Wie alles anfing…

Wie alles anfing…

Es müsste so Anfang der 80er Jahre gewesen sein. Eines Tages rief mich ein Freund aus Berlin an und fragte, ob zwei Genossen bei uns für zwei Wochen schlafen könnten. Sie hätten in der Nähe von Frankfurt eine Fortbildung in Fotosatz und suchen deshalb eine Übernachtungsmöglichkeit.


„Prinzipiell habe ich nichts dagegen. Aber weißt Du, mit Berliner Genossen habe ich in letzter Zeit verdammt schlechte Erfahrungen gemacht und keine Lust auf Wiederholungen.“
„Wie meinst Du das?“ – “Ja, die denken, sie kommen von wo weiß ich her, nehmen alles mit einer wortlosen, arroganten Selbstverständlichkeit in Anspruch, rauschen mit einem milden Lächeln ab… und wir dürfen den Dreck wegmachen. Solche Auftritte kann ich mir ersparen. Also wenn die ne’ Putzhilfe mitbringen, bin ich einverstanden.“

Ein paar Wochen später kamen sie – ohne Putzhilfe. Sie fragten jeden Tag, ob jemand abends zum Essen da ist, kochten, deckten den Tisch, spülten ab, räumten auf, wischten auf – so oft, so regelmäßig, dass ich mir mit meinen Vorwürfen ziemlich blöd vorkam und mich über diesen geliehenen WG-Alltag freute, den wir allein kaum noch hingekriegt haben.

Mit Tarek verband mich von da ab eine Freundschaft, die für mich in dieser Intensität recht ungewöhnlich war. So ein bischen was wie ‘Liebe auf den ersten Blick’. Ich mochte seine Art, seine Ruhe, seine Souveränität, die sich nicht zur Schau stellte, sondern mit Bescheidenheit wirkte. Ich mochte ihn als Mann und seine großen, klaren Augen.

Ganz langsam wuchs das Vertrauen. Wir warfen damit nicht herum. Als ich ihn in Berlin die ersten Male besuchte, lebte er in einer 1 ½ Zimmer-Wohnung am Bethaniendamm, direkt mit Blick über die Mauer Richtung ehemaliger DDR. Die Tür zu einem kleineren Zimmer blieb immer zu. Damals fiel mir das nicht auf und Tarek machte mich auch nicht durch geheimnisvolle Andeutungen neugierig. Sie blieb einfach verschlossen.

Mit der Zeit streiften wir vieles, was in seinem und meinem Leben Wichtigkeit bekam – Auseinandersetzungen innerhalb der HausbesetzerInnenbewegung in Berlin, meine Erfahrungen an der Startbahn West, unsere gemeinsamen Kampfsporterfahrungen.

Irgendwann schloss Tarek die Tür zu dem kleineren Zimmer auf. Auf einem Tisch waren mehrere Scanner (Gerät zum Abhören des Polizeifunkes) aufgebaut, die mit Aufzeichnungsgeräten verbunden waren. Dazwischen waren Schaltungen eingefügt, die die Kassettenrekorder erst dann in Gang setzten, wenn es tatsächlich zu einem Funkverkehr kam.

Anfang 1988 verlor sich unsere Spur.

Im Dezember 1999 bekam ich Post von einer Freundin aus Berlin. Ihrem Brief war ein längerer Zeitungsartikel aus einer Berliner Zeitung beigefügt, in dessen Mitte ein Bild platziert war, wo Polizei-Roboter den Eingang zum Mehringhof abriegelten. Ich überflog den Artikel, in dem die Durchsuchung des Mehringhofes in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die RZ/Rote Zora gestellt wurden. Ich legte den Artikel beiseite.
Kurz vor Sylvester, beim aufräumen, stolperte ich nochmals über diesen Artikel. Dieses Mal las ich ihn aufmerksam, von Anfang bis Ende und traute meinen Augen kaum, als ich auf den Name Tarek Mohamad Ali M. stieß: “In einer groß angelegten Aktion durchsuchten Mitarbeiter des Bundeskriminalamts (BKA) und des Bundesgrenzschutzes (BGS) aus Karlsruhe und Wiesbaden… das Gebäude stundenlang nach Waffen und Sprengstoff. Auch das Spezialkommando GSG 9 war im Einsatz. Zuvor waren Sabine Barbara E. in Frankfurt am Main und Axel H. und Harald G. in Berlin in ihren Wohnungen wegen des Verdachts der Mitgliedschaft bei einer terroristischen Vereinigung ‚Revolutionäre Zellen/Rote Zora (RZ)’ festgenommen worden… Bereits Ende November wurde der Berliner Kampfsportlehrer Tarek Mohamad Ali M. unter dem Verdacht festgenommen, Kopf der ‚Revolutionären Zellen’ zu sein…“(Der Tagesspiegel vom 20.12.1999)

Ich lief auf und ab, konnte mit Mohamad und Ali nichts anfangen, suchte in meinen Gedächtnis nach seinem Nachnamen und dachte mir: so viele, die Kampfsport machen und den seltenen Vornamen Tarek tragen gibt es doch nicht. Das muss er sein …
Ein paar Tage später musste ich die klitzekleine Hoffnung auf eine Verwechslung oder einen Doppelgänger aufgeben. Im ‚Focus‘ vom Dezember 1999 war unter der Balkenüberschrift: “Das bürgerliche Leben der RZ-Terroristen: die Chefs der Revolutionären Zellen in Berlin und Frankfurt bauten über Jahre hinweg eine unscheinbare Fassade auf“ sein Bild abgedruckt. Kein Zweifel: das ist Tarek.


Und es kam noch schlimmer. Unter dem reißerischen Aufmacher: „Revolutionäre Plaudertaschen“ nannte das Blatt nach dem „Plauderer Nummer eins: der 1998 gefangene Ex-Terrorist Hans-Joachim Klein… den Plauderer Nummer zwei: der Deutsch-Palästinenser Tarek Mohamad Ali Mousli. Der 40-jährige Karatekämpfer, Träger des sechsten Dan und Berliner Verbandstrainer war am 23.November in Berlin verhaftet worden… packte aus und belastete Schindler und dessen Freundin Eckle (Kampfnamen ‚Roxy‘) schwer… Als Kronzeuge der Bundesanwaltschaft legte Mousli ein umfangreiches Geständnis ab und verpfiff 50 Genossen des ‚klandestinen Kampfes’.“
Nein, das kann nicht wahr sein. Das ist eine plump lancierte Lüge. Tarek, ein RZ-Mitglied, ein Verräter und Kronzeuge?
Oder vielleicht doch? Was kann nicht alles in knapp zehn Jahren passieren, was sich mit meinen Erinnerungen nicht vertragen will?
Täuschen mich möglicherweise diese Erinnerungen? Tagelang stöberte ich in meinem Gedächtnis. Ich versuchte mich an Situationen, an Gespräche, an Umstände zu erinnern, in denen – im nachhinein – eine Andeutung stecken könnte, die seine jetzige Haltung, seinen Verrat erklärt.
Es war nichts zu machen: mit meinen Erfahrungen konnte ich den Verrat nicht erklären.

Und so machte ich mich mit einigen anderen auf die Suche. Wir spannen Fäden, gingen in den Erinnerungen und Nachforschungen weit zurück, stellten Verknüpfungen und Bezüge her, die für unser eigenes politisches Selbstverständnis von Bedeutung waren und sind.
Wir lasen das Buch von Hans-Joachim Klein ‚Rückkehr in die Menschlichkeit’, das wir damals nie gelesen hätten, kramten in RZ-Erklärungen, die wir damals lasen und heute anders verstehen lernten. Wir besuchten den OPEC-Prozeß, schlossen einige Leerstellen und stießen auf neue Fragen.
Ohne es zu wollen, rekonstruierten wir damit auch einen Teil militanter Geschichte, mit der einige ‚68‘er Staat machen wollen, indem sie sie für ‚glücklicherweise‘ und ‚erfolgreich‘ gescheitert erklären.
Und immer wieder unternahmen wir dabei den Versuch, die Auseinandersetzung mit militanter Geschichte nicht als etwas abzuschließendes, vergangenes zu begreifen, sondern als eine unverzichtbare Notwendigkeit, uns dem zu nähern, was noch kommen könnte.

So wurde ein Buch daraus.

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