Kaufhaus, die Hälfte davon auf Rollschuhen; die Rollschuhfahrer machen ein Riesentheater, produzieren Krach mit Trommeln, Radios, Trompeten und Blechdosen. Die Krachmacher erwecken die Aufmerksamkeit der Kunden. Während sie also mit ihren Rollschuhen um die Stände rumdüsen, kommt eine zweite Klientel, ohne Rollschuhe, und räumt die Regale ab, stopft das Diebesgut in Tüten und dann verlässt der ganze 40-Mann-Tross den Laden. So hat man eingekauft.“[1]

All das machte nicht nur der Polizeiführung vor Ort Sorgen. Das Landeskriminalamt (LKA) schaltete sich ein und befand, dass es an der Zeit ist, das Problem ganz von seiner kriminalistischen Seite anzugehen. Man entschloss sich, eine Sonderkommission (SOKO) einzurichten, die in drei Abschnitte untergliedert war. Gespart werden musste nicht, man schöpfte aus den Vollen: Insgesamt sechzig BeamtInnen wurden für diese Operation abgestellt. Zum Leiter des Abschnittes „Organisation, Logistik und Technik“ wurde der Kriminaloberkommissar Rolf Schlotterer aus dem Dezernat Linksterrorismus im LKA ernannt. Zu seinen Aufgabenbereichen zählte auch die Auswertung „verdeckter Maßnahmen“, wie z. B. die Observationen verdeckter ErmittlerInnen oder Telefonüberwachungen.

 

Der Auftrag:

Damit das Landeskriminalamt überhaupt tätig werden kann, braucht es eine besondere Gefahrenlage. Die war schnell geschaffen und katalogisiert:

1. Bei den vielen Delikten rund um die Hausbesetzerbewegung handelt es sich um politisch motivierte Straftaten.

2. Diese Delikte werden nicht spontan und unorganisiert begangen, sondern vorbereitet und in fest organisierten Gruppen verübt, was auf eine „kriminelle Vereinigung“ schließen lässt.

3. All das gefährdet die Bundesrepublik Deutschland und muss mit allen Mitteln verhindert werden, wozu der § 129 (Bildung einer kriminellen Vereinigung) genau die richtige Waffe ist: Mit ihr darf man alles, Post öffnen und Telefone abhören, offene und verdeckte Observationen durchführen, nachrichtentechnische Mittel einsetzen, wie Wanzen, Peilsender, kurzum Lauschangriffe jeder Art.

Mit dem Auftrag, Ermittlungen wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung nach § 129 einzuleiten, wird die SOKO in Marsch gesetzt.

 

Die Kommandozentrale:

Ein solcher Auftrag gebietet es, nicht von der Landeshauptstadt aus zu operieren, sondern vor Ort. Kriminaloberkommissar Rolf Schlotterer wurde mit Sondervollmachten ausgestattet und damit beauftragt, in Freiburg ein geeignetes Objekt zu finden, wo sechzig LKA-BeamtInnen untergebracht werden konnten. An das Objekt wurden hohe Anforderungen gestellt: Es sollte schwer auszuspähen sein, sich in ruhiger Lage befinden und von einer Nachbarschaft umgeben sein, die nicht misstrauisch wird, wenn dort plötzlich sechzig Männer und Frauen im Alter von 20 bis 45 Jahren einziehen, die auch zu Unzeiten ein- und ausgehen. Da Geld keine Rolle spielte, wurde Rolf Schlotterer schnell fündig: Er entschied sich für eine ansehnliche, große Villa in Wiehre, in einem gehobenen Stadtteil Freiburgs, für deren BewohnerInnen die Adjektive gutbürgerlich und konservativ noch einen unschuldig-guten Klang haben. Nachdem alles technische Gerät installiert war, alle LKA-BeamtInnen nach und nach ihr neues Quartier bezogen hatten, begann man mit der Arbeit.

 

Die Ausspäharbeiten:

Zu den vielen abgehörten Telefonanschlüssen gehörten nicht nur Privatwohnungen von „Verdächtigen“, sondern auch Kneipen, die von der Hausbesetzerszene frequentiert wurden und der Polizei als Treffpunkte bekannt waren – wie z. B. das Gasthaus Reichsadler, das in der Szene, ganz unpatriotisch nur, „Geier“ genannt wurde. Stunden verbrachte Rolf Schlotterer damit, diese Telefonate abzuhören, ihnen etwas Verwertbares abzutrotzen. Das war nicht leicht, denn die meisten Gespräche schienen ihm nicht nur belanglos zu sein. Rolf Schlotterer war zudem felsenfest davon überzeugt, dass die Gesprächspartner „Decknamen“ benutzten. Was also tun, wenn man zwar die Stimmen aus dem Effeff kannte, aber diese weder einem Gesicht, geschweige denn einem Namen zuordnen konnte? Man geht in die Höhle des Löwen bzw. des Reichsadlers. Was sich andere KollegInnen nie zuvor getraut hatten, tat jener LKA-Beamte eines Abends, unerschrocken und ganz alleine. Da er inkognito arbeitete, der Szene nicht bekannt war, wollte er es einmal allen zeigen. Mitte dreißig, zivil und extrem locker gekleidet, betrat er den Reichsadler … und wurde sofort als Polizeispitzel angesprochen. Das war gemein und nicht geplant. Es wurde laut in der Kneipe, alle drehten sich nach ihm um. Man löcherte ihn, man bedrängte ihn, und er stellte sich dumm. Er wolle nur in Ruhe ein Bier trinken, war seine einzige Antwort, die nicht besonders originell war. Mit vier Bier intus und todlangweiligen Geschichten über die Strickerei, die seine ZuhörerInnen für so abgedreht gehalten haben müssen, dass sie diese nicht einmal einem Bullen zutrauten, kam er unbehelligt wieder aus der Kneipe – erkenntnislos: Nicht eine einzige Stimme konnte er zuordnen.

Doch der LKA-Mann ließ sich nicht entmutigen und arbeitete an seinem Outfit, nachdem seine Assistentin auf die blendende Idee kam, ihn für den nächsten Einsatz „ein bisschen zu stylen“. Ursprünglich sollte er als Punker durchgehen, doch der Plan wurde aufgrund seiner Statur und seines Vollbartes schnell verworfen. Also kam Schminke und Haar-Gel zum Einsatz, in der Annahme, dass er nun „szeneangepasst“ wäre. Dermaßen getarnt mischte er sich unter die DemonstrantInnen, in der Hoffnung, mehr als beim Lauschen von Telefonaten herauszubekommen. Doch auch dieser Ausflug war nicht von langer Dauer und noch weniger von Erfolg gekrönt. Ein Demonstrant heftete sich sofort an seine Fersen, musterte ihn unentwegt und wich nicht von seiner Seite. Nachdem der Demonstrant von seiner Beschattung die Nase voll hatte, ließ er seinen Beschatter trocken wissen: „Steht Ihnen aber gut, was Sie da anhaben.“ Rolf Schlotterer hatte genug von dieser Ironie, witterte in dieser Anspielung seine baldige Enttarnung und verließ ganz schnell die Demonstration. Er hatte recht mit dieser Annahme: Der Demonstrant kannte den Kriminaloberkommissar von einer Vernehmung.

 

Falsche Befehle und gefüllte Krapfen

Bekanntlich hört irgendwo der Spaß auf, spätestens dann, wenn man Freund und Feind nicht mehr unterscheiden kann, wenn sich der Gegner genau der Methoden bedient, die man ihm voraus zu haben glaubt. Für gewöhnlich ist das Abhören von Telefonaten die Domäne von Polizei und Staatsschutz. Nicht immer. Während Staatsschutzbehörden meist ihre Gespräche verschlüsselten, musste die Polizei noch mit unverschlüsseltem Funkverkehr vorliebnehmen. Das wussten alle, auch die Hausbesetzerbewegung in Freiburg. Man besorgte sich Scanner, die die Frequenzen der Polizei abtasten konnten und blieb so auf dem Laufenden. Doch damit nicht genug. Es wurden Einsatzbefehle der Polizeiführung gesammelt, die mittels geklauter Funkgeräte ins aktuelle Geschehen eingespielt wurden. Zum Beispiel diesen: „1.1. an alle: Ziehen sie sich bis zur Straße X zurück.“, ein Befehl, der ein paar Wochen zuvor aufgenommen wurde. Das führte zu ungewollten Bewegungen und Freiräumen … und zu der grotesken Situation, dass ein „Polizeiführer seinen eigenen Befehl zurücknehmen musste: ‚Mein Befehl von vorhin ist gefälscht, der Befehl, den ich jetzt gebe, ist richtig!‘“ Wem sollte man da noch glauben?

Nicht nur der Glaube ans gesprochene Wort wurde unterminiert, auch ein Berliner war nicht mehr das, was er einst mal war. Eine Hundertschaft der Polizei machte gerade Pause, als ein Taxi vorfuhr und den ausgehungerten Einsatzkräften eine große Schachtel mit Berlinern übergab. Die BeamtInnen bedankten sich herzlich, schließlich sind sie von ihrer Zentrale so viel Fürsorge nicht gewohnt. Mit Heißhunger bissen die fröhlichen BeamtInnen in den Krapfen, der normalerweise mit Marmelade oder Schokolade gefüllt ist. Dieses Mal nicht: Das mehr oder weniger flüssige Innenleben bestand aus Scheiße.

 

Das Ergebnis:

Monatelang observierten, lauschten, infiltrierten, ermittelten sechzig LKA-BeamtInnen die Freiburger Häuserkampfszene oder was sie dafür hielten. Methoden und Geld spielten dabei keine Rolle. Doch es nutzte alles nicht: „Im Endeffekt konnten wir nicht nachweisen, dass im Zusammenhang mit den Freiburger Häuserbesetzern eine kriminelle Vereinigung existierte.

 

… und die Moral der Geschichte

Auch dreißig Jahre nach seinem Einsatz in Freiburg lässt sich der Kriminaloberkommissar Rolf Schlotterer von der Wirklichkeit nicht blenden: Unbeirrt ist er davon überzeugt, dass der besetzte Schwarzwaldhof ein „Herd der Kriminalität“ war, der Buchladen Jos Fritz in Wahrheit „Kommandozentrale und Kommunikationszentrum der Hausbesetzer“ zugleich beherbergte, die Medienwerkstatt über eine so perfekte Schnitttechnik verfügte, dass sie in ihren Dokumentationen den Eindruck entstehen lassen konnte, „als ob die Aggression allein von der Polizei ausginge und nicht von den Demonstranten“. Man kann den ungeheuren Schmerz erahnen, wenn er hinzufügt, dass ausgerechnet einer von denen, die dort aktiv waren, „heute ein renommierter Regisseur (ist): Pepe Danquart“. Trotz alledem: Kriminaloberkommissar Rolf Schlotterer hat einen großen Kampf geführt, bis heute, gegen einen Feind, für den alles „Zielscheibe war […], was zum Kapitalismus zählte: Banken, Geschäfte, Häuser von Leuten, die sich kritisch geäußert haben, aber auch Polizeiposten, sofern man da rangekommen ist.“

 

Das Leben geht weiter … nach oben

Auch aus dem Kriminaloberkommissar ist noch etwas geworden: Rolf Schlotterer ist heute Kriminaldirektor in Sachsen. Zurzeit ist er als Polizeiexperte und Berater im Auftrag der Europäischen Kommission in Rumänien tätig und ist vor Ort verantwortlicher Manager eines Projektes zur Korruptionsbekämpfung. Kein Zweifel, wer im Sachsensumpf Kriminaldirektor geworden ist, versteht etwas von Korruption, versteht etwas vom Geschäft.

 

Wolf Wetzel

Auszug aus dem Buch: ›Wir wollen alles – der Beginn einer Bewegung‹ Häuserkampf I (1970-1985)

Bibliothek des Widerstands, Band 21, LAIKA-Verlag, Hamburg, S. 159 – 168

 

 


[1] Dieser Text beruht auf einem Bericht des ehemaligen LKA-Beamten Rolf Schlotterer, der sich im „Stadtgespräch“ mit einer Internetzeitung aus Freiburg erinnerte: „Schwarzwaldhof 81: Ein Kommissar erinnert sich.“ http://fudder.de/artikel/2007/11/15/schwarzwaldhof-1981-ein-kommissar-erinnert-sich.

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2 Antworten to “Der Häuserkampf und der Kommissar”

  1. Nemesis Says:

    Ich habe das Buch heute geschenkt bekommen und freue mich schon total darauf, es in den nächsten Tagen zu lesen. Bei der Geschichte vom Kommissar sind mir auch ein paar lustige Anekdoten eingefallen. Als ich 93 in Hamburg „festsaß“, d. h. mangels Mitfahrgelegenheit nicht fort kam, zum Trampen war es mir zu kalt und zu regnerisch und dann erfuhr ich, dass meine Ratte und mein Hund erkrankt waren, die jeweils bei unterschiedlichen Personen untergebracht waren. Ich wohnte in der „Jäpa“, wo bekanntermaßen die Telefone abgehört wurden und telefonierte ständig und dachte mir, dass die Abhörer_Innen sicher nicht glauben, dass jemand so viele kranke Tiere zur gleichen Zeit hat, die Namen meiner Tiere Codenamen hielten und verzweifelt zu entschlüsseln versuchten, worum es ging. Oder eine Freudin, die in der Hafenstraße weilte und am Morgen (es hatte über Nacht geschneit), vom Geräusch der Schneeräumfahrzeuge wach wurde, die sie für Panzer hielt. Ihr erster Gedanke war:“Scheiße, jetzt haben sie die Bundeswehr geholt.“ Gäbe es so was wie die Hafenstraße heute, würde der Einsatz der Bundeswehr im Innern bestimmt ganz schnell durchgesetzt und sie würden tatsächlich mit Panzern kommen.

  2. Wolf Wetzel Says:

    Hallo Nemesis,

    ich hoffe, Du stößst noch auf andere Parallelitäten und Anstöße, in deiner Geschichte zu graben. Deine Eindrücke sind wirklich verrückt, aber sie waren ja nicht so weit von der Realität entfernt. Ich fand die Geschichte aus Freiburg auch deshalb so eindrucksvoll, weil, hätte man sie damals so erzählt, für komplett durchgeknallt gehalten hätte.Zur Hafenstrasse, die du erwähnst, wird es in zweiten Band, eine ebenso unglaubliche Geschichte geben. Also viel Spass über Weihnachten und melde dich danach noch einmal.


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