Ein fast perfektes Verbrechen (2006)

STAATSGEHEIMNIS
Vor 20 Jahren ereignete sich in einem Forschungszentrum in Geesthacht ein schwerer Atomunfall. Bis heute streiten dies offizielle Stellen ab

In diesem Jahr feiert ein staatliches Forschungszentrum sein 50-jähriges Bestehen und lädt dafür am 26. August zum Tage der offenen Tür: die GKSS (Gesellschaft für Kernenergieforschung; der hinfällige Namenszusatz „in Schiffbau und Schifffahrt“ wurde beibehalten) in Geesthacht. „Zwischen 10 und 17 Uhr präsentieren wir Ihnen auf unterhaltsam-informative Art einen Einblick in die Vielfalt unserer Forschungsthemen.“ Ein solches Jubiläum legt einen Blick in die betriebseigene Geschichte nahe, doch der spart das katastrophalste Ereignis in der Forschungsstätte einfach aus. Die GKSS müsste knapp drei Wochen später noch einmal Jubiläum feiern: Ein schwerer Atomunfall auf seinem Gelände jährt sich am 12. September zum 20. Mal.

Aufgeheizte Stimmung

Um zu verstehen, was an diesem Tag und in den Wochen danach geschah, muss man sich in Erinnerung bringen, dass zu dieser Zeit die Folgen des GAU von Tschernobyl am 26. April 1986 gerade erst ins Bewusstsein kamen. Dieser GAU hatte nicht nur tödliche Strahlung freigesetzt, in deren Folge Hundertausende starben und schwer erkrankten, er hatte auch die politische Landschaft verwandelt. Bereits nach einigen Wochen hatten die Ereignisse in Tschernobyl in jeder Hinsicht Grenzen überschritten. Zum einen machte die Radioaktivität, die in ganz West-Europa gemessen wurde, deutlich, dass es eine nationale Atompolitik nicht gibt. Zum anderen beendete der GAU bisherige Verharmlosungen der Kernenergie und gab dieser Gefahr eine lebensbedrohliche Realität.


Die Anti-AKW-Bewegung wurde von den Ereignissen überrollt und mitgerissen. Hunderttausende demonstrierten in zahlreichen Städten der BRD. Der Protest der Anti-AKW-Bewegung erhielt zwar eine nie da gewesene politische Breite, doch dies gefährdete das Atomprogramm nicht einschneidend. Die Regierungsparteien setzten auf immer stärker militarisierte Repression, rüsteten Bundesgrenzschutz und Polizei auf und versuchten gleichzeitig politisch die Bewegung zu spalten in Gewaltfreie und Gewaltbereite. Mit welcher Skrupellosigkeit an der Atompolitik festgehalten wurde, machte die Informationspolitik der Bundesregierung deutlich: Sie beschwichtigte, verschwieg, verleugnete, verharmloste… Allen, von der CDU bis hin zur SPD, war klar, dass die Wahrheit über die Folgen von Tschernobyl eine Dimension sichtbar gemacht hatte, die auch die Atompolitik im eigenen Land hätte kippen können.

Inmitten dieser aufgeheizten Stimmung und politisch äußerst brisanten Lage ereignete sich am 12. September 1986 ein weiterer „Atomunfall“, nicht in der Sowjetunion, weit weg, sondern bei Geesthacht an der Elbe. Auf dem Gelände des staatlichen Forschungszentrums GKSS kam es zu einem „mysteriösen Waldbrand“.


Tarnung

Was verbirgt sich hinter dieser harmlosen Firmenbezeichnung: Gesellschaft für Kernenergieforschung in Schiffbau und Schifffahrt?

1989 erschien eine Dokumentation unter dem Titel „Atomforschung in Geesthacht – Schleichwege zur Atombombe?„. Jahrelang hat die fünfköpfige Redaktionsgruppe des Arbeitskreises „Atomwaffenverzicht ins Grundgesetz!“ die Geschichte und Entwicklung der GKSS verfolgt und recheriert. Sie kam zu folgendem Ergebnis:

In Geesthacht existiert eine atomare Infrastruktur, die mit den Forschungsreaktoren, den Heissen Zellen und weiteren Forschungsgeräten labormässig eine Plutoniumwirtschaft möglich macht. Laut Aussage des ehemaligen Forschungsministers Volker Hauff (SPD) ist das die ausreichende Infrastruktur zum Bau einer Atombombe. …In Geesthacht wird bzw. wurde auch real Plutoniumforschung betrieben, und zwar mit erschreckender Zielstrebigkeit bis ins Detail…Geesthachter Forscher beschäftigten sich bereits seit Anfang der 50er Jahre auch direkt mit der Technik von Atombomben. … Atomtransporte aus Geesthacht gingen in militärische Wiederaufarbeitungsanlagen wie im französischen Marcoule...“

Falsche Fährten

In Folge dieses Ereignisses wurde erhöhte Radioaktivität in der näheren Umgebung gemessen. Alarmiert durch die Strahlung machte die örtliche Bürgerinitiative zuerst das nahe liegende AKW Krümmel dafür verantwortlich. Dankbar nahmen Landesregierung und (Aufsichts-)Behörden den Verdacht eines radioaktiven Lecks im AKW Krümmel auf und veranlassten entsprechende Nachforschungen. Untersuchungen mit falschen Fragestellungen wurden auf den Weg gebracht. Die GKSS wurde in diese Untersuchungen nicht miteinbezogen. Man unterließ es, Bodenproben im Umfeld des Waldbrandes zu nehmen, machte weder Durchsuchungen auf dem Gelände der GKSS noch wurden Unterlagen beschlagnahmt, die die Aktivitäten der GKSS aufzeichneten und „Experimente“ dokumentierten. Es wurden keine Mitarbeiter des atomaren Forschungszentrums vernommen.

Vertuschungen

Selbst das Naheliegende unterließen die ermittelnden Behörden: Die Einsatzprotokolle und sichergestellten Fundstücke der lokalen Feuerwehr, die den mysteriösen Brand löschte, anzufordern und auszuwerten. Die Intensität, mit der falsche Fährten gelegt, offensichtliches unterlassen und belastendes (verstrahltes Material) beiseite geschafft wurde, würde für ein ganze Krimi-Serie reichen: Der „mysteriöse Waldbrand“ am 12.9.1986 zerstörte nicht nur Fauna und Flora. Im Abschlussbericht der schleswig-holsteinischen „Fachkommission Leukämie“ von 2004 steht: „Auf einer früheren Luftaufnahme ist dort (ein zwischen GKSS und Kernkraftwerk Krümmel gelegenes Areal, d.V.) noch ein Gebäude erkennbar.“

Auf dem Gelände der GKSS befanden sich auch mehrere Strahlendetektoren. Genau dort, wo der „mysteriöse Waldbrand“ wütete, fiel der Strahlendetektor „3/9“ („Lokalisation: GKSS Tesperlude/Institut für Physik“) über zwölf Wochen aus. Ein entsprechender Registrierungsauszug der Firma ESN belegt dies eindeutig: „38. bis 49. KW ungeplante Stationsverlegung nach Brand am ursprünglichen Aufstellungsort.“

„Im Zeitraum zwischen dem 15.9.1986 und dem 14.9.1987 wurden per Lkw ›bestrahlte Brennstabsegmente‹ ins bayerische Karlstein gefahren“, berichtete der Journalist Detlef zum Winkel im Dezember 2004. Bis heute bleiben die Aufsichtsbehörden die Antwort schuldig, was es mit dieser Fracht, mit diesen „bestrahlten Brennstabsegmenten“ auf sich hatte. Das Ziel dieser LKW-Fahrten ist aufschlussreich: In Karlstein/Bayern befand sich ein Zwischenlager für Brennelemente. 1993 wurde dieses atomare Zwischenlager außer Betrieb genommen.

Die Vorgänge demonstrieren ein perfektes Zusammenspiel von staatlicher Atomforschung, privaten Atomfirmen, atomaren Aufsichtsbehörden, Landesregierung, Justiz, Staatsschutzbehörden, Landeskriminalamt (LKA) und Polizei: Die Behörde unterließ Untersuchungen auf dem Gelände der GKSS, ein Ermittlungsverfahren unterblieb, das LKA wurde nicht eingeschaltet, die Staatsanwaltschaft blieb gezielt untätig, die Deklarations-Unterlagen über die Transporte ins atomare Zwischenlager Karlstein verschwanden, Protokolle über all das, was in Karlstein „entsorgt“ wurde, verschwanden. Wenn Robert Jungk in diesem Zusammenhang vom „Atomstaat“ spricht, dann hat das wenig mit Alarmismus oder politischer Hysterie zu tun. Dieser Atomstaat hat allen Grund zum planvollen, systematischen Vorgehen. Ein Vorgehen, das die partielle Aussetzung bürgerlicher Verfassungs- und Rechtsgrundsätze einschließt.

Wären ein paar Monate nach Tschernobyl die offiziellen Untersuchungen nicht ausschließlich auf das AKW Krümmel fokussiert, sondern auf das GKSS ausgedehnt worden, wären Spuren und Zusammenhänge ans Tageslicht gekommen, die das Atomprogramm mehr gefährdet hätten, als die erstarkte Anti-AKW-Bewegung. So brauchte es Jahre, bis der Nachweis erbracht werden konnte, dass seinerzeit nicht das AKW Krümmel für die erhöhte Radioaktivität ursächlich verantwortlich war, sondern das ganz in der Nähe gelegene Forschungszentrum GKSS. Viel zu spät entdeckten Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft für Physikalische Analytik und Messtechnik (Arge PhAM) in der Umgebung der GKSS millimetergroße Kugeln, die weder in der Natur, beim Betrieb eines AKW, noch bei oberirdischen Atomtests „abfallen“, gefunden wurden sie auf Dachböden und im Erdreich: Transurane, Plutonium-241 und Americium-241.

Sensationelles Ergebnis

Nachdem alle angeschriebenen Forschungsinstitute unisono eine Untersuchung der Bodenprobe ablehnten, wurde die internationale Sacharow-Universität in Minsk mit der Analyse beauftragt. Das Ergebnis war sensationell und ist bis heute nicht widerlegt: Die nukleartechnischen Kügelchen enthalten die spaltbaren Stoffe Uran, Plutonium-241, Americium-241 und Curium und werden in der Fachwelt als „sphere PAC“ bezeichnet. Diese „PAC-Kügelchen“ versinnbildlichen auf anschaulichste Weise den zivil-militärischen Doppelcharakter (Dual-Use) der angeblich ausschließlich friedlichen Nutzung der Nuklearforschung: Sie können als Brennstoffe für Hochtemperaturreaktoren genutzt werden. Aufgrund des hoch angereicherten Urans bzw. Plutoniums stellen sie zugleich die entscheidenden Komponenten für militärische Optionen dar.

Diese Entdeckung hätte zum falschen Zeitpunkt fatale Folgen haben können. Erstens: Die notorische Behauptung aller deutschen Bundesregierungen, die Nuklearforschung diene ausschließlich friedlichen Zwecken, hätte widerlegt werden können. Zweitens: Der Nachweis wäre erbracht, dass die Bundesrepublik seit Jahren den von ihr unterschriebenen Atomwaffensperrvertrag gebrochen hat. Drittens: Der „Atomstaat“ wäre keine paranoide Vorstellung von verschwörungstheoretisch veranlagten Anti-AKW-Gegnern, sondern eine zwingende Konsequenz aus der Tatsache, dass der militärische Charakter der Atomforschung unter allen Umständen geheim gehalten werden muss.

Nachdem sich der Schwerpunkt der (unabhängigen) Nachforschungen ab 2001 auf das atomare Forschungszentrum GKSS verlagerte, häuften sich auch dort die „Zufälle“: Die Unterlagen der GKSS aus der fraglichen Zeit verschwanden spurlos. Im Büro der Feuerwehrzentrale, die den Brand auf dem Geländer der GKSS löschte, brach am 1.9.1991 ein Feuer aus – und vernichtete alle dort gelagerten Unterlagen. Und trotz Bitten und Betteln der Untersuchungskommissionsmitglieder lehnten sowohl die zuständige Staatsanwaltschaft, als auch das LKA die Einleitung (bisher unterlassener) Ermittlungsverfahren ab. Im Fußball ein klassischer Fall von Doppeldeckung. Was in jedem anderen (oppositionellen) Fall für Hausdurchsuchungen, Razzien, vorläufige Festnahmen, Polizeiaktionen unter dem Vorzeichen „Gefahr im Verzug“ und bundesstaatsanwaltschaftliche Ermittlungen reichen würde, hatte in diesem Fall organisiertes Stillhalten zur Folge.

Ob es sich bei den gefundenen Transurane um PAC-Kügelchen handelt, ob damit – unter Verletzung des Atomwaffensperrvertrags – mit militärischer Zielsetzung geforscht und experimentiert wurde, hätten die zuständigen Behörden schnell klären beziehungsweise sicher entkräften können. Die Atomfirma „Hobeg“ in Hanau hatte damals die kugelförmigen Brennelemente für den Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop und den Forschungsreaktor in Jülich hergestellt. Ein Vergleich der dort produzierten kugelförmigen Brennelemente mit den „Funden“ in der Umgebung der GKSS bei Geesthacht hätte jeder Spekulation den Boden entziehen können. Nichts, aber auch gar nichts wurde unternommen.

Gebäude in Luft aufgelöst

Auch die Dementis der Landesregierung und aller Bundesaufsichtsbehörden, auf dem Gelände der GKSS habe es gar keinen „Unfall“ gegeben, könnten schnell und eindeutig ad absurdum geführt werden. Wenn die „Fachkommission Leukämie“ über Luftbilder vor dem 12.9.1986 verfügt, auf denen eindeutig ein Gebäude zu erkennen ist, das es nach dem Unfall nicht mehr gab, dann wäre es Sache der Aufsichtsbehörden, diesem schwerwiegenden Indiz nachzugehen. Die wiederholte Anfrage an die Pressestelle der GKSS, einen Lage- und Gebäudeplan aus den achtziger Jahren zur Verfügung zu stellen, wurde bis dato mit Schweigen quittiert. Interessanterweise findet man auf dem aktuellen Lage- und Gebäudeplan der GKSS kein Gebäude mehr, das den Namen „Institut für Physik“ trägt. Hat es sich einfach in Luft aufgelöst?

Nachdem die 1992 von der schleswig-holsteinischen Landesregierung eingesetzte „Untersuchungskommission Leukämie“ jahrelang den falschen Spuren folgte, änderte sie die Untersuchungsrichtung. Die Wissenschaftler gingen neuen Spuren nach und fanden heraus, dass hier unter anderem Plutonium vorlag, wie es für Kernfusionsexperimente, aber auch für die Entwicklung von Atomwaffen eingesetzt werden kann (s. Freitag 50/2002). 2004 stellten sie ihren Abschlussbericht vor. Er war vernichtend – für die Auftraggeber:

1. Die Funde von Transuranen (allen voran Plutonium-241 und Americium-241) sind weder auf das AKW Krümmel, noch auf die Folgen von Tschernobyl zurückzuführen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie das Ergebnis von (misslungenen) „besonderen kerntechnischen Experimenten„, die als „mysteriöser Waldbrand“ auf dem Gelände der GKSS verdeckt werden sollten.

2. Alle (Aufsichts-)Behörden und Dienststellen, die die Untersuchungskommission um Mithilfe bat, behinderten in hohem Maße die Aufklärung.

3. Um der Landesregierung nicht länger als Alibi für eine „unabhängige“ Untersuchung und vorbehaltlose Aufklärung zu dienen, trat die Mehrheit der Mitglieder der Untersuchungskommission zurück. (s. Freitag 47/2004)

Eigentlich ist ein Brand in einem Feuerwehrhaus, bei dem die Unterlagen eines anderen Brandes zerstört werden, nicht zu überbieten. Doch die Landesregierung setzte im Rahmen der organisierten Vertuschung und Unterlassung noch eins drauf. Als absehbar war, dass die von ihr eingesetzte Untersuchungskommission nicht zu dem gewünschten Ergebnis kommt, setzte die Landesregierung Schleswig-Holsteins zum Plot an: Sie beauftragte Dr. Wolters mit Expertisen und Gegengutachten, die die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der eingesetzten Untersuchungskommission widerlegen sollten. Jener Dr. Wolters war jahrelanger Referatsleiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Ministerium für Finanzen und Energie in Kiel. In seine Amtzeit fielen der Bau und die Genehmigungsverfahren zum AKW Krümmel. Nachdem er vorzeitig in den Ruhestand versetzt wurde, wechselte er zur Firma „SAST“ und fertigte dort als „unabhängiger“ Gutachter jene Expertisen und Gegengutachten an, die unter anderem das Cleaning seiner eigenen Aufsichtstätigkeiten zum Gegenstand hatten.

Das ist das vorläufige Ende eines Politthrillers, der in einer Gegend spielt, der Geesthachter Elbmarsch, die heute eine weltweit einmalige Häufung von Leukämie-Erkrankungen aufweist. Solange Behörden und Regierungsstellen nicht ihrer Pflicht zur Aufklärung nachkommen, ist von der größten anzunehmenden Regierungskriminalität auszugehen.

Wolf Wetzel                                                   2006/2011


Veröffentlicht in Freitag 32, 11.08.2006 und in der Anti-Atom-Aktuell Nr. 174 (http://www.anti-atom-aktuell.de/archiv/174/174fastperfekt.html)

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