Die letzte Schlacht gewinnen wir

»Die letzte Schlacht gewinnen wir…« Ein Scheingefecht zwischen Massenmilitanz und bewaffnetem Kampf

Die nächsten Wochen verbringt Hans-Joachim Klein in einem Militärcamp der PFLP, wo er sich auch von der schweren Schussverletzung erholt. Dort finden auch die ersten Gespräche über das Scheitern der OPEC-Aktion statt.

Offensichtlich sind zu diesem Zeitpunkt die Gründe, warum der politische Teil der OPEC-Aktion nicht durchgeführt wurde, nicht zur Sprache gekommen. Erst viele Monate später, im Herbst 1976 will Hans-Joachim Klein von Carlos erfahren haben: »Ich habe von (…) finanzielle und andere Vorteile versprochen bekommen, wenn ich Jamani (saudi-arabischer Minister, d.V.) und Amouzegar (iranischer Minister, d.V.) am Leben lasse und die ganze Aktion abbreche.« (S.72)
Statt dessen erschöpft sich die Diskussion in der Kritik am zaghaften Vorgehen einzelner Kommandomitglieder. Sowohl die rüde Art der Aufarbeitung der gescheiterten Aktion, »gekennzeichnet von Zynik und Gefühllosigkeit« (S.233), als auch die vielen Informationen, die er im Lauf seines Aufenthaltes dort sammelte, lassen ihn sowohl an der Aktion selbst als auch an der Politik der Guerilla überhaupt zweifeln: »Im Februar 1976 stand für mich fest, dass ich, sobald ich die Möglichkeit dazu habe, aus dieser Art der Politik, die nicht meine sein konnte und sein wird, auszusteigen.« (S.72). Nach außen hin tut er so, als habe sich an seiner Haltung nichts geändert, macht verwegene Aktionsvorschläge und bildet u.a. Mitglieder des »2. Juni« militärisch aus. Tatsächlich nutzt er die Zeit, um alte Kontakte zur Sponti-Szene zu knüpfen, mit dem Ziel, sein Untertauchen, seinen Ausstieg, außerhalb der Guerillastrukturen, zu organisieren.
Erst Anfang 1977 sind seine heimlichen Bemühungen erfolgreich. Die später berüchtigt gewordenen »Jemands« aus der Sponti-Szene in Frankfurt verschaffen ihm eine sichere Unterkunft, falsche Papiere und das nötige Geld. Ohne darüber ein Wort zu verlieren, ist für ihn klar, dass weder die RZ, der 2. Juni noch die »Carlos-Gruppe« seinen Ausstieg akzeptieren werden – obwohl für ihn weder eine Zusammenarbeit mit Staatsschutzbehörden, noch der Verrat von Strukturen und Namen in Frage kommt. Ohne eine entsprechende Auseinandersetzung zu führen, steht für ihn fest, dass sein Schritt als Verrat gewertet wird und somit sein Leben in Gefahr ist. Nachdem sein Ausstieg logistisch steht, macht er seinen Schritt öffentlich: »Ich habe den ehemaligen Kollegen gesagt, dass sie in Zukunft ohne mich auskommen müssen und wurde natürlich dafür massiv unter Druck gesetzt und bekam u.a. zu hören, dass ich zuviel wisse, vor allem im internationalen Rahmen.« (S.234)
Tatsächlich kann Hans-Joachim Klein ohne konkrete Gefahr in die Illegalität, außerhalb der Guerillastrukturen, wechseln. Von dort aus meldet er sich in einem an den Spiegel (20/1977) gerichteten Brief mit der Absicht zu Wort: »Wir wollen zwei Morde verhindern!« (S.235) – wobei er auf den Unterschied zwischen Verrat und dem Verhindern einer »Wahnsinnstat« besteht. Ziel dieser Veröffentlichung ist es, die angeblichen Pläne der RZ zu vereiteln, Galinski, den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Berlin und den Leiter der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, zu ermorden: »Ich bin mir da nicht ganz sicher. Der heißt Schmitz, Schmidtke oder so ähnlich“(S.235). Zur Beglaubigung seines Schreibens wählt er als Anlage seine Knarre.
Kurze Zeit später, im Mai 1977 antworten die RZ. Dass sie auf den konkreten Ablauf der OPEC-Aktion nicht eingehen, auf die Umstände der dort ums Leben gekommenen, auf die Kritik, die Hans-Joachim Klein daran geübt hat, ist noch nachvollziehbar. Ganz und gar unverständlich ist jedoch die Tatsache, dass sie mit keinem Wort auf das politische Scheitern der OPEC-Aktion eingehen.
Um so mehr (unnötigen) Raum nehmen die Persönlichkeitsbeschreibungen von Hans-Joachim Klein ein: » (…) wir haben nicht gesehen, dass HJK (Hans-Joachim Klein, d.V.) sich übernommen hatte, wir haben ihm zuviel durchgehen lassen, wir sind auf ihn abgefahren (…) Sein verzweifelter Drang, immer der Größte sein zu müssen, der TOP-Fighter, der King, der Bewunderte, erlaubte ihm das nicht: Schwäche (vermeintliche Schwäche!) zu zeigen, offen zu legen.« (Die Früchte des Zorns, S.194)
Dass Großmäuligkeit und scheinbare Unerschrockenheit eher auf Bewunderung, als auf Misstrauen stoßen, war und ist nicht nur ein Problem der RZ. Doch wie kurzsichtig und instrumentell solche selbstkritischen Nachbetrachtungen sein können, lässt der großmäulig verfasste Titel dieser Erklärung vermuten: »Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter
Es gibt gute Gründe, nicht auf jedes Gerücht, jede Horrorstory, jede Projektion eigener Mordphantasien zu antworten. So kann es auch richtig sein, auf die angeblich verhinderten RZ-Pläne gar nicht einzugehen. Zweideutig wird diese Entscheidung jedoch, wenn gleichzeitig an der Person Galinski erklärt wird, dass »der alles andere ist, als nur >jüdischer Gemeindevorsitzender<« (S.195), sondern mitverantwortlich »für die Verbrechen des Zionismus, für die Grausamkeiten der imperialistischen Armee Israels« (s.o.) – was in die Frage mündet, »was man in einem Land wie dem unseren dagegen machen kann.« (s.o.)
Wer diese Frage stellt und diese – in einem Land wie dem unseren – offen hält, nicht eindeutig beantwortet, der macht genau damit den angeblichen RZ-Plan wahrscheinlich, anstatt ihn für absurd zu erklären.

Die Pflasterstrand(PS)-Kampagne der vielen »Jemands«
Zeitgleich mit der Spiegel-Veröffentlichung druckt der PS, Zeitung der Frankfurter Spontis, den Brief von Hans-Joachim Klein ab. Im redaktionellen Vorwort wir das politische Umfeld reichlich desillusioniert umschrieben: »Die Militanten, die Körnerfreaks, die Bewaffneten, die Alkoholiker, die Theoretiker, die Uni-Indianer… haben im Verzug der politischen Windstille ihren Vorrat an Gemeinsamkeiten und Solidarität weitgehend verjubelt.« (PS Nr.10/1977)
Dennoch sieht die Redaktion einen neuen »Politikfrühling« am Horizont aufscheinen, vom »redlichen Eifer getragen (…) an der Kollektivität in Diskussion und Aktion vergangener Tage anzuknüpfen.« Mit der Veröffentlichung besagten Briefes, mit dem Abdruck weiterer Stellungnahmen verknüpft sie die Hoffnung einer »offenen Auseinandersetzung«, die mit der »Gesinnungsschnüffelei – interne Fahndung einerseits – (…) und (…) Erpressung und Staatsschutzvorwürfen (andererseits)« endlich bricht. In diesem Zusammenhang fordert der PS-Redaktion die RZ auf, Stellung zu den Vorwürfen und Befürchtungen zu ziehen. Die RZ taten dies, im selben Monat, als der PS die »offene Auseinandersetzung« einforderte. In der Erklärung vom Mai 1977 steht eindeutig und (fast) unmissverständlich: »Wir, er, die Linken wissen, dass das Verlassen der Guerilla selbstverständlich immer möglich ist. Jeder, jede hat die Möglichkeit unauffällig zu leben, und zwar mit Unterstützung von allen, mit denen er vorher gekämpft und gelebt hat (…) Gerade HJK hätte viele Möglichkeiten gehabt. Wie schon viele vor ihm. Er wusste dies, viele unter Euch Linken wissen dies genau, ganz genau.« (Die Früchte des Zorns, S.193) Warum berücksichtigte der PS diese Erklärung nicht? Warum ging die PS-Redaktion mit keinem Wort auf diese Antwort ein – obwohl diese Erklärung in der nächsten Ausgabe des PS (11/1977) abgedruckt wurde?
Es klingt wie Hohn, wenn die PS-Redaktion im Vorwort von der gewünschten »Kollektivität in Diskussion und Aktion« spricht und auf den nächsten Seiten seiner Ausgabe kommentarlos einen Brief abdruckt, in dem ein »Jemand« die LeserInnen wissen lässt, dass die Guerilla nicht nur ein »Todesurteil« gegen Hans-Joachim Klein gefällt habe, sondern auch vollstrecken werde – was in die Drohung mündet: »Alle Versuche (…) um das Todesurteil (…) an Genossen Klein vollstrecken zu können, werden als das behandelt, was sie sind: Bullen-Aktivitäten. Wir kennen viele Namen. Wir würden nicht davor zurückschrecken, sie zu nennen.« In der Folgezeit ist von einer Liste mit über 150 Namen die Rede, die der Guerilla zugerechnet werden, die mit ihr sympathisieren oder mit denen »Jemand« sonst wie abrechnen will.
Wieso spricht dieser »Jemand« von einem Todesurteil, während Hans-Joachim Klein bei Andeutungen und Befürchtungen bleibt? Warum konnte Hans-Joachim Klein trotz Todesurteil aussteigen? Warum verlangt seine Vollmundigkeit, die früher auch von den »Jemands« heftig kritisiert wurde, keine genauen Nachfragen? Warum wird in dieser ganzen Auseinandersetzung um Ausstieg/Verrat nur die Ermordung von Schmücker angeführt, aber keine Astrid Proll und all die, die ohne namentlich erwähnt zu werden, ausgestiegen sind, aussteigen konnten?
Auf diese Fragen gibt weder eine(r) dieser »Jemands«, noch die PS-Redaktion eine Antwort. Um so mehr Worte findet die PS-Redaktion dafür, die Befürchtungen von Hans-Joachim Klein, den Mord an Schmücker historisch einzuordnen: »Es gibt eine >revolutionäre< Blutspur: Kronstadt, Ukraine, Katalonien: Ausmerzung von Räten, Anarchisten, Trotzkisten, Demokraten, Bürgerrechtlern. In dieser Tradition (…) steht voll und ganz die Stadt-Guerilla.« (PS 10/1977)
Beansprucht die Denunziations-Liste der »Jemands« eine eigene Traditionslinie, oder will sie sich nur einreihen?
Hinter dem »Jemand« – der die Anonymität genau so schätzt, wie diejenigen, dener er sie vorhält – versteckt sich keine durchgeknallte Einzelperson. Hans-Joachim Klein erwähnt die vielen »Jemands«, die ihm beim Untertauchen geholfen haben, die ihn immer wieder ermutigt haben, mit seinem Wissen und seiner Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen. Sowohl der Kontakt zum Spiegel als auch später zur Liberation wurden von den »Jemands« geknüpft. Auch das im Jahre 1979 veröffentlichte Buch: »Rückkehr in die Menschlichkeit« wäre ohne die »Jemands« nicht zustande gekommen. So muss die Denunziations-Drohung als Teil einer politischen Kampagne begriffen werden, die nicht die Neubestimmung von militanter Politik zum Ziel hatte, sondern deren Ende. Wenn man heute weiß, dass zu diesen »Jemands« Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer , Tom Koenigs, Matthias Beltz zählten, dann ist diese Mutmaßung mehr als genug von der Wirklichkeit eingeholt worden.

Wie solidarisch muss Kritik sein – wo fängt Verrat an?
Hans-Joachim Klein hat mit seinem Ausstieg immer wieder erklärt, dass für ihn Verrat, die Zusammenarbeit mit dem Staatsschutz nicht in Frage kommt. Das war auch der Grund, warum er sich für eine weitere Illegalisierung außerhalb der Guerillastrukturen entschied. In seinem Buch »Rückkehr in die Menschlichkeit« gibt er weder (lebende) RZ-Mitglieder preis, noch Strukturen, die als eindeutige Wegweiser dorthin zu deuten sind.
Ihm geht es um die Kritik an einer »revolutionären Gewalt – die als Endziel (…) eine gerechtere und humanere Welt versprach – und dabei zu Mitteln und Methoden griff, für die ich früher auf die Straße gegangen wäre.« (Spiegel 20/1977) Man muss diese Kritik nicht teilen, schon gar nicht seine klotzige Art. Und fast aussichtslos ist es darüber zu streiten, wenn sich dazu nur Hans-Joachim Klein zu Wort meldet. Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit, eigenes Handeln immer wieder an der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis revolutionärer Gewalt zu messen. Mit Verrat hat das nichts zu tun.
Um einiges schwieriger wird es jedoch, wenn die Kritik an der Guerilla mit der Absicht verbunden ist, eine ganz konkrete Aktion zu verhindern, von der er meint, »dass es ne Wahnsinnstat ist«. (Spiegel 20/1977).
Vordergründig haben die RZ diesen Plan in die Reihe anderer bzw. ähnlicher Horrorstorys gestellt. In diesem Fall wäre Hans-Joachim Kleins Vorgehen nicht Verrat, sondern politischer Schwachsinn. Knapp dahinter liefern die RZ jedoch eine politische Begründung, die eine solche Aktion nicht ausschließt.
Wie wenig es dem PS und den vielen »Jemands« darum ging, diese Lücke mit eigenen politischen Überlegungen zu füllen, macht die Reaktion auf diesen angeblichen Plan deutlich. Gerade einmal mit einem Wort wird darauf politisch Bezug genommen: »Wie es anders möglich gewesen wäre, die beiden Anschläge zu verhindern, die wir auch für verhinderungswürdig halten, bleibt dabei auch offen.« (PS 10/1977) Genau an dem Punkt, wo eine Diskussion hätte eröffnet werden müssen, bricht sie mit einer lächerlichen Andeutung ab.

Den Kampf gegen den Zionismus hat nicht die RZ alleine geführt, die Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf war nicht nur ein Kernanliegen der RZ. Viele Spontis, viele Linke haben diese Politik in palästinensischen Solidaritätskomitees mitgetragen und vorangetrieben. Eine wirklich offene Auseinandersetzung hätte zu allererst viele Fragen aufgeworfen: Worin unterscheidet sich der Antizionismus der Linken vom Antisemitismus der Rechten? Wo hat sich der linke Antizionismus antisemitischer Argumentationen und Denkfiguren bedient? Worin muss sich eine deutsche Linke von Positionen innerhalb des palästinensischen Widerstandes unterscheiden? Welche politische Dimension hat es, wenn eine deutsche Linke nicht nur den Imperialismus Israels bekämpft, sondern gleichzeitig das Existenzrecht Israels bestreitet? Was bedeutet es für eine deutsche Linke, wenn sie den Holocaust mit dem »Völkermord an den Palästinensern« (Früchte des Zorns, S.208) gleichsetzt?
All diese Fragen zu stellen, die bisherige Politik der radikalen Linken in Frage zu stellen, nach Antworten zu suchen – dafür braucht es keinen Plan von der RZ. Im schlimmsten Fall hätte dieser Plan nur die Fehler der Linken auf die Spitze getrieben. Im besten Fall ist er eine Projektion, deren Bearbeitung in der legalen Linken am besten aufgehoben ist.

Gestern haben wir Häuser besetzt- heute besetzen wir Parlamentsstühle

»Warum eigentlich nicht?« (Joschka Fischer, PS 40/1978)

Auf dem Pfingstkongress des SB (Sozialistisches Büro) im Herbst 1976 greift erneuert Joschka Fischer für die Frankfurter Spontis die Aktionen der Guerilla an, »weil wir wissen und fühlen, dass sie die Selbstaufgabe bedeuten, den Verzicht auf Leben, den Kampf bis zum Tod und damit die Selbstvernichtung.« (ID Nr.129/Juni 1976) Diese Kritik mündet in dem Aufruf: »Gerade weil unsere Solidarität den Genossen im Untergrund gehört, weil wir uns mit ihnen so eng verbunden fühlen, fordern wir sie von hier aus auf, Schluss zu machen mit diesem Todestripp, runter zu kommen von ihrer bewaffneten Selbstisolation, die Bomben wegzulegen und die Steine und einen Widerstand, der ein anderes Leben meint, wieder aufzunehmen.« (s.o.)
Wohin zurück sollen die Genossen im Untergrund kehren? Welche Steine, welchen Widerstand sollen sie aufnehmen? Welches andere Leben ist gemeint? (Man verkneife sich jetzt, sich in das andere Leben des Außenministers J. Fischer hineinzudenken)
Der Häuserkampf geht mit der gescheiterten Verteidigung des Blocks Bockenheimer/Schumannstraße im Februar 1974 zu Ende. Die Kritik, sich auf eine militärische Konfrontation eingelassen zu haben, die nicht zu gewinnen ist, ist weit verbreitet. Mit den wilden Streiks in einigen Betrieben erschöpfen sich die letzten Kräfte derer, die sich für militante Betriebsarbeit entschieden hatten. Das Engagement in Heimen, die Arbeit in Obdachlosensiedlungen, die Zusammenarbeit mit MigrantInnen(-organisationen) kommen zum erliegen. Auch von der breit angelegten Internationalismus-Arbeit (Vietnam, Palästina, Chile, Portugal usw.) gehen keine Impulse mehr aus. In den Straßenkämpfen gegen die Einführung eines neuen FVV-Tarifs im Sommer 1974 kann die dort angewandte Kleingruppentaktik weder die Forderung nach Nulltarif durchsetzen, noch die Preiserhöhungen verhindern.
In der Kritik militanter Politik spielen all diese gesellschaftlichen Interventionen, all die Erfahrungen, die dort gesammelt wurden, die Erfolge, die errungen wurden, die Fehler, die gemacht wurden, die Konsequenzen, die formuliert wurden, so gut wie keine Rolle.
Interessanterweise sind sich in der Unterschlagung, in der Nichtbewertung dieser Geschichte die Spontis und die KritikerInnen einig: Von beiden Seite wird die ‚Gewaltfrage‘ zum Bekenntnis für oder gegen militante Politik gemacht, wofür immer wieder zwei Ereignisse angeführt werden.
Im Sommer 1975 kommt es zu einer militanten Demonstration gegen das spanische Konsulat. Auslöser sind die verhängten Todesurteile im faschistischen Spanien: »Die etwa 200 vorwiegend jugendlichen Demonstranten kamen vor dem Konsulat an, Polizisten, die dort Wache hielten, sprangen aus ihren Mannschaftswagen auf die Straße, mussten aber sofort in Deckung gehen, denn sie wurden von einem Hagel von Molotow-Cocktails überrascht, die in Richtung Konsulat flogen. Ein Polizeiwagen brannte aus. Der Einsatzleiter der Polizei stellt sich den Demonstranten entgegen und richtete seine Pistole gegen sie. Noch ein weiterer Brandsatz und es würde zu einer Schießerei kommen…Die Demonstranten flüchteten…Zurück (blieb): das Bewusstsein, an eine Grenze gestoßen zu sein.« (Conrad Lay, PS Nr.222).
Ein Jahr später, am 10.5.1976, wird im Laufe einer Ulrike-Meinhof-Demonstration ein Polizist durch einen Molli schwer verletzt. Die Reaktion des Staates lässt nicht lange auf sich warten. Es kommt zu zahlreichen Hausdurchsuchungen. »Dabei werden 12 Männer und 2 Frauen aus dem Umkreis der Gruppe Revolutionärer Kampf (RK) festgenommen.« (Wolfgang Kraushaar (Hrg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung, Bd.1, S.554) – unter ihnen befindet sich auch Joschka Fischer. Bis auf einen werden alle nach zwei Tagen wieder freigelassen. Gegen Gerhard Strecker wird Haftbefehl wegen Mordversuchs erlassen. Die Sponti-Szene antwortet mit einer groß angelegten Unschuldskampagne, die auch zum Erfolg führt. Zwei Wochen später, am 25.5.1976 wird Gerhard Strecker freigelassen. Zurück bleibt erneut das Gefühl, »an die Grenze unserer militanten Aktionsformen gestoßen (zu) sein«. (Joschka Fischer auf dem Pfingstkongress des SB, Herbst 1976)
Für die Sponti-Wortführer ist dies Beweis genug, dass militante Politik nichts anders ist als Das-sich-ausliefern einer mit Eigendynamik ausgestatteten und in den (politischen) Selbstmord treibenden Gewaltspirale. Für die Person J. Fischers versucht Wolfgang Kraushaar folgende Erklärung: »Aus der Krise dessen, was er bislang als revolutionäre Gewalt begriffen hat, problematisiert er die gesamte Vorstellung einer proletarischen Revolution. Indem er die von ihm als existentiell bestimmte Dimension der Gewalterfahrung (…) auf sein gesamtes Revolutionsverständnis überträgt, zerfällt ihm sogleich sein politisches Selbstverständnis.«
Unter umgekehrten Vorzeichen geben auch die radikalen Kritiker der Spontis der Gewalt einen geradezu mystischen Stellenwert: »Die Auslöser (für das Scheitern der Sponti-Linken, d.V.) waren das Erschrecken vor der eigenen Stärke – und das Erschrecken auch vor der Gewalt des Staates (Brief aus Frankfurt über Frankfurt, PS)…Ihr habt irgendwann Angst vor eurer eigenen Courage gekriegt. Daraus habt ihr den Umkehrschluss gezogen, Gewalt ist Scheiße, konterrevolutionär.« (J. Keine, A. Macht, E. Niemand, PS 11/1977)
Die eigentlichen Fragen, die sich jede radikale Bewegung stellen muss, sind damit von beiden Seiten vom Tisch gefegt: Wie entgeht mann/frau einer militärischen Konfrontation, die mann/frau nicht gewinnen kann? Welche Rolle spielt tatsächlich die (erfahrene oder befürchtete) Repression beim Zusammenbrechen einer Bewegung? Welche existierenden soziale Strukturen (informelle, nicht legitimierte, patriarchale Machtstrukturen z.B.) und nicht- existierenden politischen (Organisations-)Strukturen tragen zur inneren Auflösung einer Bewegung bei? Wie minoritär darf militante Politik sein? Wie weit muss sie über das jetzt mögliche hinausweisen? Wie verbunden muss sie mit dem jetzt möglichen sein?
Auf diese Fragen geben die Spontis weder sich selbst, noch der Guerilla eine Antwort. Aber auch die radikalen KritikerInnen der Spontis stellen diese Fragen nicht in den Mittelpunkt ihrer Auseinandersetzung und verengen so – ungewollt gemeinsam – das Problem auf ein Bekenntnis zur oder gegen revolutionäre Gewalt.

Den Politfrühling, die offene Auseinandersetzung, die der PS mit dem Ausstieg von Hans-Joachim Klein mit der Auseinandersetzung um revolutionäre Gewalt ankündigte, endet in einem politischen Desaster: »Die Perspektivlosigkeit, das Rumhängen, das Nicht-wissen-was-tun wird immer unerträglicher.« (Joschka Fischer, PS 40/1978)
Auf die Wirkung ihres Aufrufes in Richtung Guerilla, die Bomben wegzulegen und mit ihnen zusammen die Steine und den Widerstand (erneut) aufzunehmen, wollten einige Sponti-Wortführer nicht warten. Die propagierte Neubestimmung militanter Politik entpuppte sich als Farce. Die Schlacht um aussichtsreiche Listenplätze in der neu gegründeten grünen Partei (GLH) hatte längst begonnen – völlig gewaltfrei versteht sich: »Es war also nur eine Frage der Zeit, nämlich bis die außerparlamentarischen Möglichkeiten erschöpft waren, bis diese Bewegung zur Durchsetzung ihrer Interessen (…) in die Parlamente drängen würde, um parlamentarisch zu erreichen, was ihr außerparlamentarisch nicht gelungen war.« (Joschka Fischer in: Warum eigentlich nicht?, PS 40/1978)

»Hunde, wollt ihr ewig bellen…« (RZ-Erklärung vom November 1978)
oder
Wenn die Karawane vom Hundegebell eingeholt wird

Auch die RZ melden sich ein Jahr später noch einmal zu Wort. Nun werfen sie Hans-Joachim Klein vor, »die Grenze zum Verrat längst überschritten zu haben«. (Früchte des Zornes, S.203). Ein Jahr zuvor war Hans-Joachim Klein noch ein »Problem, weil die Art seines Aussteigens die Befürchtung begründet, dass er auch vor dem Verrat konkreter Einzelheiten (…) nicht zurückschreckt.« (Früchte des Zorns, S.194) Was sich auf dem Weg von einer Befürchtung hin zu einem die Grenze zum Verrat überschreitenden Handeln ereignet hat, wird in der RZ-Erklärung nicht nachvollziehbar gemacht. Wieder werfen sie Hans-Joachim Klein vor, zu schwätzen, zu klatschen, sich selbst zu bewundern und sich als Kronzeugen für eine selbstmörderische (Guerilla-)Politik anzubiedern. Was Kritik an selbstgefälligem, politischen Umgang ist, was Verrat genau kennzeichnet, bleibt völlig unklar. Anstatt die Grenze dazwischen klar zu benennen, verschwimmt sie: »Verrat beginnt letztlich, wo er seinen Drang zur Selbstdarstellung, den er kennt, akzeptiert.« (Früchte des Zorns, S.204)
Neben der Kritik am Vorgehen im Laufe der gescheiterten OPEC-Aktion, neben seiner Absicht, zwei angeblich geplante Aktionen gegen jüdische Gemeindevorsitzende zu verhindern, kritisiert Hans-Joachim Klein massiv die Wirklichkeit des revolutionären Internationalismus, so wie er sie wahrgenommen hat: »Und was ich erklären will, ist, was aus dem politischen Projekt der Guerilla geworden ist (…) Das Problem ist, dass sie vorgeben, ihre Aktionen seinen unabhängig, aber dass sie es nicht mehr sind. Sie waren jedes Mal abhängig von Waddi Haddad und seiner Gruppe. Für jede Aktion zugunsten der Befreiung der Gefangenen ist die Guerilla abhängig, weil sie Länder braucht, in die sie flüchten kann. Sie ist abhängig bezüglich des Geldes und bezüglich der Waffen. All das hat seinen Preis: Die Beteiligung von Mitgliedern der deutschen Guerilla an anderen Aktionen.« (Interview in der Liberation, Okt.1987, aus: Rückkehr in die Menschlichkeit, S.286/87)
Man muss nicht jedem Wort von Hans-Joachim Klein Glauben schenken. Und man muss nicht in der Guerilla gewesen sein, um die Gefahren eines Bündnisses zu benennen, die in dem Maße größer und unkalkulierbar werden, wie die eigene soziale, politische und materielle Basis fehlt. Und ganz sicher ist es richtig, einen revolutionären Internationalismus in Zweifel zu ziehen, der die fehlende eigene Stärke durch globale Logistik zu ersetzen versucht und damit Abhängigkeiten in Kauf nimmt, die die politische Selbst- und Eigenständigkeit der einzelnen Gruppen in Frage stellen.
Ohne diese Fragen aufzugreifen, ohne auf die Kritik von Hans-Joachim Klein direkt einzugehen, nehmen die RZ dennoch Stellung: »Neben dem Kampf im eigenen Land hat der antiimperialistische Kampf seit 15 Jahren eine weitere Dimension. Che Guevara hat den revolutionären Internationalismus in den 60er Jahren inspiriert; entsprechend der Parole ›Schafft zwei, drei, viele Vietnam‹ den Kampf dort geführt, wo er geführt werden musste. In den 70er Jahren ist die Führungsrolle bei der Organisierung multinationaler Gruppen von der lateinamerikanischen Guerilla auf die Palästinenser übergegangen. Der palästinensische Revolutionär Wadi Haddat hat im Rahmen diese Konzeptes, nämlich die ganze Welt zum Aktionsfeld des antiimperialistischen Widerstands zu machen, einen Beitrag zur internationalen Zusammenarbeit der Befreiungsbewegungen zu leisten, eine große Bedeutung.« (Früchte des Zorns, S. 208)
Wenn man diese Erklärung als Antwort auf Hans-Joachim Kleins Kritik nimmt, dann wurde mit großer Geste darüber hinweggegangen. Dass die aufgeworfenen Fragen nicht nur die eines Aussteigers waren, dass genau diese Fragen innerhalb der RZ zu Auseinandersetzungen und Brüchen führten, lässt sich in der RZ-Erklärung, dreizehn Jahre später, nachlesen. Zentraler Kritikpunkt ist die Flugzeugentführung und gescheiterte Gefangenenbefreiung Ende Juni 1976 in Entebbe. An dieser Aktion nahmen neben zwei Palästinensern zwei Mitglieder der RZ, Brigitte Kuhlmann und Winfried Böse, teil: »Zu mehr als Manöverkritik waren wir nicht imstande. Wir beklagten, dass die ursprünglichen Planungen und Absprachen nicht eingehalten worden waren… dem Kommando im Zuge der Operation die Befehlsgewalt entzogen worden war und die GenossInnen nach der Landung in Entebbe bloß noch die Anweisungen zu befolgen hatten, die an anderer Stelle und fernab des Geschehens ausgegeben wurden (…) Entebbe war kein Einzelfall, aber der Kulminationspunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf wir uns mehr und mehr von dem entfernt hatten, wofür wir mal angetreten waren (…) Die nahe liegende Konsequenz, wieder an dem anzuknüpfen, wofür unsere Politik in der BRD stand, nämlich die Orientierung auf die sozialen und politischen Bewegungen, zogen nur einige (…). Eine weitere Konsequenz war der allmähliche Rückzug aus den internationalen Kontakten. Allmählich, weil es alte , auch emotionale Verbindungen gab und weil wir uns selbst schwer taten, mit jenen Begriffen und ideologischen Konstrukten zu brechen, die eine Aktion wie Entebbe überhaupt möglich gemacht hatten. (…) Der markige Satz von der Karawane, die weiterzieht, während die Hunde bellen, war mehr ein Spruch, als dass er unsere Wirklichkeit beschrieb.« (Gerd Albartus ist tot, Früchte des Zorns, S.23-26)

aus: Die Hunde bellen… Von A bis (R)Z, Eine Zeitreise durch die 68er Revolte und die militanten Kämpfe der 70er bis 90er Jahre, autonome L.U.P.U.S.-Gruppe, S.69-80, Unrast Verlag 2001

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