Von A bis (R)Z? (2000)

Von A bis (R)Z ?

Am 19.12.1999 stürmen mehrere Hunderschaften der Polizei den Mehringhof in Berlin. Am selben Tag werden zwei Mitarbeiter von Projekten des Mehrighofs in ihren Wohnungen verhaftet. Zeitgleich wird Sabine E. in Frankfurt verhaftet. Die Durchsuchungen und die drei Verhaftungen werden von der Bundesanwaltschaft/BAW damit begründet, daß Tarek Mousli – der selbst am 23.11.1999 wegen Mitgliedschaft in den Revolutionären Zellen (RZ) verhaftet wurde – in umfangreichen Aussagen die drei Verhafteten als (ehemalige) Mitglieder einer Beliner RZ-Gruppe belastet habe. Außerdem befände sich ein Waffen- und Sprengstoff-Depot der RZ im Mehrighof. In den Medien wird Tarik Mousli als Kopf der Revolutionären Zellen ( Der Tagesspiegel vom 20.12.1999) und Plaudertasche (Focus) gehandelt. In autonomen Zusammenhängen werden seine belastenden Aussagen als Verrat eines Märchenprinzen ( Interim vom 27.1.2000) gewertet, der sich dem Staatsschutz als Kronzeuge angeboten hat.

Tarek Mousli war seit Ende der 70er Jahre in militanten Zusammenhängen aktiv. In Kiel beteiligte er sich an Häuserkämpfen und im Anti-AKW-Kampf. Seit Anfang der 80er Jahre lebte er in Berlin und war dort in der autonomen Szene aktiv. Wir können uns an wenige Menschen erinnern, die auf eine so lange politische Geschichte zurückblicken können. Wir wissen nichts darüber, daß seine politische Praxis, sein Umgang mit anderen (Miltanten), irgendwelche hartnäckigen Zweifel genährt hätte. Dafür spricht – ungewollt zwiespältig – auch der Titel des Interim-Vorwortes: Der Verrat eines Märchenprinzen. Um den Fakt umfangreicher, sich selbst und andere belastender Aussagen kreisen seit Wochen Spekulationen, Gerüchte, persönliche und politische Einschätzungen. Zwischen dem, was tatsächlich – aktenkundig – belastende Aussagen sind und was Gerüchte und Mutmaßungen sind, klafft eine unverantwortlich große Lücke.

Autonome Plaudereien über eine revolutionäre Plaudertasche

Nicht nur die Interim fragt sich, warum es sein kann, daß einer wie Tarek so lange so viel macht und dann so umkippt… Das eigene Erschrecken, die gemeinsame Fassungslosigkeit über die schlimmste Form von Verrat an ehemaligen politischen FreundInnen, an einer ganzen Szene, an der Utopie gesellschaftlicher Veränderung (Interim) ist spürbar. Die meisten Stellungnahmen verharren lähmend in Andeutungen und Appellen, nicht zu spekulieren, sich an keinen Gerüchten und Mutmaßungen zu beteiligen. Anstatt dem Stochern im Dunklen mit (aktemkundigen) Fakten zu begegnen, fordert dieser öffentliche Umgang geradezu zu Spekulationen heraus.

Vom Phantasma eines in der Biographie angelegten Verrats oder : Der Tod eines (jeden) Märchenprinzen.

In der Interim (Nr.492) wird ein Text – kommentarlos – mit dem Titel: „Einige Stichpunkte zur Biographie von Tarek Mousli“ abgedruckt. Dort erfahren wir, daß er sehr an formaler Anerkennung wie schwarze Gürteln orientiert war. Außerdem erfahren wir, daß Tarek sowohl langandauernde Beziehungen als auch etliche Affairen lebte. In diesen, und das war schon zum damaligen Zeitpunkt bekannt, erzählte er immer wieder ausführlich, an was für tollen Geschichten er angeblich beteiligt sei, damit die Frauen auch gewiß merken, an was für einen tollen Hecht sie geraten waren. Dem Verfasser schwant wohl etwas und fährt schnell fort: Das wäre jetzt purer Tratsch, wenn es nicht genau der Knackpunkt ist, über den Tarek 1995 und 1999 gestolpert ist . Zu guter Letzt erfahren wir noch, daß sich Tarek immer mehr kulturell aus der Kreuzberger Szene (entfernt habe). Demonstrativ setzt er dies mit einer groß inszenierten Hochzeit mit seiner damaligen Freundin um . Warum wir – hämisch grinsend – wissen müssen, daß sie sich 1 ½ Jahre später wieder scheiden ließen, erfahren wir nicht. Genauso im unklaren läßt uns der Verfasser, warum es wichtig ist, zu erfahren, daß Tarek Mousli eine deutsche Mutter und einen saudiarabischen Staatsbürger als Vater hat. Will er damit einen Identitäts- und/ oder Kulturkonflikt andeuten? Der Verfasser gibt vor, mit diesen biographischen Stichpunkten den Konflikt für all die nachvollziehbarer zu machen, die ihn nicht persönlich kennen . Diese ‚Biographie‘ nähert sich vielem – am allerwenigsten der Frage, wie ein solcher Verrat zu verstehen ist. Alles wird angespielt und angedeutet: Ein bischen antipatriarchale Kritik, ein bischen Kritik an (männlichem) Leistungsdenken. Und wer damit nichts (mehr) anzufangen weiß, wird mit dem Stichwort etlicher Affairen ebenfalls gut bedient. Nehmen wir einmal für Augenblicke an, diese Biographie könnte tatsächlich auf die Frage: „Wie kam es dazu, daß einer wie Tarek so lange so viel macht und dann so umkippt?“ eine Antwort geben. Wo finden wir einen Menschen, der nicht (auch) nach formaler Anerkennung sucht? Wo finden wir einen Menschen, der absolute Verschwiegenheit, gerade auch gegenüber seiner Freundin, seinem besten Freund, in aller Konsequenz durchhält? Wo finden wir einen Menschen, der es mit den unbestimmbaren Codes autonomer Lebenswelten genau nehmen kann? Diese Biographie, die darin versteckten Wegweiser in Richtung Verrat entwerfen als Gegenbild einen Menschen, den es nicht gibt – weder in den Reihen der Zapatistas, noch unter uns. Diesen Menschen gibt es nur als Fabelwesen – z. B. in Gestalt eines ‚Märchenprinzen‘. Diese Biographie schafft keine Aufklärung. Sie imaginiert eine Gemeinschaft von Märchenprinzen – die irgendwann einmal, im wirklichen Leben, kaputt gehen muß. Verrat ist eine Möglichkeit, die auffälligste . Die Rückkehr ins ’normale‘ Leben die weitverbreitete.

Der Fall des ‚Märchenprinzen‘

Auch die Interim erliegt dem naheliegenden Versuch, die selbst gestellten Fragen mit dem Klischee eines skrupellosen Verräters stillzulegen. In ihrem Vorwort weiß die Interim von einer offenbar bereits lang ersehnte(n) Loslösung von seiner politischen Vergangenheit . Weniger offenbar , ganz sicher ist sich die Interim, daß Tarek Mousli alle und jeden … verrät … Seine Aussagen sind willkürlich, er kombiniert kreativ und auch wenn man/frau wenig oder sogar nichts mit ihm zu tun hatte, könnte er oder sie im Strom seiner Aussagen auftauchen . Ganz in diesem Strom, zwischen Focus und autonomer Szene taucht immer wieder eine Liste von 50 Namen , eine Lebensbeichte auf- mal ist sie existent, mal wird sie gesucht, mal weiß man/frau es nicht so genau. Wir können- aus der Ferne- nicht beurteilen, was an all dem Mutmaßungen, was daran Fakt ist. Nehmen wir jedoch an, es stimmt, daß Tarek Mousli alle und jeden verrät: was hält jene ab, die das genau wissen, all das genau und nachvollziehbar öffentlich zu machen? Wer soll denn noch mit all diesen Andeutungen geschützt werden, wenn dem Staatsschutz alles -schwarz auf weiß- vorliegt? Wir empfinden den Umgang mit diesem vermeintlichen Wissen falsch und gefährlich. Er nährt den Verdacht, daß das beunruhigende an den gemachten Belastungen Tarek Mousli’s nicht der Umstand ist, daß man von diesem tollen Hecht nichts anders erwartete, sondern daß man davon völlig überrascht ist. Nach all dem, was wir wissen, wurde Tarek Mousli gerade nicht als ‚Großmaul‘ geduldet, sondern als ein Mensch geschätzt, auf den sich viele jahrelang verlassen konnten.

Warum hat Tarek Mousli bei seiner ersten Verhaftung im März 1999 ’nur‘ sich selbst belastet, warum aber ein paar Monate später, im November/Dezember 1999 alle und jeden ? Sind die Belastungen seiner früheren Freundin der einzige Grund, mit denen er – laut Interim-Gerücht – erst im November 1999 konfrontiert wurde? War das tatsächlich alles? Ist es wirklich nachvollziehbar, daß jemand ‚alles und jeden‘ verrät, wenn er durch seine frühere Lebensgefährtin verraten wurde? Selbst wenn es stimmen soll, daß er aufgrund seiner Prahlereien mit RZ-Aktionen in Verbindung gebracht wurde: Erklärt das wirklich, daß Tarek Mousli alle und jeden verrät, obwohl er genau weiß, daß die meisten Vorwürfe strafrechtlich verjährt sind? Sehen nicht zumindest einige einen Widerspruch in der Behauptung, Tarek Mousli habe sich Anfang der 90er Jahre ins ’normale‘ Leben verabschiedet, während gleichzeitig in der Begründung zur Durchsuchung des Mehringhofes steht, daß Tarek Mouli 1995 Sprengstoff von anderen (RZ-Mitgliedern) zur Aufbewahrung bekommen hat?

Man kann all diesen Fragen, die berechtigterweise zu Mutmaßungen und Mißtrauen Anlaß geben, mit dem Profil eines hemmungslosen Verräters glattbügeln. Politisch halten wir diesen Umgang für fatal.

Das Schweigen über die Geschichte der RZ

Seit Wochen wird viel Zeit damit verbracht, Gerüchte und Mutmaßungen weiterzureichen und vor ihnen zu warnen, sie einzusortieren und aus der Welt zu schaffen. In diesen breiten Strom aus lancierten ‚Focus‘- Meldungen und Szene-Erkundungen kann man auch noch eine ‚Biographie‘ reinschütten.

Wir können verstehen, daß es leichter erscheint, sich gegen einen Verräter zu solidarisieren, als sich mit dem Konzept und der Geschichte der RZ/ Rote Zora auseinanderzusetzen, die über Jahre hinweg ein wichtiger Bezugspunkt automomer, militanter Politik war. Wir können verstehen, daß man leicht der Versuchung unterliegt, die RZ-Geschichte als eine Art Flüchlingspolitik zu begreifen, die man fortentwickelt hat, auch wenn dies in deutlichem Gegensatz zu den RZ-Erklärungen steht. Wir wissen um die Schwierigkeit, sich gemeinsam zu der Geschichte der RZ zu verhalten- um die noch größere Schwierigkeit, sich zu den heutigen Bedingungen einer militanten Politk -gemeinsam- zu äußern. Man kann all dem aus dem Weg gehen und die Durchsuchung des Mehringhofes als einen gezielten Versuch werten, einen solch schwer kontrollierbare(n) Ort (Presseerklärung des Mehringhofes v.20.12.99) zu kriminalisieren. Damit kann man Eiltelkeiten befriedigen und vielleicht sogar ‚breite Empörung‘ schaffen. Das schafft Schwierigkeiten weg, die uns jedoch bei einer wirklichen Solidaritätsarbeit auf die Füße fallen werden.

Im folgenden geht es nicht darum, die über 20 jährige Geschichte der RZ/ Rote Zora nachzuzeichnen. Sie ist bereits bestens in Früchte des Zorns (Verlag ID-Archiv) dokumentiert. Wie andere auch haben wir einige RZ-Erklärungen und Erwiderungen noch einmal gelesen und sind auf Andeutungen und Nebensätze gestoßen, über die wir damals hinweggelesen haben, für deren Tragweite wir damals keine Anhaltspunkte hatten. Wir können nicht sagen, inwieweit diese den Verrat von Tarek Mouli (mit) erklären können. Das müssen andere tun. Das ist kein Grund, sich solange dumm zu stellen. Denn wenn es stimmt, daß Tarek Mouli RZ-Mitglied war, dann ist es naheliegend, daß diese Auseinandersetzungen, die mit zur Auflösung der RZ/ Rote Zora führten, auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen sind. Das entschuldigt keinen Verrat, das rechtfertigt keinen Verrat. Aber es beschreibt die Bedingungen für einen gemeinsamen politischen Prozeß, der nicht den Verrat zum Ausgangspunkt der Solidaritätsarbeit macht, sondern das eigene Verhältnis zur militanten Politik. Diese ist weniger von Erfolgen, als von tiefen Rissen und reichlich Not-Brücken gezeichnet: Anschlags-Bundesligen, schwindende Zusammenhänge, trotzige Erklärungen, distanzierte Nachdenklichkeit, persönlichen Zerstrittenheiten, gepflegte Selbstgerechtigkeiten, sich selbst überfordender Aktivismus und bleierne Resignation stehen wortlos und/ oder verächtlich nebeneinander. Die Auseinandersetzung mit der RZ/ Rote Zora-Geschichte könnte ein Spiegel sein, in dem wir -fast unverzerrt- unsere eigene Geschichte wiederfinden können.

Die Solidaritätsarbeit steht vor einem Problem: Sie muß ein politisches Verhältnis zu etwas herstellen, was es nicht mehr gibt. Dieser enormen Schwierigkeit kann man aus dem Weg gehen, indem mann/frau sich entweder mit 1/2/3/4 Verhafteten aus persönlicher Verbundenheit solidarisiert oder eine Kontinuität ( Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle (Interim, Nr. 492)) vortäuscht, die das faktische Ende der RZ/ Rote Zora einfach leugnet. Ersteres wäre noch verständlich, zweiteres einfach nur verlogen. Wir wünschen uns eine Solidarität, die nicht nur einzelnen Gefangenen gilt. Uns geht es um ein Verbunden-sein mit einer militanten Politik, in der die RZ/ Rote Zora ein möglicher Ausdruck war. Am aller wenigsten geht es darum, sich mit der RZ/ Rote Zora zu identifizieren. Die viel größere Anstrengung besteht für uns darin, ihr dadurch eine Bedeutung zu geben, indem wir den Erfolgen und Niederlagen, den weitsichtigen Analysen und politischen Irrtümern einen Platz in unserem eigenen Denken und Handeln geben – nicht nur im Hinblick darauf, was war, sondern gerade auch im Blick darauf, was werden soll.

Man muß nicht in der RZ gewesen sein, um sich die Konflikte und Auseinandersetzungen innerhalb der RZ und um sie herum zu vergegenwärtigen. All das ist dokumentiert, in vielen Erklärungen, Stellungnahmen und Erwiderungen. Dazu zu schweigen, macht den Weg frei, es dem Staatschutz und ‚Focus‘ zu überlassen, RZ-Geschichte nach deren Belieben zu schreiben und abzuwickeln. 1991 veröffentlichten die RZ eine Erklärung: Gerd Albartus ist tot . Darin wirft die RZ einer Gruppierung, die sich dem palästinenesischen Widerstand zurechnet , vor, ein RZ-Mitglied als Verräter zum Tode verurteilt zu haben. Die Suche nach einer Antwort..in der das Bedürfnis nach Rache seinen Platz gefunden hätte, ohne daß es den Falschen trifft, ist ins Leere gegangen. . Der Weg der Veröffentlichung ist zugleich die Kapitulation vor weitergehenden Ansprüchen. In dieser Erklärung wird ausgeführt, daß die Verbindung zu dieser Gruppierung auf einen Abschnitt in ihrer Geschichte verweist, unter den wir aus politischen Gründen schon vor etlichen Jahren einen Schlußstrich gezogen haben . Konkret angesprochen wird die Flugzeugentführung 1976, an der sich zwei Palästinenser und zwei Mitglieder der RZ beteiligten. Ziel war es, die Freilassung von über 50 Gefangenen zu erzwingen. Ergebnis war die Erstürmung des Flugzeuges in Entebbe und der Tod des Kommandos. Der Versuch, die masiven Auseinandersetzungen um diese Gefangenenbefreiung auf eine operativer Kritik (… dem Kommando (wurde) im Zuge der Operation die Befehlsgewalt entzogen… (es hatte) bloß noch die Weisungen zu befolgen…, die an anderer Stelle … ausgegeben wurden ) zu reduzieren, sollte sich rächen. Daß die Grenzen dieser Zusammenarbeit nicht technischer oder taktischer, sondern politischer Art waren, sahen wir nicht. Die Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der RZ gingen weiter: Das Wissen um die Katastrophe wirkte wie ein permanent schwelender Treibsatz fort. Zum einen ging es um die Flugzeugentführung selbst und um die Auswahl der Passagiere, die für einen Gefangenenaustausch festgehalten wurden. Die RZ kommen in ihrem Papier zu dem Schluß, daß es sich dabei um eine Selektion..entlang völkischer Linien handelte, bei der ein -im Antizionismus verkleideter- Antisemitismus zu tragen kam, der um keinen Preis politisch mitzutragen ist. Zum anderen wenden sich die RZ gegen ihre eigenen, zurückliegende antiimperialistische Praxis, die sich nicht aus den Verhältnissen und Bedingungen hier begründete, sondern mit den weltweiten Kämpfen. Sie kommen zum Schluß, daß die Existenz und Gewalt des gemeinsamen Gegners … nicht aus(reichen), um die Gegensätze und Konflikte in den eigenen Reihen einzudämmen. Einer dieser politischen Gegensätze ist die Frage/und der Mythos nationaler Unabhängigkeit, in der die RZ den sozialen Gehalt der Revolution nicht aufgehoben sieht.

Die seit Mitte der 80er Jahre verübten Sabotageaktionen und Angriffe auf Institutionen und Personen, die den (deutschen) staatlichen Rassismus verwalten und exekutieren, kann als eine Konsequenz aus dieser Selbst-Kritik verstanden werden. Diese Selbst-Kritik führte aber auch zu anderen Konsequenzen: Es kam zu Brüche(n) in persönlichen Freundschaften, die bis hin zu Trennungen gingen. In einem Papier, das mit RZ-Tendenz für die internationale soziale Revolution unterschrieben ist, wird der Vorwurf erhoben, daß das Papier zum Tod von Gerd gegen unseren Willen mit dem Gesamtnamen RZ unterzeichnet ist. Darin deuten sie nicht nur ihre Kritik an der wenig aufrüttelnden Flüchtlingskampagne an, sondern machen auch aus ihrem Eindruck keinen Hehl, daß für sie das Gerd Albartus-Papier die Suche nach eine(m) konstruktiven Platz zur Neugestaltung der Demokratie ist, kurzum der Ausstieg aus militanter Politik: „Eine Diskussion mit Euch um Aufhören oder Weitermachen scheint mit Euch auf dem Hintergrund Eurer Entscheidung nicht mehr möglich.“ Wer die Erklärung Gerd Albartus ist tot – als Außenstehende/r – liest, bekommt eine Vorstellung von den unterschiedlichen Konzepten und Begründungen militanter Politik. Und beileibe ist es kein RZ-Spezifikum, auf einen Punkt zuzusteuern, wo diese nicht mehr zusammen getragen werden können. Es mag viele Gründe für diese verächtliche Erwiderung auf die Kritik an der eigenen Praxis geben. Und noch einmal so viele Gründe für das vernichtende Urteil, Frieden mit dem System schließen zu wollen. In der kritisierten Erklärung finden man das nicht.

Es spricht viel dafür, daß all das, was nur andeutungsweise in den Erklärungen und Erwiderungen zu finden ist, die Auseinandersetzungen innerhalb der RZ weiterhin bestimmte. Das kann u.a. der Erklärung: Das Ende unserer Politik , nun ein paar Monate später, im Januar 1992, entnommen werden. Diese Auflösungs-Erklärung wurde nicht von der RZ insgesamt, sondern nur von einem Teil verfaßt. Darin greift sie noch einmal die Positionen im Gerd Albartus-Papier auf, den Abbruch damals üblicher internationale(r) Kontakte , um dann ihr eigenes sozialrevolutionäres Verständnis von Politik zu bilanzieren, vorallem die militanten Interventionen im Flüchtlingsbereich: „Wir phantasierten den Willen der Flüchtlinge, in den Metropolen ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum … einzuklagen, als direkten antiimperialistischen Kampf… und damit als ein mögliches Terrain unserer eigenen Politik. Als die Kämpfe in dieser Form ausblieben, auf die wir hätten Bezug nehmen wollen… kompensierten wir dies mit der Analyse der staatlichen Flüchtlingspolitik und mit Angriffen auf deren zugängliche Agenturen.“ Damit erklärte dieser Teil der RZ etwas für gescheitert, was der internationalistischen Ausrichtung der RZ ( Opec, Entebbe ect) eine Theorie und Praxis entgegensetzen sollte, die sich an den Kämpfen hier orientierte. Auch in diesem Papier sind Andeutungen enthalten, die weit über die Kritik an einer illusionären Bezugnahme auf Flüchtlinge und eine fehlende Verankerung militanter Politik hinausweist: „Mit dem Vorschlag … im Jahre 1990 alle Kräfte der RZ auf die Ingangsetzung einer breiten, antirassistischen und internationalistischen Kampagne zu lenken, sind wir nicht durchgekommen. Teile des Zusammenhangs der RZ waren und sind der Ansicht, mit einer neuen, antipatriarchalen Orientierung das politische Defizit füllen und die RZ über die Durststrecke bringen zu können. Unsere Gruppe konnte und wollte… die Ausrichtung der gesamten Politik auf das Thema Antipatriarchalismus nicht hinnehmen. Eine gemeinsame Politik mit den Frauen der Roten Zora scheiterte. Stattdessen wurde ihnen durch unsere Ansichten und unser Verhalten die Trennung von uns nahe (gelegt).“

Die politischen und persönlichen Konsequenzen, die die Teile der RZ gezogen haben, die die Selbst-Kritik und politischen Schlußfolgerungen im Gerd Albartus-Papier nicht teilten, sind nicht veröffentlicht. Genauso wenig läßt sich nachvollziehen, welche praktischen Schritte die Teile der RZ und Rote Zora gegangen sind, die ihre antipatriachale Kritik innerhalb und außerhalb der RZ-Zusammenhänge in ihre politischen Praxis einbeziehen wollten. Tatsächlich geht die letzte Aktion einer RZ-Gruppe auf das Jahr 1991 bzw. 1995 zurück. Seitdem sind keine Aktionen der RZ/ Rote Zora mehr dokumentiert. Es spricht viel dafür, daß die RZ/ Rote Zora nicht an der staatlichen Repression gescheitert ist, sondern an inneren Auseinandersetzungen, für die es keine gemeinsame politische Praxis mehr gab. Im Rückblick auf die RZ/ Rote Zora gibt es nicht nur wertvolle grundsätzliche Einschätzungen und mit sichtbarer Zustimmung aufgenommene Aktionen, die für viele damals Anstoß für ihr eigenes Handeln und Denken waren. Dazu zählen auch die hier angerissenen Brüche und Trennungen, Unterstellungen und Andeutungen, politische Ausstiege und persönliche Rückzüge. Sie spiegeln nicht nur die Geschichte der RZ/ Rote Zora wider. Darin können sich auch all die – ohne Häme und Distanzierung – wiederfinden, die sich einst gerne zur autonomen, militanten Bewegung zählten. Wer angesichts der Repression und der Verhaftungen die Geschichte der RZ/ Rote Zora am liebsten weglassen will, wer die Dimension der belastenden Aussagen von Tarek Mousli mit einer ‚Verräter-Biographie‘ zu versenken versucht, landet hilflos im Vorwort der ‚Interim‘: „Für uns ist es selbstverständlich, sich prinzipiell mit denen zu solidarisieren, die vom Staat kriminalisiert werden.“ Wenn wir zur Geschichte der RZ/ Rote Zora schweigen, werden ‚andere‘ auf Fragen Antworten geben. So berichtete der ‚Focus‘ in eine seiner letzten Ausgaben, daß an der Ermordung von Gerd Albartus Carlos und das RZ-Mitglied Weynrich beteiligt gewesen sein sollen. Das erschreckende an dieser Meldung ist, daß der Wahrheitsgehalt mit dem wochenlangen Schweigen eher zu- als abnimmt. Anerkennenswert greift die So oder So! in ihrer März-Ausgabe diese Befürchtungen auf: Die BAW erklärte vor kurzem, in Berlin demnächst Johannes Weinrich wegen der Erschießung des RZ-Militanten Gerd Albartus 1987 im Nahen Osten anklagen zu wollen. Bereits Ende der 90ziger war Magdalena Kopp, eine ehemalige Aktivistin der Gruppe Internationaler Revolutionäre ( oder: Carlos-Gruppe ) mittels des VS-Spezialisten für Aussteiger Benz aus ihrem Exil in Venezuela in die BRD zurückgeführt worden. Der FOCUS berichtete von umfangreichen Aussagen Kopps, die sich auch auf den Tod von Gerd Albartus bezogen. Laut Kopp’s Version sei Gerd von einem Volksgericht der Carlos-Gruppe wegen angeblicher Agententätigkeit angeklagt und dann per Kopfschuß liquidiert worden. Unglaubwürdig klingt das nicht.

Sicherlich können auch ganz persönliche Umstände und Entscheidungen eine Rolle bei Aussageverweigerung oder Verrat spielen- gerade dann, wenn ein politischer Lebenszusammenhang in sich zusammen, eine gemeinsam getragende Utopie , auseinandergebrochen ist. In einem solchen Fall trifft staatliche Repression möglicherweise auf Menschen, die ganz unterschiedliche Konsequenzen daraus gezogen, wenig oder gar nichts mehr miteinander zu tun haben. Damit ist nicht nur Tarek Mouli gemeint.

Solidarität entsteht am allerwenigsten darüber, daß man die Verhafteten als Opfer staatlicher Repression in Schutz nimmt. Das Ziel dieser staatlicher Repression ist nicht die Zerschlagung einer existierenden RZ-Struktur, sondern die Rache an einem militanten Konzept, das sich ihrer Logik, ihrer Ordnung, ihren Fahnungsrastern – mehr oder weniger erfolgreich – über 20 Jahren entzog. Dieses Konzept hatte – geschichtlich betrachtet – eine große Bedeutung im Rahmen radikaler Systemopposition. Sich dazu in Beziehung zu setzen -von heute aus – ist Teil einer Solidaritätsarbeit,  unabhängig davon, wie sich die einzelnen Verhafteten juristisch und/ oder politisch dazu verhalten werden.

autonome L.U.P.U.S.-Gruppe März 2000

Auszug aus dem Buch: Die Hunde bellen. Von A bis (R)Z. Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre, Unrast-Verlag 2001

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s