31.5.2009 – Geiselnahme bei Opel beendet

Geiselhaft und Komplizenschaft


Wer befreit wen?

Es ist eine der spektakulärsten Geiselnahmen der Neuzeit, die uns seit Tagen in Atem hält. Mit ungeahnter Dreistigkeit war eine schwerbewaffnete Gruppe in ein Unternehmen eingedrungen, das man vor solchen Attacken sicher glaubte. Nachdem sie den Werkschutz kampflos ausgeschaltet hatte, nahm sie unzählige Personen als Geiseln. Wie viele in der Hand der Geiselnehmer sind, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ungeklärt. Man muss jedoch davon ausgehen, dass sich über 20.000 Personen in der Gewalt der Kidnapper befinden.

GM-Opel: Wer befreit wen?

Ebenso vage bleibt die Zahl der Geiselnehmer, die an diesem Erpressungsversuch beteiligt sind. Fest steht jedenfalls, dass sich die Geiselnehmer in diesem Unternehmen hervorragend auskannten und über ausgezeichnetes Insiderwissen verfügten. Die Perfektion des Vorgehens trägt zweifelsfrei die Handschrift von Professionellen.

In einer ersten Stellungnahme bat die Bundesregierung um Verständnis, keine genauen Angaben über Tathergang und Ziele der Geiselnehmer zu machen. Sie wolle um jeden Preis vermeiden, dass es zu unkontrollierbaren Reaktionen vonseiten der Geiselnehmer kommen könne. Zu möglichen und wahrscheinlichen Drahtziehern und Hintermännern dieser Aktion wollte sich der Sprecher der Bundesregierung ebenso wenig äußern.

Nachdem die Geiselnehmer die Kontrolle über das Gelände erlangt hatten, meldeten sie sich über Medien zu Wort. Sie forderten als Vermittler bzw. Verhandler Mitglieder der Bundesregierung. In einer ersten Stellungnahme der Bundesregierung erklärte sich diese bereit, mit den Geiselnehmern Verhandlungen aufzunehmen. Die Gründe, warum sich die Bundesregierung den Forderungen gebeugt hat, liegen bislang weitgehend im Dunkeln. In einer eilends anberaumten Pressekonferenz wurde lediglich ganz allgemein Stellung bezogen: Die Bundesregierung, so ihr Pressesprecher, halte an ihrer Linie fest, Erpressungsversuchen nicht nachzugeben und auf Lösegeldforderungen grundsätzlich nicht einzugehen. Es bleibe dabei, dass sich die Bundesregierung von niemandem erpressen ließe.

In diesem besonderen Fall lägen hingegen Umstände vor, die ein Abweichen von der beschlossenen Haltung zwingend mache. Schließlich drohen die Kidnapper im Fall des Scheiterns mit Konsequenzen, die unabsehbare Folgen hätten. Aus diesem Grunde setze die Bundesregierung alles daran, das Geiseldrama friedlich zu lösen. Oberstes Ziel sei es, alle Geiseln unversehrt freizubekommen.

Lösegeldforderungen und business as usual

Neben der Forderung nach Lösegeld verlangen die Geiselnehmer Straffreiheit und ›freies Geleit‹. Über die Höhe des Lösegeldes machte der Pressesprecher der Bundesregierung keine genauen Angaben. Gewöhnlich gut unterrichtete Kreise ließen jedoch durchblicken, dass sich die Forderungen im Milliardenbereich bewegen. Während in der Öffentlichkeit über die Höhe dieser astronomischen Lösegeldforderung gerätselt wird, bemüht sich die Bundesregierung in jeder nur erdenklichen Weise darum, diesem spektakulären Geiseldrama den Anstrich der Normalität zu geben. Die Bilder, die der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, vermitteln jedenfalls den Eindruck, als verhandele man mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation über ein lukratives Geschäft, das kurz vor einem erfolgreichen Abschluss stehe: Bilder von Politikern, die bis tief in die Nacht hinein hinter heruntergelassenen Jalousien beraten, Medienvertreter, die ein paar Schatten in gedämpftem Licht einfangen und ansonsten auf dürftige Informationen warten, signalisieren Verhandlungen auf Augenhöhe – und lassen völlig vergessen, dass in diesem ›Nervenkrieg‹ nur noch um die Höhe der Lösegeldzahlungen gerungen wird.

GM-Europa-Chef

Die Verhandlungen gehen in die letzte Phase

Seit Stunden verhandeln Vertreter der Bundesregierung mit den Geiselnehmern. Immer wieder mussten die Verhandlungen unterbrochen werden, da sich überraschend neue Hindernisse in den Weg stellten. Manche Beobachter sprechen von einem Nervenkrieg. Ob das Verhandlungsangebot der Bundesregierung noch Gültigkeit hat, kann im Moment niemand mit Sicherheit sagen. Experten in Geiselfragen gehen davon aus, dass die Geiselnehmer mit äußerster Professionalität vorgehen und dass keine Anzeichen von Nervosität zu erkennen seien. Offensichtlich sind sie sich ihrer Sache ganz sicher und lassen selbst ein vor ein paar Stunden aufgestelltes Ultimatum tatenlos verstreichen.

Letzte Meldung – die ›Opel-Schlacht‹ ist zu Ende

Heute ist das Geiseldrama glücklich zu Ende gegangen. Alle Seiten zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis. Über die Höhe des gezahlten Lösegeldes vereinbarte man Stillschweigen. Ebenso unklar bleibt zur Stunde, ob alle Geiseln unversehrt freikommen werden.

Staatstheater Erster Klasse: Der finale ›Rettungsschuss‹

Der Gesamtkonzern GM ist pleite. Soviel steht fest. Die Behauptung, dass dies nur für den Mutterkonzern gälte, nicht jedoch für das erstklassige Unternehmen ›Opel‹, lässt sich ganz schnell widerlegen: Wäre dies so, hätten sich spielend leicht Investoren gefunden, die sich gegenseitig dabei überboten hätten, sich dieses Filetstück ›deutscher Wertarbeit‹ unter den Nagel zu reißen. Niemand tat genau dies.

›Opel‹ wurde nicht gerettet, weil es ein lukratives Unternehmen ist, sondern weil der Staat alle Risiken übernimmt. Die über fünf Milliarden an Staatsbürgschaften und Krediten wurden nicht für ein ›gesundes‹ Unternehmen ausgegeben, sondern zur Imagepflege von Parteien, die sich als ›Retter‹ imaginieren wollen. Das wohl teuerste Facelifting von Parteien, die seit 20 Jahren davon reden, dass der Staat schlanker werden müsse, dass er sich aus wirtschaftliche, unternehmerische Entscheidungen heraushalten müsse….

Was einst ›die unsichtbare Hand des Marktes‹ richten sollte, bei Maradona die ›Hand Gottes‹ war, ist das größte Betrugsunternehmen der Nachkriegsgeschichte – die dreisteste und bislang teuerste Form illegaler Parteienfinanzierung.

Nicht ›Opel‹ wurde gerettet, sondern Parteien, die mit diesen Mantras die größte Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren mit zu verantworten haben.

Wolf Wetzel

2.6.2009

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