Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund – wo hört der Staat auf?
Eine Buchvorstellung mit dem Journalisten Wolf Wetzel und aktuellen Ergänzungen
Im NSU-Prozess gehen die Generalbundesanwaltschaft und das OLG München gemeinschaftlich davon aus, dass es sich beim NSU um exakt drei Mitglieder handelt(e), dass zwei NSU-Mitglieder Selbstmord begangen haben, dass staatliche Behörden (in Gestalt von über 25 V-Leuten) im NSU-Netzwerk keinen taterheblichen Einfluss hatten. Wenn dies so wäre, warum wurden dann in allen Behörden Hunderte von Akten vernichtet, Falschaussagen am laufenden Band gemacht, Beweismittel unterschlagen, Untersuchungsausschüsse bis zum heutigen Tag getäuscht? … Eine Spurensuche.
Ort: Club Voltaire, Kleine Hochstr. 5, 60313 Frankfurt
Das Interview ist ca. 45 Minuten lang, greift die Gründe für dieses Buch auf, fragt nach der Logik von Pannen, die so gesteuert und synchronisiert sind, dass es eben keine Pannen mehr sein können und geht auf den Beginn des NSU-Prozesses ein, der in München begonnen hat, auf die Hoffnungen und Chancen auf eine “juristische Aufarbeitung”:
Die größte Mordserie in der Geschichte der BRD offenbart sich immer mehr als Farce. Das, was uns das Gericht in München glauben machen will, nämlich dass es keinerlei kriminelle Verbindungen zwischen Staat und NSU-Trio gegeben haben soll, ist nicht nur nachweislich falsch, es ist noch mehr: Eine dreiste Lüge. Ohne den Staat hätte es die NSU, wie wir sie kennen, nie gegeben. Aber anstatt einen soliden Untersuchungsausschuss durchzuführen, geht die Justiz auf Anweisung von ganz oben einen anderen Weg. Sie seift die Bevölkerung komplett ein und verhöhnt die Opfer. Der Staat hatte über das, was später als NSU-Terrozelle bekannt werden sollte, zu jeder Zeit das volle Wissen. Er war schon am Set, als sich die Neo-Nazis noch THS (Thüringer Heimatschutz) nannten. Er begleitete sie quasi in den Untergrund, und war über 10 Jahre eine Art Escortservice.
Die Beweise sind erdrückend, nur sie sind in München kein Thema. Hier steht Beate Zschäpe vor Gericht, als einzige Überlebende des Trios. Was sie nicht weiß, gab es nicht. Eine Farce.
Ein deratiges Verfahren, das auf das Gros der Zeugen – unzählige Verfassungsschützer, Polizisten und BKA-Angestellte – verzichtet, würde, in Moskau abgehalten, als Schauprozess gelten. Exakt das ist er auch hier. Die Blutspur führt hoch hinaus, bis ins Innenministerium, und von “Behördenchaos” kann überhaupt nicht die Rede sein. Als es um das vorsätzliche Vernichten von Beweisen ging, und man Akten im Tonnenbereich schredderte, arbeiteten diverse Behörden sauber synchron zusammen.
Was wir bisher über die sogenannte NSU-Affäre wissen, sind höchstens fünf bis zehn Prozent, sagt Wolf Wetzel, der nach zwei Jahren Recherche mit “Der NSU-VS-Komplex” ein Buch zu dieser Staataffäre vorlegt. KenFM tauchte mit dem Autor ganz tief in den Sumpf des Verbrechens und des staatlich geförderten Terrors ab.
Der neonazistische Mord an Halit Yozgat in Kassel 2006
(zum 7. Todestag des neunten Mordopfers neonazistischen Terrors)
Wenn der hessische Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme in wesentlichen Punkten eine Falschaussage gemacht hat, wenn der Neonazi und V-Mann, mit dem der VS-Mitarbeiter mehrmals am Mordtag telefonierte zum NSU-Netzwerk gehört, wenn die Weigerung des damaligen Innenministers Volker Bouffier, eine Aussagegenehmigung für diese ›Quelle‹ zu erteilen, gar nicht dem Wohl des Landes diente, sondern der Verschleierung dieser Zusammenhänge … warum werden dann nicht die Ermittlungen neu aufgenommen?
“Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber genau das, und weil er sich nicht scheut, auch heilige Kühe anzupacken, macht Wetzels Büchlein so wertvoll: Er öffnet nämlich den geistigen Raum, um aus vereinfachten Staats- und Faschismusvorstellungen hinauszutreten und das Bild vom Staat, das in der Öffentlichkeit breitgetreten wird, aber auch das Bild vom Staat, das in der antifaschistischen Bewegung und einem Teil der Linken breitgetreten wird, grundsätzlich in Frage zu stellen.”
»Netzwerk des NSU war größer als angenommen« (Zeit)
»Neonazi-Trio hatte 129 Helfer und Helfershelfer« (Bild)
Mit dieser scheinbaren Sensation warten auflagestarke Medien im März 2013 auf. Nicht minder erstaunlich ist, dass sich auch der in Berlin tagende NSU-Ausschuss bestürzt zeigt.
»Insgesamt 129 Mitglieder der rechtsextremen Szene sollen die Terrorgruppe NSU unterstützt haben. Die neue Namenliste wird nun auf unentdeckte V-Leute untersucht.
Das Netzwerk der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle war Medienberichten zufolge deutlich größer als bisher angenommen. 129 Mitglieder der rechtsextremen Szene gehörten zum engeren und weiteren Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), meldete die Bild am Sonntag. Die Namen stehen auf einer geheimen Liste der Sicherheitsbehörden, die dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags nun zuging. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, Sebastian Edathy, bestätigte das dem ARD-Hauptstadtstudio.
Die neue Zahl sei ›erschreckend hoch‹, sagte Edathy der Bild am Sonntag. Nun müsse ›schnell geklärt werden, ob es darunter Mitwisser der NSU-Verbrechen und weitere V-Leute gab‹. Der Ausschuss hat demnach vor einigen Tagen beschlossen, dass die Bundes- und Landesregierungen die neue Namensliste auf bisher unentdeckte V-Leute des Verfassungsschutzes überprüfen sollen.« (Zeit.de vom 24.3.2013)
Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund/NSU – wo hört der Staat auf?
Wolf Wetzel, Unrast Verlag 2013
ISBN: 978-3-89771-537-0
129 Seiten/ ca. 13 Euro
erscheint am 28. April 2013
Das Buch stellt sich vor:
In den letzten beiden Jahren haben sicherlich viele etwas über den Nationalsozialistischen Untergrund, über die Rolle der Geheimdienste und ihr Versagen gelesen und gehört. Nicht wenigen schwirrt der Kopf, die Fakten erzeugen mehr Schwindel als Klarheit, und je man erfährt, desto unübersichtlicher erscheint das Ganze.
Das liegt zum geringsten Teil an Ihnen, an euch.
Nach zwei Jahren Recherche wuchs das Bedürfnis, nicht in der Flut der Informationen zu ertrinken, und angesichts der zahlreichen Spuren nicht den Kopf zu verlieren.
Die Absicht war und ist, dabei weder in eine Glaskugel zu schauen, noch in dieser auffallenden Vagheit, in den unzähligen Andeutungen stecken zu bleiben.
Das Buch ist also nicht in der Absicht geschrieben worden, über das zu orakeln, was bis heute im Dunkeln liegt, sondern sich an dem zu orientieren, was öffentlich gemacht wurde, was in die Öffentlichkeit gelangte. Das sind vielleicht fünf Prozent vom dem, was den NSU-VS-MAD-Komplex ausmacht – dennoch ist es viel mehr, als es den Sicherheitsarchitekten lieb ist.
Im Rahmen des LICHTER Filmprogramm 2013 gibt es auch den Themenschwerpunkt “Stadt”, der die Welt des Films mit der der Wirklichkeit zusammenbringen möchte.
Dazu gibt es mehrere Podien, u.a. dieses, am Samstag, den 23. März 2013:
18-20 Uhr: Auf die Barrikaden – Geschichten vom Häuserkampf
„Jeder Stein der abgerissen, wird von uns zurückgeschmissen.“
Zur Hochphase des Frankfurter Häuserkampfs in den 60er und 70er Jahren war dieser Spruch auf den Hausfassaden im Westend zu lesen. Wir erzählen die Geschichten von Protest und Aufbruch: im Film und auf der Straße und von gestern bis heute.
Mit (u.a.): Kelly Anderson (Filmemacherin, My Brooklyn, New York)
– Wolf Wetzel (Autor und Publizist, u.a. „Aufstand in den Städten“, Frankfurt)
– Cornelia-Katrin von Plottnitz (Stadträtin und Theatermacherin, Frankfurt)
– Tim Schuster (Initiative Offenes Haus der Kulturen, Frankfurt)20:00 Uhr: Was ist Stadt, was ist Stadt nicht?Philosophisches Gespräch
Rezension von Professor Dr. Hans See, Ehrenvorsitzender von BusinessCrimeControl/BCC über das Buch
Wolf Wetzel (HG.)
Aufstand in den Städten – Krise – Proteste – Strategien
UNRAST-Verlag, Münster 2012
255 Seiten
Euro 16.00
Wer von Aufständen redet, wo und wann immer in der Welt sie stattfinden, darf über die gesellschaftlichen Widersprüche, die sie verursachen, nicht schweigen.
Markus Mohr hat für die Tageszeitung ›Junge Welt‹ eine Rezension zu dem Buch ›Häuserkampf I – Wir wollen alles – der Beginn einer Bewegung‹ verfasst – mit einem wunderbaren Zitat aus dem Film aus Freiburg ›Passt bloss auf‹:
Einen Horror haben
Dann qietscht die Seele: In der »Bibliothek des Widerstands« ist der Band »Häuserkampf 1« erschienen
Von Markus Mohr
Es gibt viele Gründe, leerstehende Häuser zu besetzen. Der Einsichtigste bezieht sich auf den Geldbeutel. Genauso legitim, aber ungleich komplizierter wird es, wenn man damit den Anspruch »anders zu leben« realisieren möchte. Wo fängt das an, und wo soll das alles aufhören? Auf jeden Fall ist die öffentliche Besetzung ein politisches Symbol gegen die Privateigentümerei.
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