Interview mit Gitta Düperthal/Junge Welt vom 17.6.2008
Umweltaktivisten halten seit der Nacht vom 27. auf den 28. Juni den Kelsterbacher Wald besetzt, um gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens zu protestieren. Sie haben sich in Baumhäusern eingerichtet, wo für die Landebahn Nord-West gerodet werden soll. In ihrem Buch haben Sie die harten Auseinandersetzungen um die Startbahn-West in den 80er Jahren beschrieben. Geht der Kampf einfach mit einer neuen Generation weiter?
Nein, da gibt es keine Kontinuität. Denn die Auseinandersetzungen endeten mit tödlichen Schüssen am 2.11.1987.(…) Bis heute kursieren die verschiedensten bis abstrusesten Versionen über das, was geschehen ist – obgleich Fakten spezielle Interpretationen ausschließen. Das verweist eher auf ein Traumata, als auf eine Analyse. Genau aus diesem Grund geht es auch nicht einfach so weiter. Es gibt keine Reflektion über die Geschichte. Die meisten der heutigen Bürgerinitiativen haben bis zur Platzbesetzung den Rechtsweg beschritten, weil das ihrer Art des Protestes entspricht. Nicht etwa, weil sie Konsequenzen aus der Geschichte der Startbahnbewegung gezogen hätten.
Hat der Widerstand heute einen anderen Tenor als damals?
Vergleicht man ihn mit den Anfängen der Startbahnbewegung in den 60er und 70er Jahren, dann waren wohl beide zu Beginn hochgradig rechtsgläubig. Auch damals war man der Meinung, wenn man überzeugende Argumente hat, dann werden diese in einem Rechtsstaat den Ausschlag geben. Andererseits gibt es ein Grundgefühl, das aus den Erfahrungen der letzten Jahre resultiert: Was traut man sich zu? Heute stehen linke Bewegungen einem Polizeiapparat gegenüber, der jeden Protest aussichtslos erscheinen läßt. Ein Beispiel: Als 30.000 StartbahngegnerInnen gegen die Räumung des Hüttendorfes 1981 demonstrierten, waren ca. 3.000 Polizisten im Einsatz. Als am 7.7.2007 Fünfhundert Neonazis geschützt werden sollten, wurden 8.000 Polizeibeamte aufgeboten, ganze Stadtteile abgeriegelt.
Die Leute, die heute den Wald besetzen, kommen aus verschiedenen Umweltinitiativen, aus der ganzen Bundesrepublik. 1980 wurde der Beginn des Hüttendorfs hingegen von der BI Walldorf-Mörfelden selbst beschlossen und gemeinsam umgesetzt.
Inwiefern zieht der heutige Protest Schlüsse aus der einstigen Bewegung?
Dazu gibt es wenig Bereitschaft. Der Grund: Alle langwierigen, aufwändigen und gutgläubigen Versuche auf dem Rechtsweg die Startbahn West zu verhindern, sind kläglich gescheitert – bis hin zum Volksbegehren, das von 200 000 Unterschriften getragen war. Zudem hatte der Hessische Staatsgerichtshof Kafka neu aufgelegt und die Durchführung eines Volksentscheides (der in der hessischen Verfassung verankert ist) für verfassungswidrig erklärt.
Was sagen Sie zum Argument, viele übten heute bloß Widerstand, um ihr kleines Vorgärtchen zu retten?
Das ist eines der schlechtesten Argumente. Jeder Protest entwickelt sich aus dem entsprechenden gesellschaftlichen Milieu. Erst einmal geht es um die Verteidigung persönlicher Interessen – heute wie damals. Was auch legitim ist, wenn diese sich einer gesellschaftlichen Debatte stellen.
Der Widerstand gegen den Flughafen soll gewaltfrei sein, denn man kann keine herrschaftsfreie Gesellschaft aufbauen, wenn man Gewalt ausübt, sagen heutige Besetzer…
In der Geschichte der Startbahnbewegung war die Debatte um Militanz oder Gegengewalt gelegentlich eine Bekenntnisfrage. In den entscheidenden Phasen war es jedoch eine Machtfrage: Will man sich der Polizeigewalt beugen oder nicht. Argumentiert man historisch und nicht ideologisch, steht eines fest: Wenn Bürgerinitiativen oder soziale Bewegungen große Projekte angreifen, hinter denen Politik und Kapital stehen, dann haben sie nur etwas erreichen können, wenn sich Menschen diesen Projekten konkret in den Weg gestellt haben. Doch bevor all dies wirklich Bedeutung bekommt, geht es darum, eine ganz andere Hürde zu überwinden: Für einen Teil der BI’s geht es erst einmal darum, ihren Alltag zu verteidigen – ohne zusätzlichen Lärm. Für die WaldbesetzerInnen geht es offensichtlich nicht nur um die Verhinderung einer neuer Landebahn. Sie wollen auch etwas Neues wagen, das über das ›Nein‹ hinausragt, auf der Suche nach einem ›anderen‹ Leben. Ein Konflikt, der übrigens 1980/81 das Hüttendorf genauso prägte wie das Leben der WaldbesetzerInnen heute.
Eine leicht gekürzte Fassung findet sich in der jW vom 17.6.2008




