Die Geschichte und Gegenwart der Startbahnbewegung am Frankfurter Flughafen (1965 – 1991)

Am Anfang stand ein Antrag der FAG (Flughafen Frankfurt/Aktiengesellschaft) aus dem Jahr 1965 zum Bau der Startbahn 18 West, die quer durch den Flörsheimer Wald geschlagen werden sollte.

Rechtschaffen und in völligem Glauben an den Rechtsweg wurden Tausende von Einsprüchen erhoben. Dem meisten ging es dabei schlicht darum, das bisherige Leben zu verteidigen – gegen Fluglärm, Kerosin, mit viel Wald drum herum.

Erst als leichte Zweifel an dem juristischen und politischen Prozedere aufkamen, gründete sich 1979 die ›Aktionsgemeinschaft gegen die Flughafenerweiterung‹, die ›gewaltfrei, aber aktiv‹ den Bau der Startbahn verhindern wollte. Unter dem Druck dieser Bürgerinitiativbewegung schlossen sich auch die Parteigliederungen vor Ort, von CDU bis hin zur DKP, zu einem einmaligen Parteienbündnis zusammen.

Obwohl man weiterhin den Klageweg beschritt, beschloss man im selben Jahr, ein Hüttendorf auf dem Gelände der geplanten Startbahn 18 West zu errichten – nicht ohne Ironie: Man stellte für die erste Hütte einen Bauantrag bei der Stadt Flörsheim und begann schließlich am 3.5.1980 auch ohne Baugenehmigung mit ihrem Bau. Um diese Hütte herum entstanden im Laufe des folgenden Jahres über 50 Hütten, Erdwohnungen und Baumhäuser – selbst eine Kirche und ein ›Neubauviertel‹ sollten nicht fehlen. Nur fünf Monate später eskalierte die hessische Landesregierung: Obwohl verschiedene Klagen anhängig und noch nicht abgeschlossen waren, verfügte die SPD-geführte Landesregierung den ›Sofortvollzug‹, zog über 4.000 Polizeibeamte zusammen, um das erste Teilstück, das Sieben-Hektar-Gelände zu roden. Die Bürgerinitiativen/BIs schlugen Alarm und es dauerte schließlich mehrere Tage und Nächte, die über 3.000 Menschen, die sich dem ›Sofortvollzug‹ in den Weg stellten, zu vertreiben.

Trotz des gewaltsamen Vorgehens vonseiten der hessischen Landesregierung wollten die Bürgerinitativen den Glauben an Rechtstaat und Demokratie nicht aufgeben und entschlossen sich für eine Art Doppelstrategie: Zum einen sollte das Hüttendorf den gewaltfreien, aber aktiven Protest verkörpern, zum anderen leitete man 1981 ein Volksbegehren und einen Volksentscheid ein, um die Startbahn doch noch zu verhindern. Wieder verweigerte die SPD-geführte Regierung jede politische Lösung des Konfliktes, erklärte – im Gestus des Absolutismus – das in der hessischen Landesverfassung verankerte Recht auf ein Volksbegehren für verfassungswidrig und ließ abermals ein Polizeiheer aufziehen, um die nächste Bauphase (Baulos I) gewaltsam durchzusetzen. Dieses Mal wurden 10.000 Polizeibeamte dafür bereitgestellt, wieder dauerte es Tage und Nächte, bis diese staatliche Gewaltstrategie Erfolg hatte. Am 2.11.1981 wurde schließlich das Hüttendorf geräumt, unter Einsatz von Sondereinsatzkommandos/SEK’s und einer bis dahin nie gekannten Brutalität. Was für gewöhnlich zu Resignation und Rückzug führt, löste eine Protest- und Solidarisierungswelle im Rhein-Main-Gebiet und weit darüber hinaus, aus: Bahnhöfe, Rathäuser, Straßen wurden besetzt, der Hessische Rundfunk wurde belagert, der Frankfurter Flughafen für Stunden blockiert … das Gespenst von ›Unregierbarkeit einer ganzen Region‹ machte die Runde. Auch das führte zu keinem Umdenken auf Seiten der Regierungsparteien. Sie diskutierten lieber über die Möglichkeit eines vorübergehenden, ›freiwilligen‹ Verzichts auf die Ausübung von Grundrechten, lehnten ein Volksbegehren ab, dem sich devot der hessische Staatsgerichtshof anschloss, und ordneten die Rodung von Baulos II an. Zum ersten Mal stießen die Polizeieinheiten auf massiven Widerstand: »Statt der Besetzung eines von Anfang an freigegebenen Bereiches wird die ›Rückeroberung‹ propagiert. Anstelle der Demonstrationsperspektive der regionalen BI’s ist es die ›Wald-Guerilla‹, die dominiert.« (FR vom 1.2.1982)

Die Hunderte zum Teil Schwerverletzten hinterließen nicht nur körperliche Spuren. Nachdem alle rechtlichen, demokratischen Mittel vor ihren Augen wie Zigarettenstummel auf dem Boden ausgedrückt wurden, traten in Teilen der BI Resignation und Rückzug ein. Für all die anderen war der Glaube an den Rechtsstaat zerbrochen und die Bereitschaft groß, Widerstand zu leisten – egal, ob er rechtens ist oder nicht. Was später die Koalition der ›Grau – und Langhaarigen‹ genannt wurde, bestimmte fortan das Geschehen rund um die Startbahn: Hunderte, Tausende von Streben wurden aus der Mauer herausgebrochen, manchmal in der Dunkelheit, oft unter Applaus der ›Vorzeigebürger‹ im Zuge der 1982 aufgenommenen ›Sonntagspaziergängen‹, denen Hunderte folgten. Immer wieder wurden Baufahrzeuge zerstört, Lichtmasten und Gangways in Brand gesetzt und am helllichten Tage ein halb fertiger Mast umgezogen. Zweifelsohne stellte die am 14.4.1984 offiziell eingeweihte Startbahn 18 West eine Zäsur innerhalb der Startbahnbewegung dar. Obwohl über 10.000 Menschen dagegen protestierten, schien für viele der Kampf endgültig verloren zu sein. Die BI-Strukturen zerfielen, ein kleiner Teil entschied sich für eine parlamentarische (grüne) Karriere. Dennoch stellt es ein Novum in der Geschichte sozialer Bewegung dar, dass mit der Durchsetzung eines Großprojektes der Widerstand dagegen nicht verstummte. Die Sonntagsspaziergänge gingen weiter und das politische Terrain erweiterte sich: Hunderte von StartbahngegnerInnen beteiligten am Widerstand gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage/WAA in Wackersdorf, gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen in Frankfurt-Hausen, gegen die Rhein-Main-Air-Base, über die der Nachschub für US-geführte Kriege abgewickelt wurde, gegen die Nuklear-Fabriken in Hanau, wo unter dem Deckmantel der ›zivilen Nutzung der Kernenergie‹, waffenfähiges Kernmaterial hergestellt wurde. Und als in Tschernobyl 1986, einige Jahre nach der Inbetriebnahme des Atomreaktors, das eintrat, was statistisch alle 10.000 Jahre passieren durfte, der GAU/Größter Anzunehmender Unfall, wurden im Rhein-Main-Gebiet vier Strommasten gefällt…

Und natürlich war an der Startbahn wie an vielen anderen Orten auch, das zu spüren, was Mitte der 80er Jahre offensichtlich wurde: Der Zenit von Massenbewegungen war überschritten, die Faszination und Begeisterung machten den Erfahrungen von paramilitärischen Polizeieinsätzen (Kalkar, Brokdorf) und Repressionen (hohe Geld- und Haftstrafen) Platz.

Wie kann man eine breite, also auf Kompromiss ausgelegte Bewegung mit Radikalität verbinden? Wie kann man ›Masse und Entschlossenheit‹ (Konstantin Wecker) zusammenbringen und -halten? Wie kann man einer paramilitärischen Auseinandersetzung entgehen, ohne auf Entschlossenheit zu verzichten? Wann läuft Gegengewalt Gefahr zu Gewalt zu werden … (Ulrike Meinhof)[1]

All diese Fragen waren durchaus präsent, als die Vorbereitungen zum 6. Jahrestag der Hüttendorfräumung 1987 begonnen wurden. Wie immer sollte eine nächtliche Demonstration durch den Wald an die Startbahn West führen, um dort, je nach Möglichkeit an der ›Macht des Faktischen‹, der Mauer, den Lichtmasten, den Gangways zu rütteln.

Als ca. 3- bis 400 StartbahngegnerInnen am 2.11.1987 gegen 19 Uhr vom Sammelpunkt aus losgingen, dachten die aller meisten mehr an eine ›Pflichtübung‹, als an das, was dann passierte: Um 21.01 Uhr wurden aus der Dunkelheit heraus Schüsse auf Polizeibeamte abgegeben, die fliehenden StartbahngegnerInnen nachsetzten. Zwei Polizeibeamte wurden tödlich, mehrere Beamte (schwer) verletzt.

Gerade weil die aller meisten mit einem solchen Verlauf nicht rechneten, waren sie auf die folgende Repressionswelle nicht im Geringsten vorbereitet. Dutzende von Wohnung wurden durchsucht, zahlreiche StartbahngegnerInnen wurden inhaftiert und waren plötzlich mit dem Mordvorwurf konfrontiert. Es kam zu zahlreichen, belastenden Aussagen, die später durch die ›Anna und Arthur‹ Aussageverweigerungskampagne weitgehend zurückgenommen wurden.

Die meisten sogenannten Startbahnprozesse 1989 hatten mit den tödlichen Ereignissen am 2.11.1987 nichts zu tun. Sie hatten vielmehr die Verurteilung von Strommastaktionen zum Gegenstand. Erst 1991 ging der Prozess gegen zwei Angeklagte zu Ende, denen die Staatsanwaltschaft Mord vorwarf. Ein Angeklagter wurde freigesprochen, Andreas Eichler wurde wegen Totschlag zu 15 Jahren Haft verurteilt.

Wolf Wetzel

Autor von ›Tödliche Schüsse‹ – die Geschichte der Startbahnbewegung – quer durch die 80er Jahre, Unrast Verlag, 2008


[1] »Gegengewalt läuft Gefahr zu Gewalt zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird.« (Ulrike Meinhof, Mai 1968)

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