Startbahn West
Wolf Wetzel hat eine »dokumentarische Erzählung« über den
Widerstand gegen die Erweiterung des Rhein/Main-Flughafens in den 80er Jahren geschrieben
Von Ramona Sinclair
Am 2. November 1987 wurden bei einem Polizeieinsatz gegen Demonstranten, die gegen eine Erweiterung des Frankfurter Flughafens Rhein/Main (Startbahn West) protestierten, neun Beamte durch Pistolenschüsse verletzt; zwei von ihnen starben. Bei einer nachfolgenden Razzia wurde die Tatwaffe bei einem bekannten Atomkraftgegner sichergestellt. Wie später festgestellt wurde, war sie ein Jahr zuvor bei einer Anti-AKW-Demonstration einem Zivilfahnder der Polizei abgenommen worden.
Diskreditierung
Die Schüsse an der Startbahn West bildeten eine einschneidende Zäsur in der Geschichte der radikalen Linken der alten Bundesrepublik. Hatte es bis dahin meist ein Miteinander friedlicher und militanter Protestformen, ein Zusammenwirken von Bürgerinitiativen und autonomen Gruppen gegeben, kam es nun im Ergebnis der polizeilichen Maßnahmen und der parallel laufenden Medienkampagnen zur Entsolidarisierung; zahlreiche Aktivisten der Anti-AKW- und Anti-Startbahn-Bewegung beendeten ihr Engagement. Die Anti-Startbahn-Proteste brachen zusammen; der gemäßigte Flügel der Ökologiebewegung ging auf Distanz zu den militanten Gruppen. Deren medial höchst einseitig dargestellte Aktionen werden gegenwärtig erneut dazu benutzt, die Legitimität des Widerstandes gegen die herrschenden Verhältnisse zu diskreditieren. Die Brutalität der Polizeieinsätze gegen überwiegend friedliche Demonstranten wird nicht mehr thematisiert.
Wolf Wetzel war selbst an zahlreichen Aktionen der radikalen Linken im Raum Frankfurt/Main beteiligt. Mit seinem Buch »Tödliche Schüsse« (ein Vorabdruck erschien in junge Welt) verfolgt er erklärterweise das Ziel, der medial einseitigen Darstellung der damaligen Ereignisse die Sicht der damals Beteiligten entgegenzusetzen. Wetzel hat dazu die noch vorhandenen linken Archive durchforscht, umfängliche Presserecherchen betrieben und mit zahlreichen ehemaligen Mitkämpfern gesprochen. Das Ergebnis ist eine detaillierte Chronologie der Anti-Startbahn-Bewegung samt ihrer Vorgeschichte.
Mit dem Ziel, dem Buch einen dokumentarischen Charakter zu geben, stieß Wetzel, wie er selbst schreibt, an Grenzen: Mehrere im Zusammenhang mit den geschilderten Ereignissen begangene Straftaten sind juristisch noch nicht verjährt. Und Resultat des Buches sollte es keinesfalls sein, der politischen Justiz verwertbares Material zu liefern. Den mit dem Buch gefundenen Kompromiß nennt Wetzel »dokumentarische Erzählung«. Der im Buch enthaltenen Dokumentation ist ein umfänglicher belletristischer Teil zugeordnet, in dem tatsächlich stattgefundene Ereignisse aus der Sicht von unter Pseudonym agierenden – in Ausnahmefällen sogar fiktiven – Personen dargestellt werden.
Fehler und Diskussionen
Geschildert wird auch das Lebensgefühl dieser inzwischen weitgehend verschwundenen Widerstandskultur: Aufgrund offenkundiger Wahnsinnsentscheidungen von Politikern und Großkonzernen fühlten sich viele Menschen auch persönlich bedroht und begannen, sich in Gruppen und Bürgerinitiativen zu engagieren. Es war normal, sich die Nächte mittels aufreibender Diskussionen und Bündnisverhandlungen um die Ohren zu schlagen, an Demonstrationen und andere Protestaktionen teilzunehmen, die oft in Straßenschlachten mit der Polizei oder mit Neonazis endeten. Eine Minderheit dieser Politaktivisten beteiligte sich mittels Absägen von Strommasten auch an Sabotageakten gegen die Atomindustrie.
Darüber, daß die belletristischen Einschübe im Buch stellenweise etwas holprig geschrieben sind, sollte man hinwegsehen – Wetzel ist politischer Autor, kein Romancier. Die gewählte Form einer dokumentarischen Erzählung liefert dafür die in einer reinen Dokumentation kaum zu liefernden Einblicke in die Motivation der damaligen Anti-Startbahn-Aktivisten, sich auf eine Konfrontation mit der scheinbar allmächtigen Staatsmacht einzulassen.
Wetzel strebt nach eigener Aussage weder ein Glorifizierung noch eine nachträgliche Denunziation dieser Bewegung an. Er schreibt ganz offen: »Selbstverständlich macht auch die radikale Linke Fehler. Doch nicht diese Fehler markieren ihr Scheitern, sondern die Weigerung, darüber offen zu diskutieren.«
Daß Wetzels Buch reichlich Stoff für Diskussion bietet, dürfte nicht bestritten werden. Doch unverkennbar sind auch die Schwächen des Werkes: Die Frage bleibt auch weiterhin offen, wie es zu den Todesschüssen am 2. November 1987 kommen konnte. Die im Buch beschriebene Figur des »Anton«, die Züge des als Schützen verurteilten Andreas Eichler trägt, bleibt unscharf, seine Motivation weitgehend im dunkeln. Eichler selbst hat – wie Wetzel schreibt – jede Mitarbeit an dem Buch verweigert. Auch die von Wetzel beschriebene Verfilzung von Polizei, Geheimdiensten, Rechtsextremisten und Atommafia ist bisher nur durch wenige Fakten untersetzt. Bei seinen Recherchen zum Buch wurde Wetzel eine Einblicknahme in die betreffenden Polizeiakten verweigert: Die Sperrfrist betrage 30 Jahre und ein »öffentliches Interesse« für eine Ausnahmeregelung sei nicht erkennbar. Die Geschichte der Anti-Startbahn-Proteste ist mit Wetzels Buch also noch keineswegs zu Ende geschrieben.
Junge Welt vom 13.10.2008