Bewegungslehre

Bewegungslehre

Fesseln spürt, der sich bewegt…

Bewegungslehre heißt zu aller erst, dass wir nicht das ganz Andere, das Neue, der letzte Schrei sind. Bewegungslehre heißt, all die vielen , die vor uns waren, in Erinnerung zu behalten, in Erinnerung zu rufen. Bewegungslehre heißt, Geschichte nicht daran zu messen, ob ihre ProtagonistInnen gescheitert sind, sondern, ob sie uns wertvolle Erfahrungen mitgeben können. Bewegungslehre ist also immer auch so etwas wie ein kollektives Gedächtnis.


Dieser Beitrag wurde für antifaschistische Gruppen geschrieben und orientiert sich thematisch an den Ereignissen in Dresden 2010/11. Wenn diese Thesen Grundsätzliches in den Mittelpunkt stellen, sollten sie auf alle aktuelle Bewegungen übertragbar sein…


1. Eine Bewegung entsteht , indem sie sich vom Gestern nicht beeindrucken, nicht einschüchtern lässt, nichts darauf gibt, dass das Gestern so war und  das Heute fest im Griff hat. Eine Bewegung schert sich ebenso wenig um das Morgen, das das heute Mögliche entmutigen, das Hier und Jetzt bestrafen könnte. Die Stärke einer Bewegung, dem Un-Gesetzten zu folgen und nicht dem Fatalismus der Gesetzmäßigkeiten, die Weigerung, realistisch zu sein, ist ihre Stärke … und ihre Schwäche zugleich.
Mit der Parole ›Seid realistisch, fordert ,das unmögliche‹ muss man losrennen, gegen die Schwerkraft der Geschichte, mit einer gehörigen Portion Naivität, die nicht wissen will, was alles nicht geht, was alles schon versucht, gescheitert ist….
Nur so war ›Dresden 2010‹ möglich – gegen alle, die behaupteten, dass man überall einen Neonazi-Aufmarsch verhindern könne, nur nicht in Dresden.

2. Eine Bewegung hat ihr Zentrum nicht in der Spitze, sondern in der Mitte, die ständig neu bestimmt, ständig in Bewegung bleiben muss. Deshalb ist ein Bündniskonsens kein Grabstein, sondern eine schwimmende Boje, ihr aktueller Gravitationspunkt.

3. Die notwendige Breite einer Bewegung schließt die genaue Kenntlichmachung ihrer unterschiedlichen Positionen nicht aus, sondern hält sie in Bewegung.

4. Antifaschistische Bündnisse werden zurecht als kleinster gemeinsamer Nenner bezeichnet. Man schmiedet, man rettet ein solches Bündnis nicht, indem man die Unterschiede übergeht bzw. verschweigt. Im Gegenteil: Ein Bündnis ist der richtige Ort, politische Unterschiede aus der Nähe streitbar zu machen – ohne Denunziation. Wer einmal im Jahr AntifaschistIn ist, an unserer Seite steht, kann 364 Tage im Jahr unser Gegner (wie z.B. die SPD der Sarrazins, der ›Agenda 2010‹, der ›gerechten‹ Kriege) sein. Weil wir alle das wissen, weil wir damit nicht zu viel verraten, sollten wir damit offen und nicht hinterrücks umgehen.

5. Wie viel Antifaschismus darf‘s denn sein? Wie fett hätten wir‘s gern? Wollen wir mehr, als Neonazis verjagen, ihnen den öffentlichen Raum streitig machen? Worin unterscheiden sich die Menschenketten der Anständigen von den Blockaden der Unanständigen in Dresden? Ist es mehr als die Regelverletzung, eine Ordnungswidrigkeit? Was ist mit der autoritären Formierung dieser Gesellschaft – die Sarrazinierung, die gerade nicht von rechts Außen, sondern aus der honorigen Mitte kommt? Diesen Blick sollten wir uns, müssen wir uns leisten. Er würde die politischen Machtzentrum, die institutionellen Veränderungen in den Mittelpunkt stellen, um von dort aus die Rolle und Bedeutung der Neonazis zu bestimmen.
Antifaschismus sollte mehr wagen, als an einem Tag mehr als die Neonazis zu sein, also mehr als ein Großereignis. Es gibt viele, sehr viele Fragen, die die Menschen 365 Tage umtreiben, mit denen sie – wie wir – meist ziemlich alleine sind. Wenn diese Fragen (wie lebe ich, wovon lebe ich, welchen Preis zahle ich, zahlen andere…) 364 Tage von Neonazis beantwortet werden, dann wird die Verhinderung eines Neonazi-Aufmarsches zum Pyrrus-Sieg, eine Selbsttäuschung.
Gelingt es uns hingegen, soziale, gesellschaftliche Fragen emanzipatorisch zu beantwortet, dort genau so aktiv, präsent, glaubwürdig und attraktiv zu sein, verliert der wirklich gefährliche Zauber des Nationalsozialismus, die ›konformistische Rebellion‹ seine wirre und mörderische Attraktivität: ein scheinbarer Antikapitalismus, der faule, korrupte Herrschaft durch gesunde, ehrliche ersetzen möchte.

6. Militanz ist keine Frage des Mutes, keine Frage des Sachschadens, keine Frage der Laufwege und keine Frage der Härte. Es gibt weder die Mittel, woran man Militanz erkennt, noch Mittel, die per se friedlich, gewaltfrei sind.

Ulrike Meinhof hat 1967 als Konkret-Autorin eine bis heute unübertroffene Unterscheidung markiert:
»Protest ist, wenn ich sage, was mir nicht passt. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das was mir nicht passt, auch nicht geschieht.«
Wir wissen alle um diesen Dreh- und Angelpunkt. Und wir haben in vielen politischen Bereichen, auch in Dresden 2010/11 die Erfahrung gemacht, dass es eben nicht reicht, zu sagen, was einem nicht passt. Es spielt in aller Regel keine Rolle, was wir sagen, was wir nicht gut finden, was wir (ganz) anders haben möchten.
Wir müssen selbst dafür sorgen. Militanz erkennt man nicht an den richtigen Mitteln, sondern an einer Lebenshaltung, an einer politischen Grundhaltung.
Dafür gibt keine ›richtigen‹ Mittel. Es gibt Reden, die gerade völlig fehl am Platze sind, Flugblätter, die im falschen Moment geschrieben werden, Steine, die im falschen Moment aufgehoben werden, in die falsche Richtung fliegen können.
Es gibt also keine emanzipatorischen Mittel, sondern nur Mittel, die sich an ihren Zielen messen, sich über ihre Ziele rechtfertigen müssen.

Die Behauptung von Gegen-Gewalt ist richtig und immer riskant – nicht nur mit Blick auf einen Staat, der sich das Gewaltmonopol nicht streitig machen lassen will. Sie ist riskant, weil sie immer in Gefahr ist, etwas mit (Waffen-)Gewalt zu überspringen, was nur als sozialer und gesellschaftlicher Prozess möglich ist. Wer dieses Verhältnis umkehrt, hat kein höheres Niveau der Auseinandersetzung erreicht. Er hat sich der Logik staatlicher Macht genähert: »Gegengewalt läuft Gefahr zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird.« (Ulrike Meinhof, Mai 1968)

7. Die subversive Kraft einer Bewegung liegt weder im Outfit, im Gestus, noch in den guten Absichten. Sie liegt in ihrer praktizierten, erlebten Gesellschaftlichkeit. Die Erfahrung, nicht alleine zu sein, der wachsenden Individualisierung kollektive Prozesse entgegenzusetzen, etwas zu riskieren, was keine Gehaltserhöhung im Auge hat, sich Zeit zu nehmen, ohne dafür bezahlt zu werden, den Chef, den Vorgesetzten überflüssig zu machen, indem wir gemeinsam lernen, Verantwortung zu teilen – all das sind Erfahrungen von unschätzbarem Wert, nicht blanke, sondern konkrete Utopie.

Jede Bewegung ist immer auch ein Laboratorium des Neuen, ein Ort, wo man etwas anderes erlebt und genießt als im normalen Leben. Ein Gegenentwurf zu dem, was angeblich nicht anders geht und überhaupt nicht funktionieren kann. Wenn es uns gelingt, nicht nur Ereignisse zu schaffen, die den Alltag vergessen machen, sondern den Alltag selbst zu ›durchfluten‹, dann haben wir mehr geschafft, als einen Neonazi-Aufmarsch zu verhindern.

8. Eine Bewegung ist nicht das Gegenteil, sondern zu aller erst ein Spiegelbild gesellschaftlicher Ungleichheiten. Keine/r von uns kommt vom Planeten ›Utopia‹, sondern ist in Verhältnissen groß geworden, von Verhältnissen geprägt, die in Ungleichheiten gründen: Weder haben wir dasselbe Ein- und Auskommen, noch dieselben beruflichen Sicherheiten/Chancen, noch dieselben Möglichkeiten, über unser Leben zu verfügen. Jede Bewegung ist also immer auch eine Konfrontation mit sich selbst. Eine Bewegung, die diese ungleichen Bedingungen nicht hinnimmt, Ressourcen und Fähigkeiten nicht zementiert, sondern (um-)verteilt, trägt zu einem kommunitären Leben bei, das nicht vom ›besseren Leben‹ spricht, sondern dieses in die Hand nimmt.

9. Die Utopie einer Bewegung – also das Gegenteil vom kleinsten gemeinsamen Nenner – ist ihr Segel. Dieses Segel ragt immer über den Minimalkonsens hinaus, nimmt andere Winde, andere Bewegungen, Perspektiven mit auf. Wenn viele von uns mit Antifaschismus mehr meinen und wollen, als einen nazifreien Kapitalismus, dann müssen wir uns wagen, auf diesen Mast zu steigen, anfangen, die Utopie zu beschreiben, eine zu Skizze entwerfen, die im Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte sieht, also anfängt, TINA (There is no Alternative) zum Teufel zu jagen.
Wer nicht den Mut zum Träumen hat, hat auch nicht den Mut zum Kämpfen‹. Keine Bewegung hält lange, hält lange durch, wenn sie nur das Falsche benennt und bekämpft, sie muss auch das sichtbar, spürbar machen, was über die Kritik, über die Negation hinausweist.

10. Die Stärke einer Bewegung ist zugleich ihre Schwäche. Dresden 2010 hat nicht nur die politischen Machthaber, nicht nur die Polizei überrascht, sondern auch viele, die Dresden 2010 möglich gemacht haben. Bereits ein Jahr später war das große Überraschungsmoment vorbei. Dresden 2011 war keine einfache Wiederholung. Das Wissen, die kluge Einschätzung, dass wir dieses Mal die Polizei nicht an unserer Seite, sondern gegen uns haben werden, hat verhindert, dass Dresden 2011 für die Polizei berechenbar, für die Neonazis ein Erfolg wurde.

11. Die Bewegung braucht mehr als sich selbst. Sie muss auch eine Tür zur politischen Macht aufstoßen, nicht nur von der Straße aus, mit dem Megafon. In den 80er Jahren haben die Grünen diese Funktion zu übernehmen versucht. Sie wollten Manager, Dolmetscher der Bewegungen sein. Das grüne Credo war verlockend und vielversprechend: Ihr Standbein sollten die Bewegungen sein, ihr Spielbein das Parlament. Das ist lange her und ging richtig daneben – für die Bewegungen, u.a. für die Anti-AKW-Bewegung. Manche aus der Bewegung kritisierten bereits recht früh diese Arbeitsteilung, indem wir uns zum ‚bewaffneten Arm der Grünen‘ degradieren ließen: Wir schaffen die Unruhe und die Grünen bieten der etablierten Macht Mäßigung an, wenn ein bischen von ihrem Programm verwirklicht wird. Als die rot-grüne Bundesregierung 2001 den Einstieg in den Ausstieg aus der Atomenergie beschloss, war es der damalige grüne Umweltminister Trittin, der die Bewegung aufforderte, mit den Protesten gegen die Castortransporte aufzuhören. Als die Bewegung nicht spurte, schickte der Minister das größte Polizeiaufgebot der Geschichte nach Gorleben, um die Castortransporte durchzusetzen.
Wir werden uns neue Wege  suchen müssen…. auf jeden Fall müssen wir mehr als Bewegung sein, wir müssen Partei ergreifen, uns selbst dolmetschen, uns selbst einen Zugang zur politischen Macht suchen.

Wolf Wetzel

Dieser Beitrag wurde für die Fortbildungsreihe  ‭›‬Dresden-Nazifrei‭‹‬, die vom 6. – 8. Mai 2011 in Jena stattfand, geschrieben.

Wer noch weiter zurück in die Bewegungsgeschichte gehen möchte, dem lege ich folgenden Text nahe:  ‭›‬(autonome‭) ‬Geschichte wird gemacht,‭ ‬es geht‭ (‬so‭) ‬… voran‭, Autonome L.U.P.U.S.-Gruppe, 1986/1994

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Eine Antwort to “Bewegungslehre”

  1. Leseempfehlung: Bewegungslehre | anti atom plenum berlin Says:

    […] Folgenden Text von Wolf Wetzel wollen wir euch ans Herz legen. Er ist geschrieben mit Blick auf antifaschistische Bündnisse, aber in Teilchen sicherlich verallgemeinerbar. Mit Blick auf die Anti-Atom-Bewegung stellen sich uns beim Lesen allerdings ein paar Fragen: Was ist eigentlich der kleinste gemeinsame Nenner der Anti-Atom-Bewegung? Abschalten? Irgendwann? Oder doch: Stilllegung, und zwar sofort? Angesichts der Tatsache, dass dieser Punkt in der Anti-Atom-Bewegung gerade kontrovers diskutiert bzw. in der Bündnisarbeit unterschiedlich gehandhabt wird – so unsere Wahrnehmung – lohnt hier eine Debatte. Wir kommen auf diesen Punkt also nochmal zurück, wenn wir das scheiß Atomforum blockiert haben. Hier zunächst der Text von Wolf Wetzel. […]


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