Von der »Weltinnenpolitik« zum World-Trade-War

Auf der Rückseite des amerikanischen Traumes …“[1]

Am 11.9.2001 wurde das World Trade Center in New York durch zwei entführte Linienflugzeuge zerstört. Am selben Tag beschädigte ein drittes entführtes Flugzeug Teile des amerikanischen Verteidigungsministeriums, des Pentagon, in Washington schwer. Ein viertes Flugzeug zerschellte, ohne ein weiteres, unbekanntes Ziel zu treffen.

Auch wenn weder die AngreiferInnen, noch deren Ziele bekannt sind, kann davon ausgegangen werden, dass beide Ziele nicht zufällig gewählt wurden.

Das Word Trade Center, mit seinen zwei gigantischen Türmen, und den über 450 Unternehmen, die dort ansässig waren, galt unter den VerehrerInnen des Kapitalismus als erste Adresse für Global Player. Ein Knotenpunkt in der weltweiten Wertschöpfungskette, die aus den Fenstern des ehemaligen World Trade Centers als ›Freiheit des Welthandels‹ gefeiert und aus den fensterlosen Wellblechhütten als mörderische Politik erlebt wird. Eine Wertschöpfungskette, die aus unbeschreiblicher Armut, Sicherung und Ausbeutung von Rohstoffen, elenden Arbeitsbedingungen für die meisten Menschen in dieser einen Welt, materieller Teilhabe eines kleinen Teils der Weltbevölkerung in den Metropolen und unvorstellbarem Reichtum weniger transnationaler Großkonzerne besteht. Dass man mit Kapital genauso Krieg führt wie mit Flugzeugträgern und Soldaten, ist für Global Player selbstverständlich: Siegessicher verweisen sie auf ihre ›Kriegskasse‹, wenn es darum geht, Marktanteile zu erobern. Voller Stolz sprechen sie von einer ›feindlichen Übernahme‹, wenn ein anderes Unternehmen – gegen dessen Willen – einverleibt wird.

Das zum Teil zerstörte Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, steht nicht nur für den geplatzten Traum von der eigenen Unverwundbarkeit, der mit der Installierung eines Raketenabwehrschirmes Wirklichkeit werden sollte. Das Pentagon steht für eine amerikanische Verteidigungsdoktrin, die all den Staaten den (offenen oder verdeckten) Krieg erklärt, die ›amerikanische Interessen‹ bedrohen. Millionen von Menschen wurden zur Wahrung amerikanischer Interessen ermordet – alleine im Vietnamkrieg über 2.000.000 ZivilistInnen und über 1.000.0000 Vietcong-KämpferInnen. Im Pentagon wurde Attentate, Staatsstreiche, Militärputsches geplant und durchgeführt, nationale Befreiungsbewegungen mit Counter-Incurgency-Maßnahmen (verdeckte Kriegsführung) bekämpft, Diktaturen militärisch gestützt, Folterzentren mit Know-how versorgt, Todesschwadrone angeleitet und mit Zieldaten versorgt.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in der ›zivilisierten Welt‹ um diese Opfer jemals getrauert, geschweige denn, Vergeltung als angemessene Reaktion begrüßt wurde.

Niemand weiß bis heute, wer das World Trade Center und das Pentagon angegriffen hat, welche Motive und Ziele mit diesen Angriffen verbunden waren. Um als radikale Linke zu diesen Anschlägen Stellung zu nehmen, braucht es weder einer Erklärung, noch der vielen ›Beweise‹ aus der Abteilung Desinformationspolitik des Pentagons: Es gibt kein emanzipatorisches, kein revolutionäres Ziel, das die Entführung von Passagierflugzeugen, die Inkaufnahme des Todes aller Insassen, die Verwandlung von Zivilflugzeugen in ›Benzin-Luft-Bomben‹ rechtfertigt. Den sicheren Tod von Passagieren als Bestandteil eines Anschlages einzukalkulieren, tritt nicht aus dem Schatten einer mörderischen, staatsterroristischen Politik, sondern verlängert ihn.

Wer auch immer das World Trade Center und das Pentagon mit Mitteln angreift, die sich in der Logik derer bewegen, die mit diesem Anschlag getroffen werden sollen, verbreitet keine Hoffnung, sondern Terror.

Die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon mögen auf vielschichtige Weise Hass und erlittene Ohnmacht befriedigen. Nichts, aber auch gar nichts scheint darin auf, was über die Herrschaft aus Vernichtung und Demütigung, was über soziale, gesellschaftliche Prozesse der (Selbst-)Zerstörung hinausweist.

Die Bilder, die wir seitdem tagtäglich vom eingestürzten World Trade Center auf den Bildschirm bekamen, die Gesichter und Stimmen, die von Angst, Ohnmacht und Fassungslosigkeit gezeichnet waren, machen sprachlos. Während wir stündlich mit Bildern von diesem Angriff auf die ›zivilisierte Welt‹ konfrontiert sind, werden wir seit Jahren von Bildern verschont, die das tagtägliche Sterben von Hunderttausenden Menschen an Hunger zeigen könnten, die zeigen könnten, mit welchem Terror Russland Krieg gegen tschetschenische Rebellen führt, die zeigen könnten, was die 79-tägige ›Luftkampagne‹ der NATO in Jugoslawien an Ohnmacht und Verzweiflung zurückgelassen hat. Dieser tagtägliche Terror aus Hunger, Bomben und Entwürdigung verdient in der ›zivilisierten‹ Welt weder Trauer noch Schweigeminuten. Im besten Fall bekommt das Unbehagen ein paar Sendeminuten in Talkshows, wo über die Zahl der unnötigen Opfer (als ›Kollateralschäden‹ geführt) illuster und absolut folgenlos gestritten werden darf.

»Tot oder lebendig« (US-Präsident George W. Bush)

– Der No-Name-War

Nachdem der US-Präsident Bush zwei Tage in unterirdischen Kommandozentralen versteckt gehalten wurde, meldete er sich am Abend des 12.9. 2001 in einer Fernsehansprache zu Wort: »Dieser Massenmord sollte dazu dienen, unsere Nation einzuschüchtern und in Chaos und Resignation zu treiben. Dies ist nicht gelungen. Unser Land ist stark. Ein großes Volk ist dazu angespornt worden, eine große Nation zu verteidigen. […] Amerika wurde zum Angriffsziel, weil wir in der Welt die strahlendste Fackel der Freiheit und der Selbstverwirklichung sind. Und niemand wird den Glanz dieses Lichtes auslöschen. Heute hat unsere Nation das Böse gesehen, die schlimmste Seite der menschlichen Natur…“[2]

Tags darauf breitete er sein infantiles Weltbild weiter aus und sprach vom »monumentalen Kampf«, den »das Gute gegen das Böse«[3] zu führen habe und gewinnen werde.

Später stellte er seine Kriegserklärung in die Reihe der Verbrechen, die im Namen christlicher Kreuzzüge begangen wurden, und erklärte: »Amerikaner sollten nicht eine einzige Schlacht erwarten, sondern einen langen Feldzug, wie wir ihn bisher noch nicht erlebt haben[4] Der Kampf gegen den Terrorismus werde ein »langer Kreuzzug« sein.

Der britische Premierminister Tony Blair, immer gerne an der Seite der USA, wenn es um Kriegsbeteiligungen inklusive -rendite geht, schoss mit religiöser Erlösungsrhetorik den Vogel ab. Er ließ wissen, dass aus »dem Schatten des Bösen etwas gutes« geboren werden müsse – und verriet dabei seinen verdutzten ParteigenossInnen auch noch wie: »Gerechtigkeit und Wohlstand für die Armen und Besitzlosen«[5] dieser Welt.

Dass religiöser, fanatischer Fundamentalismus in islamischen Ländern, also weit weg von der ›zivilisierten‹ Welt zu finden ist, wissen wir aus der freien Presse des Westens. Dass dieser religiöse, fanatische Fundamentalismus auch eine Massenbasis in den Vereinigten Staaten von Amerika hat, wissen wir spätestens aus den Umfragen, die nach den Ansprachen des US-Präsidenten gemacht wurden: Über 90% der US-BürgerInnen stehen – laut dieser Umfragen – hinter ihrem Präsidenten.

Als der US-Präsident Bush neben der NATO auch noch Gott in seine Kriegsallianz einreihte (»Möge Gott Amerika weiter beschützen«) wurde diese Art der NATO-Erweiterung abgenickt. Als Ulrich Wickert, Moderator des ARD-Flaggschiffes ›Tagesthemen‹ in der Illustrierten ›Max‹ ausführte: »Bush ist kein Mörder und Terrorist. Aber die Denkstrukturen sind die gleichen«, bekam er prompt die ganze weltliche Macht dieses religiösen Netzwerkes zu spüren. Sofort begab sich die christdemokratische Chefin Angela Merkel auf die Kanzel und erklärte Ulrich Wickert für »absolut nicht mehr tragbar als Nachrichtenmoderator«[6]

Zwar bot Ulrich Wickert sofort ein Opfer auf dem Altar der Freiheit an und erklärte reumütig: »Ich stelle noch einmal ganz eindeutig fest: Ich vergleiche den Führer der freien Welt nicht mit dem Drahtzieher des internationalen Terrorismus.«[7] Doch die Inquisition ließ sich nicht täuschen, auch nicht vom kadettenhaften Bekenntnis zum »Führer der freien Welt« – und schaltete ihn erst einmal ab.

»Das Böse schlechthin […] hat gestern uns alle angegriffen«[8]

Religiöser Wahnsinn und infantile Weltbilder bedingen sich gegenseitig, brauchen keine bestimmte Glaubensrichtung, sondern einen Nährboden aus Nationalismus, Autoritätshörigkeit und Unterwürfigkeit. Und der ist auch in Deutschland zur Genüge vorhanden.

In Deutschland hat sich die Springerpresse an die Spitze dieses mörderischen Kreuzzuges gestellt und Flagge gezeigt: Die Solidarität mit den Vereinigten Staaten wurde in die Unternehmensgrundsätze aufgenommen. Seitdem ist das »rote Bild-Logo mit einer US-amerikanischen Flagge unterlegt«[9].

Tag für Tag bombardierten die Springer-Blätter ihr Millionenpublikum mit Artikeln, in denen Nachhilfe geleistet wurde, das ›Gute‹ und das ›Böse‹ voneinander zu unterscheiden. Doch mit pränatalem Erwachsenenunterricht hielten sie sich nicht auf. »Jagt ihn! 10 Millionen für seinen Kopf« (Kölner Express). Dass mit dieser Hetzjagd nicht nur Bin Laden gemeint war, sondern alle hier lebenden Menschen, die so oder so ähnlich aussehen, haben seitdem viele Menschen in der Bundesrepublik Deutschland erleben müssen.

Die Übersetzung dieses religiösen Fanatismus ins Deutsche blieb nicht alleine der Springerpresse überlassen. Auch die so liberale Frankfurter Rundschau beteiligte sich daran. Seiten füllten diese Zeitung mit Andeutungen und Mutmaßungen, die »die Komplexität des Bösen«[10] darzulegen vorgaben. Unter dem Titel »Blow out ins Paradies« täuschte die Frankfurter Rundschau ihren LeserInnen eine Antwort auf die selbst gestellte Frage vor: »Warum bin Ladens Gotteskrieger lebende Bomben sind«. Dabei scherte sich die Frankfurter Rundschau einen Dreck darum, dass kein einziger Beweis dafür erbracht wurde, dass jener ominöse Top-Terrorist für diese Anschläge verantwortlich ist. Die Unschuldsvermutung, ein Rechtsinstitut in einer vermeintlich zivilisierten Gesellschaft zählt einfach nichts, wenn es darum geht, dem Krieg abendländischen, kulturalistischen Flankenschutz zu geben.

Selbstverständlich gab es neben der »Suche nach dem Bösen«, der sich auch die TAZ in einer Artikelüberschrift anschloss, auch besonnene Stimmen – vor allem aus den Reihen jener, die das ›Gute‹ gerne mit dem Markenoutfit einer ›zivilen Gesellschaft‹ oder als Übergröße, mit der ›Weltgesellschaft‹ einkleiden wollten:

»Dies ist nicht nur ein Krieg gegen die USA, dies ist ein Krieg gegen die zivilisierte Welt.«[11]

»Es ist ein Anschlag auf die offene Gesellschaft überhaupt.«[12]

»Es ist ein Anschlag auf die zivile Gesellschaft, auf Kultur und Humanität. Es ist das Herz nicht nur der amerikanischen, auch der Weltgesellschaft getroffen.«[13]

Mit weniger Weltgeist gefüllt ging es darum, einen weiteren Kriegseintritt Deutschlands zu rechtfertigen, die Teilnahme am »ersten Krieg des 21. Jahrhunderts«[14] – mit Ausnahme der PDS, die sich für »Polizeiaktionen« ausgesprochen hatte.

Dass es Krieg geben wird, war allen klar. Worum es geht auch: »Nur wer mit im Boot sitzt, kann Einfluss auf die Richtung nehmen« (Außenminister Joschka Fischer). Während die USA mit täglich wechselnden Kriegsdrohungen und der Ankündigung, ganze Staaten aus der Weltkarte zu streichen, die Rolle des Bad Boy ausfüllten, profilierten sich europäische Stimmen mit Bedacht und Weitsicht. Sie durften vor Überreaktionen warnen, vor blinden Rachegefühlen, vor falschen Fronten – um für Präzision und Zielgenauigkeit zu werben.

Nicht der Krieg an sich machte ihnen Sorgen. Es war die Angst, dass er außer Kontrolle geraten könnte, dass es zu einer Solidarisierungswelle mit denen kommen könnte, die angegriffen werden. Sie hatten den Protest im Auge, der sich in den NATO-Staaten gegen einen imperialistischen Krieg entwickeln könnte. Sie machten sich Gedanken über den dünnen Vorhang, hinter dem ein stinknormaler imperialistischer Krieg vorbereitet wurde. Sie hatten die berechtigte Sorge, dass die »strahlendste Fackel der Freiheit« nur für kurze Zeit blenden könnte und alsbald ein Bombenschacht sichtbar wird, aus dem gestern Napalm und Agent Orange (chemisches Kampfmittel im Krieg der USA gegen Vietnam) und heute Splitterbomben geworfen werden. Sie wollten zum Erfolg dieses US-alliierten Krieges beitragen und sicher gehen, dass die ›Wertegemeinschaft‹ dabei ohne schlechtes Gewissen zuschauen kann.

In diesem Sinne formulierte auch H. Scheer, Bundestagsabgeordneter der SPD seine Bedenken: »Aktuell ist es eine brisante Fehleinschätzung, die zu dramatischen Verhaltensfehlern mit massenhafter Breitenwirkung anstiften kann, wenn nun die Mordflüge islamistischer Extremisten als Beleg für den ›Kampf der Kulturen‹ gewertet werden. Arnulf Baring spricht in verantwortungsloser Weise in einem Bild-Zeitung-Interview von einem ›Kampf zwischen Morgenland und Abendland‹. Die Gefahr, dass damit die psychologische Situation entsteht, die tatsächlich zu einem solchen Kulturkampf ausarten könnte, ist mit den Händen zu greifen.«[15]

Die Monopolisierung der Wahrnehmung

oder

Das Erlangen der Informationshoheit

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon wurden monatelang, möglicherweise über Jahre geplant und vorbereitet. Wenn man den Pressemeldungen Glauben schenken will, wusste davon weder der US-amerikanische Geheimdienst noch sonst irgendein Abwehr- oder Militärdienst.

Obwohl es also weder Spuren noch Hinweise gab, die zu denjenigen führten, die diese Aktionen durchführten, wusste am selben Tag der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark sofort, in welche Richtung zurückgeschlagen werden soll: »Der erste Verdacht gilt Bin Laden.«[16]

Dieser Verdacht nährte sich nicht aus Wissen. Was Bin Laden innerhalb von Tagen vom Verdächtigen zum ›Drahtzieher‹ machte, ist dem Umstand geschuldet, dass er von den US-Behörden lange vor diesem Anschlag als »Staatsfeind Nummer eins« gehandelt wurde, als »die größte Bedrohung für den Weltfrieden«, vom ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton an den amtierenden US-Präsidenten George W. Bush weitergereicht.

Genauso wenig bedurfte es eines offengelegten Beweises, als man dem Hauptverdächtigen die islamistische Organisation ›Al-Qaida‹ beimischte und für die Anschläge mitverantwortlich machte.

Als die afghanische Regierung die USA aufforderten, Beweise für diese Verdächtigungen zu liefern, stellte US-Präsident Bush klar, was er von internationalen Rechtsstandards hält: die Auslieferung von Bin Laden, die Schließung der Ausbildungslager der Al-Qaida ist bedingungslos und nicht verhandelbar. Seitdem wissen auch andere westliche Regierungen und Medien, wie sie mit den Verdächtigungen umgehen: man teilt, streut, garniert sie und würzt nach. Alles, was sich in den Waffenarsenalen der westlichen Welt befindet, wird in die Hände des terroristischen Netzwerkes Al-Qaida gelegt: Mal sind es Bio-Waffen (z. B. Milzbranderreger), mal Atomwaffen. Mal wollen die Taliban den Westen mit Opium überschwemmen und high machen, mal erklärt man den Absturz der Aktienmärkte zu ihrem perfiden Werk. Mal will man eine Verbindung zwischen der Explosion in einer französischen Chemiefabrik und dem Kampf gegen den Terror nicht ausschließen, mal sind es »Schläfer«, die überall auf der Welt nur darauf warten, loszuschlagen. Wenn man all diese Horrorszenarien ernst nimmt, wäre Afghanistan Weltmacht Nr. 1 und nicht eines der ärmsten Länder dieser Welt. Die Funktion und Bedeutung dieser Bedrohungsszenarien ist immer dieselbe: Die USA und der ›freie Westen‹ generieren sich zum Opfer, das angegriffen wurde und sich nun zur Wehr setzen müsse. Dafür erzeugt man ein Klima, das dem Kriegsfeind alles zutraut, damit – zum Schutz davor – alles erlaubt ist. Hat man den Angriffskrieg erfolgreich in einen Verteidigungsfall konvertiert, kann bombardiert, auslöscht, aufgerüstet, gelogen, zensiert, bestochen, verschärft, einschränkt, gerastert, genetisch und biometrisch erfasst, abgeschoben, enttabuisiert, schilysiert und normalisiert werden.

Das Orchester aus Regierungserklärungen, parteipolitischer Statements, Expertenmeinungen, lancierten und unterschlagenen Meldungen, flankierenden Hintergrundsberichten und kritischen Stimmen, die den Konsens abschmecken, ist geübt. Die Monopolisierung dessen, was wahrgenommen, was als Störung herausgefiltert, was als (Bedrohungs-)Gefühl verstärkt, was als unweigerlich, alternativlos empfunden werden soll, hat längst Routine.

Als 1991 die US Alliierten gegen den Irak Krieg führten lief die Desinformationspolitik auf Hochtouren. Die USA schufen einen ausgewählten »Pressepool«, der dankbar wie eine Herde Schafe alles fraß, was man ihm hinhielt: Videos, Werbespots, Briefings, Bilder aus dem Kopf von Marschflugkörpern usw.. Auftragsgemäß verbreitete die westliche Presse das Bild vom chirurgisch-klinischen Krieg. Statt Bilder von Napalm, Splitterbomben und Benzin-Luft-Bomben verstümmelten Menschen bekam der ›freie Westen‹ Aufnahmen aus dem OP-Raum geliefert. Bilder mit einem Fadenkreuz in der Mitte, dazwischen irgendwelche topografischen Andeutungen und am Schluss eine weiße Rauchwolke. Und als könnte man die Perfidie vom ›sauberen‹ Krieg noch steigern, ging das Bild von US-Soldaten um die Welt, die in einer Badewanne ölverschmutzte Vögel reinigten. Und wenn die Zustimmung zu diesem Krieg abzubröckeln drohte, wurde nachgeliefert. U.a. ein Video, das eine der größten Werbeagenturen in den USA, Hill & Knowlton, erstellte, um zu beweisen, dass Saddam Hussein Babys in Brutkästen ermorden ließ.

Stolz und zufrieden blickten die US-Militärs auf ihre mediale Kriegsführung zurück: »Der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte am Golf, US-General Norman Schwarzkopf, hatte jüngst zugegeben, dass die Medien während des Golf-Krieges manipuliert worden seien und einem ›gigantischen Täuschungsmanöver‹ gegen Irak gedient hätten.«[17]

Auch 1999, als die ›Jugoslawienfrage‹ für einen weiteren Angriffskrieg der USA und NATO geschaffen wurde, war die Medialisierung Teil des militärischen Krieges.

Um den geplanten Angriffskrieg zu legitimieren, wurden Massaker an der Zivilbevölkerung erfunden, Bilder, die dies bezeugen sollten, gefälscht, Aussagen von OSZE-Beobachtern, die einer solchen Darstellung widersprachen, unterschlagen. Man kann davon ausgehen, dass der NATO-Sprecher Jamie Shea nicht nur für sich sprach, als er seine Aufgabe im Krieg gegen Jugoslawien wie folgt umschrieb: »Die Journalisten waren gleichsam Soldaten in dem Sinne, dass sie der Öffentlichkeit erklären mussten, warum dieser Krieg wichtig ist. Es gehörte zu meinen Aufgaben, sie zu munitionieren, die Lauterkeit unserer Kriegsmotive und unserer Aktionen zu zeigen[18]

Wenn heute wieder Bilder, Fakten, Beweise, Erklärungen geliefert werden, die den »Kreuzzug gegen den Terror«, der mit dem Krieg in Afghanistan begonnen wurde, legitimieren sollen, gibt es zwei Möglichkeiten:

Man kann sich auf die ausgelegten Spuren stürzen und über deren Wahrheitsgehalt streiten. Man kann davon Schlussfolgerungen, politische Einschätzungen und das eigene (Nicht-)Handeln abhängig machen – und Teil einer medialen Inszenierung bleiben.

Man kann aus Erfahrungen auch lernen – und ihnen kein einziges Wort glauben.

Es gibt keinen Grund, heute der Kriegskoalition aus Regierung und Opposition, den akkreditierten Medien und den sie eskortierenden Experten Glauben zu schenken. Dabei ist es völlig egal, ob sie über mutmaßliche Attentäter, über ›terroristische Organisationen‹ oder über edle Kriegsziele und Friedensvorstellungen reden. Sie lügen wie gedruckt.

Aus: »Krieg ist Friede. Über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach…«, S.121-128,

Wolf Wetzel, Unrast-Verlag, Münster, 2002


[1] Harry Nutt, FR vom 13.9.2001

[2] FR vom 13.9.2001

[3] FR vom 13.9.2001

[4] FR vom 22.9.2001

[5] FR vom 4.10.2001

[6] FR vom 5.10.2001

[7] FR vom 5.10.2001

[8] CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Friedrich Merz, FR vom 13.9.2001

[9] FR vom 14.9.2001

[10] FR vom 25.9.2001

[11] Regierungserklärung des SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder, FR vom 20.9.2001

[12] Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, Rezzo Schlauch, FR vom 13.9.2001

[13] PDS-Fraktionsvorsitzender Roland Claus, FR vom 13.9.2001

[14] US-Präsident Bush, FR vom 14.9.2001

[15] FR vom 15.9.2001

[16] FR vom 12.9.2001

[17] FR vom 6.3.1991

[18] ARD-Dokumentation vom 29.10.1999

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